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Mitteldeutschland Sachsens evangelische Kirche ringt um Verständnis von Ehe und Familie
Region Mitteldeutschland Sachsens evangelische Kirche ringt um Verständnis von Ehe und Familie
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17:05 11.08.2018
Anstoß zur Diskussion: Besucher betrachten in der evangelischen Marienkirche in Großenhain die Ausstellung „So leben wir. Familien in Sachsen im Porträt“. Darin stellt die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Sachsen (EAF) unterschiedliche Formen des Zusammenlebens vor. Quelle: Tomas Gärtner
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Großenhain

Juliane Knott und Thomas Berger sind nicht verheiratet. Sie leben aber zusammen mit ihren zwei Töchtern und müssen mit sehr wenig Geld auskommen. Silvia und Matthias Mader sind verheiratet, jedoch kinderlos. Sabine und Kai Schmerschneider haben ein Mädchen adoptiert. Das Ehepaar Maike Döschner und Dirk Meuser erzieht eine Pflegetochter. Die zwei Männer Markus und Paul Raschka wohnen in eingetragener Lebenspartnerschaft zusammen. Gerda und Anna Matzel, seit 2015 verpartnert, leben mit einer Tochter in einer Wohnung. Unterm Dach bei Catrin und Thomas Schubert wohnt neben den vier leiblichen Kindern seit vergangenem Jahr Ibrahim, ein Junge aus Nigeria, den sie adoptieren wollen. Kati Bischoffberger lebt allein, getrennt von ihrem Mann. Die beiden Töchter sind im zwei-Wochen-Rhythmus mal bei ihr, mal beim Vater.

Der einstige Standard – Vater, Mutter, Kinder – ist längt nicht mehr allgegenwärtig

Ein recht bunter Flickenteppich – diesen Eindruck hat man, wenn man sich mit diesen Beispielen vertraut macht. Vorgestellt werden sie in der Wanderausstellung „So leben wir – Familien in Sachsen im Porträt“ die noch bis Ende des Monats in der evangelischen Marienkirche in Großenhain zu sehen ist.

Mit der ersten Schau dieser Art tourt die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Sachsen (EAF) durch den Freistaat. Der familienpolitische Dachverband der sächsischen Landeskirche existiert mittlerweile 25 Jahre. In dieser Zeit haben sich die Formen von Beziehungen entscheidend gewandelt. Die Zahl der Ehepaare mit Kindern im Freistaat ist um mehr als die Hälfte gesunken, wie aus Angaben des Statistischen Landesamtes hervorgeht. Obwohl die Bevölkerungszahl sank, stieg der Anteil der Einpersonenhaushalte seit 1991 um über 14 Prozent. Deutlich zurückgegangen ist die Zahl traditioneller Familien unter den Lebensformen. Und weit mehr als die Hälfte sind Ein-Kind-Familien. Fast 98.000 Sachsen leben in nichtehelicher Gemeinschaft mit Kindern. Daneben gibt es mehr als 131.000 Alleinerziehende.

„Familien stellen einen Grundpfeiler für die Arbeit unserer Kirchgemeinden dar“, betont Landesbischof Carsten Rentzing. „Verantwortung für andere Menschen im Rahmen von Familie und Ehe zu übernehmen, ist von Beginn an Kern der christlichen Botschaft und christlich bestimmter Lebenspraxis.“

Dass der einstige Standard – Vater, Mutter, Kinder – jedoch längst nicht mehr das einzige Modell des Zusammenlebens ist, hat Eva Brackelmann schon lange geahnt. Doch als die Geschäftsführerin der EAF die 18 Beispiele der Ausstellung nebeneinander sah, war sie erstaunt über diese Vielfalt. Ehe und Familie bleiben Leitbild, betont der Landesbischof. Deren neue Buntheit indes ist für manche, die ihre Kirche vor allem als Bewahrerin Jahrhunderte alter Werte verstehen, nicht einfach zu verkraften.

