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Mitteldeutschland Sächsische Seenotretterin „Was hier passiert, lässt mich nicht mehr los“
Region Mitteldeutschland Sächsische Seenotretterin „Was hier passiert, lässt mich nicht mehr los“
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14:38 19.07.2018
Neeske Beckmann aus Hildesheim hat auf dem Seenotrettungsschiff «Lifeline» als freiwillige Helferin angeheuert. Während das Schiff den Hafen von Valletta nicht verlassen darf, fährt sie mit dem Schlauchboot zu den anderen beiden NGO-Schiffen, die ebenfalls in Malta festliegen. Quelle: Annette Schneider-Solis/dpa
Valletta/Magdeburg

Im Frühjahr war Neeske Beckmann zum ersten Mal als Freiwillige mit einem Rettungsschiff im Mittelmeer unterwegs. Im Sommer ging sie an Bord der „Lifeline“, um Flüchtlingen in Seenot zu helfen. Doch das Schiff darf den Hafen von Malta seit Wochen nicht verlassen. Die 29-jährige Beckmann, die in Magdeburg lebt, sprach mit der Deutschen Presse-Agentur über ihre Erfahrungen.

Frage: Was hat Sie bewogen, sich für die Rettungsmission zu bewerben?

Antwort: Ich hatte mich auch bei anderen Organisationen beworben, als das losging mit der Seenotrettung. Damals hat es nicht geklappt, weil ich erst noch mein Studium abgeschlossen habe und meine Masterarbeit schreiben musste. Ich bin dann im Frühjahr meine erste Mission mit der „Sea-Eye“ gefahren, und da war für mich sofort klar, dass ich nochmal runterkomme. Ich möchte einfach mithelfen. Was hier passiert, lässt mich seither nicht mehr los.

Zur Person

Neeske Beckmann ist 29 Jahre alt, stammt aus Hildesheim und lebt jetzt in Magdeburg. Sie hat in Magdeburg und Leipzig Psychologie studiert und seit einigen Monaten ihren Master in der Tasche. Ihren 29. Geburtstag feierte sie im Juli als Crew-Mitglied der „Lifeline“ in Malta.

Frage: Wie haben Sie diese erste Mission erlebt?

Antwort: Wir sind runtergefahren vor die libysche Küste und sind dort patrouilliert. Im März, April hatten wir total raue See. Es war nicht damit zu rechnen, dass überhaupt Boote rauskommen, weil der Nordwind die sofort wieder zurückgedrückt hat an die Küste. Wir hatten zwei Tage, an denen mit Booten zu rechnen gewesen wäre. An einen Tag erreichte uns die Info von (der zentralen Seenotrettungsleitstelle) MRCC in Rom, dass ein Schlauchboot in unserer Nähe sei, aber dass die libysche Küstenwache dort schon hilft und wir uns raushalten sollen.

"Man will uns hinhalten und davon abhalten rauszufahren."

Wir sind trotzdem in die Richtung gefahren, weil bei den Rettungen der libyschen Küstenwache immer wieder Menschen sterben. Weil sie nicht trainiert sind, weil sie nicht die angemessene Ausrüstung haben. Als wir ankamen, war das Schlauchboot schon abgeborgen und zerstört worden. Uns blieb nur, mit anzusehen, wie die Menschen wieder zurückgebracht wurden. Obwohl sie schon internationales Gewässer erreicht hatten und nicht zurückgebracht hätten werden dürfen. Das verstößt gegen internationales Seerecht. Aber uns sind natürlich die Hände gebunden.

Frage: Die „Lifeline“ liegt seit Ende Juni im Hafen von Valletta fest, das Schiff ist beschlagnahmt, der Kapitän steht vor Gericht. Wie erleben Sie das?

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Antwort: Ja, es ist wahnsinnig frustrierend, hier festzusitzen. Weil wir auslaufen könnten. Wir haben ein einsatzbereites Schiff, das ist super in Schuss. Wir haben alles an Rettungsmitteln, was man braucht, um vielen Menschen das Leben zu retten. Gleiches gilt für die beiden anderen Schiffe, die hier ebenfalls festsitzen, die „Sea-Watch“ und die „Seefuchs“. Wir haben volle Crews, die mit dem Willen angereist sind zu helfen. Mit dem Willen: Wir fahren raus, auch wenn wir blockiert werden. Jetzt sitzen wir hier und dürfen nicht, obwohl wenige Seemeilen weiter Menschen ertrinken.

Man lässt sie absichtlich ertrinken. Für uns ist das politisch motiviert. Uns werden ja keine ernsthaften Dinge vorgeworfen. Man will uns hinhalten und davon abhalten rauszufahren. Aufhänger ist der eine Fall, die Vorwürfe gegen Kapitän Claus-Peter Reisch, aber dahinter steckt die Abschottungspolitik Europas.

Das Seenotrettungsschiff Lifeline in Malta

Frage: Was für Leute gehören zur Crew der „Lifeline“?

Antwort: Wir sind Menschen aus allen Altersgruppen. Wir haben Leute, die sind 19, haben gerade Abi gemacht. Wir haben aber auch Leute dabei, die sind über 60, sogar über 70. Wir kommen aus verschiedenen Berufsgruppen. Klar sind da die Berufe dabei, die man auf See braucht, also Nautiker, Maschinisten, medizinisches Personal, Köchinnen und Köche. Dabei sind aber auch Menschen, die ganz was anderes gemacht haben, aber Fähigkeiten haben, die auf dem Schiff gebraucht werden.

Zum Beispiel das, was ich machen sollte – Kommunikatorin. Wenn man also mit dem Schnellboot an die Schlauchboote ranfährt, dass man mit den Geflüchteten in Kontakt tritt. Also, verschiedene Sprachen sprechen zum Beispiel. Es ist total schön, dass Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen kommen, und zu erleben, dass sie herkommen, ihre Freizeit nutzen, vielleicht sogar ihr Studium unterbrechen oder den Job kündigen, weil sie sagen: Ich gehe für länger runter, ich will helfen, Leben zu retten.

Interview: Annette Schneider-Solis, dpa

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