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Mitteldeutschland Schlüsselnotdienste verlangen immer dreistere Wucherpreise
Region Mitteldeutschland Schlüsselnotdienste verlangen immer dreistere Wucherpreise
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00:00 25.10.2017
Bernd Strobel (77) aus Bennewitz ist in seiner Not – wie viele andere Verbraucher – auf eine dreiste Überrumpelungsmasche unseriöser Geschäftemacher hereingefallen. Quelle: Foto: Andreas Döring
Wurzen /Leipzig

Bernd Strobel schien auf alles vorbereitet. Der einstige Ingenieur für Heiz- und Lüftungssysteme ließ im Windfang seines Hauses in Altenbach (Kreis Leipzig) vorsorglich Schlösser einbauen, die von innen und außen schließbar sein sollten, selbst wenn auf der Gegenseite der Schlüssel steckt. „Ein Notschlüssel war beim Nachbarn hinterlegt“, sagt der 77-jährige Ruheständler.

Doch es kam, wie es kommen musste: „Mitte August lag meine Frau im Krankenhaus, und unser Kater machte Theater…“ Bei der eiligen Raubtierfütterung fiel am Abend die Tür ins Schloss, das verhakte und sich von außen nicht mehr öffnen ließ.

„Der mit Hilfe von Nachbarn und Sohn verständigte Notdienst war im Internet unter Wurzener Handwerkern gelistet. Kurz darauf rückte ein Schlosser an, der den Zylinder ausbohrte und ein neues Schloss einbaute.“ Nach einer Stunde war alles erledigt: Neuer Schließzylinder, neue Blenden: Strobels Welt schien wieder in Ordnung.

Unseriöse Geschäftemacher nutzen Notsituation schamlos aus

Nur die Rechnung fehlte noch. „Mit Anfahrtskosten und Nachtzuschlag hatte ich im schlimmsten Falle mit 500 Euro gerechnet“. Doch weit gefehlt: Der fließend deutsch sprechende Mitarbeiter des in Essen ansässigen Schlüsselnotdienstes Michel präsentierte für die eine Arbeitsstunde eine saftige Rechnung von 1572,46 Euro. „Ich bin fast umgefallen, als ich das hörte“, sagt der Rentner. „Aber was sollte ich machen! Ohne Bezahlung bekam ich weder die Schlüssel noch meinen Ausweis zurück, den der Handwerker zur Rechnungslegung verlangt hatte.“ In sein Haus kam er zwar wieder: „Aber in dieser Nacht habe ich kein Auge zugemacht“, sagt der überrumpelte Kunde. „Mir war im Nachhinein sonnen-
klar: Ich hatte Blödsinn gemacht.“ Tags darauf erstattete Strobel Anzeige bei der Polizei gegen die Abzocker-Firma und wandte sich an die Verbraucherschützer um Hilfe.

„Diese Überrumpelungsmasche in Notsituationen ist leider typisch für unseriöse Geschäftemacher“, sagt Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Sachsen. Von Schlüsselnotdiensten verlangte Wucherpreise sind für die Verbraucherschützer derzeit „ein ganz heißes Thema“, wie die Rechtsexpertin sagt. „Fast täglich wenden sich Verbraucher an uns, die auf ähnliche Weise über den Tisch gezogen wurden.“ Das reiche von mehreren Hundert Euro für wenige Handgriffe bis eben in vierstellige Regionen. Es gebe auch schon Fälle, in denen die Kunden nicht so viel Geld zahlen konnten: „Dann haben die dreisten Haustürgeschäftemacher in der Wohnstube kurzerhand den Fernseher oder den Computer abgebaut und mitgenommen“, berichtet die Verbraucherschützerin. Andere Monteure seien derart anhänglich, dass sie die unter Druck gesetzten Kunden bis zur Bank begleiten, damit sie ihre Fantasiepreise gleich in bar einsacken können.

Die Abzocker aus Nordrhein-Westfalen schaden dem Ruf der Branche, ärgert sich Sven Seiler vom gleichnamigen Schlüsseldienst im Leipziger Süden. Auch er bietet Notdienste rund um die Uhr an. Hellhörig sollten Kunden bei Lockangeboten ab neun Euro werden, die zuhauf in Online-Anzeigen kursieren, um Aufträge abzufischen. „Neun Euro reichen nicht mal für ein Briefkastenschloss“, erklärt der 35-Jährige. „Wenn ein Kunde zuvor keinen Festpreis genannt bekommt, sollte er es besser bei einer seriösen Firma versuchen.“ Beinah jede Tür lasse sich zerstörungsfrei wieder öffnen. „In den meisten Fällen ist der Schlosswechsel überflüssig.“

Gerichtliche Zwangsmaßnahmen können auch ins Leere laufen

Zur Ermittlung ortsüblicher Preise ziehen die Verbraucherschützer eine Tabelle des Metallbranchenverbandes heran. Demnach wären im Falle von Bernd Strobel maximal 360 Euro angemessen gewesen – bezahlt hat er mehr als das Vierfache. Auffällig sei, dass sich die verschiedenen Firmensitze auf den Ruhrpott konzentrieren, vor allem Essen und Dortmund. Es handele sich selten um typische Briefkastenfirmen, in den bisher acht eingeleiteten Individualklageverfahren der Verbraucherzentrale waren alle Beklagten ladungsfähig. In den meisten dieser Fälle haben die Firmeninhaber auf ihre Verteidigung verzichtet, sodass Versäumnisurteile ergingen. Für die Betroffenen ein wichtiger Etappensieg.

„Der gerichtliche Titel ist aber noch keine Garantie, dass bei den Firmen tatsächlich was zu holen ist“, sagt die Verbraucherschützerin. Falls die Kontopfändung nichts bringe, sehe sich ein Gerichtsvollzieher in der jeweiligen Firma nach pfändbaren Wertgegenständen um. „Erst dann wird sich zeigen, ob die geprellten Verbraucher etwas von ihrem Geld wiedersehen“, erklärt Siegert. „Das wird eine spannende Zeit!“

Von Winfried Mahr

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