Ausstellung Familien und EAF

Wanderausstellung: auf 20 einrollbaren Bahnen (Rollups) stellt sie in Bildern, Grafiken und Texten 18 Beispiele unterschiedlicher Formen des Zusammenlebens vor; 14 der Familien engagieren sich in Kirchgemeinden oder Religionsgemeinschaften; vorgestellt werden auch eine Familie ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam und eine von Flüchtlingen aus Syrien; Familien geben Auskunft über Alltag, Zeitbudget, Wünsche

Organisation: Evangelische Arbeitsgemeinschaft Familie (EAF) ist der familienpolitische Dachverband evangelischer Institutionen und Verbände auf Bundes- und Länderebene; in Sachsen wurde sie 1993 als Verein gegründet und heißt Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (EAF)

Wege: die EAF versteht sich als Plattform für Diskussionen zu ethischen, sozialen, wirtschaftlichen, pädagogischen Familien-Themen, Sprachrohr und Lobby für evangelische Positionen, Verbindung zwischen Familien-Basisarbeit und Sozialpolitik, zwischen Kirche und Gesellschaft sowie als Netzwerk

Bedürfnisse: Familien wünschen sich, so ermittelte die EAF, gute Arbeit, Zeit, Wertschätzung für die geleistete Familienarbeit, die Möglichkeit, Familie, Beruf, Pflege und Ehrenamt miteinander zu vereinbaren.

Internet: www.eaf-sachsen.de

In seiner Orientierungshilfe zum Thema Familie hatte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2013 konstatiert, wie sehr traditionelle Orientierungen ins Wanken geraten. Aber bereits im Neuen Testament werde deutlich: „Das Miteinander in Ehe und Familie ist wichtig, ist aber nicht die einzig mögliche Lebensform.“ Der Rat erinnerte daran, dass Martin Luther die Ehe zwar als „göttlich Werk und Gebot“ hoch schätzte, sie letztlich aber zum „weltlich Ding“ erklärte, weshalb die Ehe bei den Evangelischen – im Unterschied zu den Katholiken – kein Sakrament wie Taufe und Abendmahl ist.

Eine Definition, die nicht vorschreibt, wer wie und mit wem leben darf

Umgehend protestierte die Sächsische Bekenntnis-Initiative, eine Sammlungsbewegung konservativer Lutheraner: Akzeptiere die EKD alle existierenden Lebensentwürfe als gleichberechtigte und gleich gute Formen von Familie, folge sie der Normativität des Faktischen, die niemals Grundlage kirchlichen Handelns sein dürfe. „Fassungslos stellen wir fest, dass sie damit das biblische Leitbild für Ehe und Familie verwirft.“

Besonders an gleichgeschlechtlichen Partnerschaften entzündet sich die Debatte. Auch bei der Eröffnung der Ausstellung in der Marienkirche. „Ich will das nicht verurteilen“, sagt eine Frau. „Ich kann das nicht akzeptieren“, entgegnet eine andere. „Kein Wunder, dass die Leute die Kirche verlassen – wenn sie sich nicht mehr an die Bibel hält“, meint ein Mann.

Auf der anderen Seite wünscht sich das in der Ausstellung vorgestellte lesbische Paar eine Abkehr vom Vater-Mutter-Kind-Modell: „Familie ist da, wo Kinder sind.“ Sind ungewollt kinderlose Paare, die sich womöglich um eine pflegebedürftige Mutter kümmern, dann keine Familie? In Sachen Familie existieren gegensätzliche Positionen. Sie resultieren aus unterschiedlichen Auslegungen der Bibel. Als Leitfaden für eine enge Norm jedenfalls versteht Eva Brackelmann die Heilige Schrift nicht: „Angelehnt an die ‚Orientierungshilfe’ des Rates der EKD sehen wir Familie als eine auf Dauer angelegte Verantwortungs- und Fürsorgebeziehung in generationenübergreifender Perspektive.“ Diese Definition schreibt nicht vor, wer mit wem und wie leben darf.

Geschlecht, Alter, Nationalität, sexuelle Orientierung sind zweitrangig. An erster Stelle werden drei große „V“ als entscheidender Maßstab an jede Art Beziehung angelegt: Verantwortlichkeit, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit.

Von Tomas Gärtner

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