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Mitteldeutschland Sachsens Sozialministerin nimmt Verbraucher beim Tierschutz in die Pflicht
Region Mitteldeutschland Sachsens Sozialministerin nimmt Verbraucher beim Tierschutz in die Pflicht
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22:58 10.01.2018
Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) steht mit Jürgen Weber, dem Geschäftsführer des Geflügelhofs Weber, in einem Hühnerstall auf dem Geflügelhof Weber in Schönberg.  Quelle: Foto: dpa
Schönberg

 Hühner glücklich zu machen, ist keine einfache Sache. Erst recht nicht, wenn es sich um Legehennen handelt. Der Schönberger Geflügelzüchter Jürgen Weber weiß davon ein Lied zu singen. In dem 1990 gegründeten Geflügelbetrieb im Landkreis Zwickau werden die Schnäbel von Legehennen nicht mehr gekürzt, um die Tiere nicht unnötig zu quälen. Diese Regelung gilt seit 1. Januar in ganz Sachsen.

Da aber dadurch gleichzeitig die Gefahr wächst, dass ein Huhn dem anderen – mit ungekürztem Schnabel dann freilich – ein Auge aushackt, muss Weber in den Ställen Luzerne-Heu ausbringen, Pick-Steine zur Deeskalation aufstellen und die Stallbeleuchtung in den Anti-Stress-Modus dimmen. Ein anspruchsvolles Vorhaben bei insgesamt knapp 40 000 Hühnern.

Am Mittwoch stellte Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) auf Webers Hof den aktuellen Tierschutzbericht des Freistaats vor, der den Zeitraum von Mitte 2014 bis zum Herbst 2017 umfasst. „Die Haltungsbedingungen müssen an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden, nicht umgekehrt“, machte Klepsch dabei klar.

Jürgen Weber, der Geschäftsführer des Geflügelhofs Weber, kniet in Schönberg zwischen freilaufenden Hühnern auf einer Weide. Quelle: dpa

Frei nach Albert Schweitzer sei man den Tieren nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit schuldig. Gemeint damit sind sowohl die intakten Schnabelspitzen der Hennen als auch unversehrte Hörner von Rindern und komplette Ringelschwänze von Ferkeln.

Dieser Mehraufwand habe dann freilich auch seinen Preis, den der Kunde spätestens an der Kasse zahlen müsse, sagte Klepsch. „Wenn ich für den Aufwand wegen der Schnabelspitzen das Ei für einen Cent teurer verkaufen kann, ist es in Ordnung“, erwiderte Geflügelzüchter Weber diplomatisch.

Generell gelte es, so Klepsch weiter, den Tierschutz kontinuierlich zu verbessern, dabei aber stets auch die wirtschaftliche Machbarkeit im Auge zu behalten. Der Freistaat setze deshalb auf Dialog und Freiwilligkeit bei den Erzeugern.

Sachsens Grünen geht das aber alles nicht weit genug. Deshalb zeigte Fraktionschef Volkmar Zschocke am Mittwoch im Schweitzerschen Sinne auch kein Erbarmen, sondern pochte auf Gerechtigkeit: „Bisher sind noch viel zu wenige Betriebe bereit, sich für wesentliche Verbesserungen beim Tierschutz zu engagieren“, rügte er. Außerdem seien die behördlichen Kontrollen unzureichend.

Im aktuellen Tierschutzbericht ging es ferner um:

Schweine: Die rund 653 000 sächsischen Schweine in knapp 2600 Betrieben sollen wieder „Ringelschwänzchen zeigen dürfen“, wie es im Bericht wörtlich heißt. Da die EU-Kommission den Mitgliedsländern gleichzeitig empfohlen hat, Maßnahmen zur Reduzierung des Schwanzbeißens zu ergreifen, wurde von der Sächsischen Tierseuchenkasse ein ganzes Präventionsprogramm erarbeitet. Außerdem gelte es, „die Sau rauszulassen“, da die üblichen Kastenstände zur Haltung meist zu eng sind. Ab 2019 ist die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung verboten.

Rinder: Die Zahl der rinderhaltenden Betriebe sank von 5619 (2015) auf 5604. (2016). Überprüft wurden 855 Betriebe, Mängel gab es bei 58 von ihnen. Häufig ging es dabei um unzulängliche bauliche Voraussetzungen. Enthornungen von Tieren dürfen nur noch in Einzelfällen und unter Betäubung erfolgen. Der Bundesrat hat sich jüngst (mit der Stimme Sachsens) gegen eine ganzjährige Anbindehaltung von Rindern ausgesprochen.

Geflügel: Neben dem Ende des Schnabelkürzens soll es ab 2025 keine Käfighaltung von Legehennen mehr geben. Die Länder beraten derzeit intensiv, wie die speziellen Haltungsbedingungen auf verarbeiteten Lebensmitteln und Speisekarten in der Gastronomie detailliert ausgewiesen werden sollen. Von 9093 Betrieben wurden 2016 insgesamt 462 überprüft und lediglich zehn beanstandet.

Schafe: Seit 2014 ist die Zahl der schafhaltenden Betriebe in Sachsen deutlich von 8891 auf 7882 (2016) gesunken. Freuen dürfen sich aber die Herdenschutzhunde, die die sich häufenden Wolfsübergriffe verhindern sollen. Die Hunde haben künftig laut Erlass der Landesdirektion Sachsen das Recht auf den gleichen Witterungsschutz wie ihre Schützlinge, die Schafe.

Kaninchen: Sachsens Kaninchen erfreuen sich bereits seit 2014 detaillierter Haltevorschriften. Diese beinhalten unter anderem, dass sie vom Züchter nicht mehr allein gehalten werden sollen und Zugang zu Stroh und Nagematerial haben müssen. Exakt ab 50 Kaninchen wird von einer gewerblichen Haltung ausgegangen.

Pelztiere: Seit September 2017 regelt ein Gesetz das Pelztierhaltungsverbot mit Erlaubnisvorbehalt. Im Sinne des Tierschutzes soll dann die Pelztierhaltung in Deutschland bis 2022 komplett ausgetrocknet werden. In Sachsen gab es 2017 allerdings ohnehin nur noch einen einzigen Betrieb im Landkreis Mittelsachsen.

Hunde: Hundeschulen müssen seit dem Jahr 2014 einen Sachkundenachweis erbringen, um zu belegen, dass der Ausbilder über die notwendige fachliche Kenntnis verfügt. Im Zuge der Flüchtlingskontrollen wurden von der Bundespolizei an der Grenze zu Polen und Tschechien vermehrt Hunde ohne Impfung und gültige Tierpässe aufgegriffen. Deshalb soll eventuell eine ehemalige Grenzkontrollstelle als Unterkunft für die Vagabunden ausgebaut werden.

Katzen: Das Dresdner Sozialministerium sieht derzeit keine Notwendigkeit, eine landesweite oder kommunal begrenzte Kastrationspflicht für Stubentiger einzuführen. Voraussetzung wäre, dass an freilebenden Katzen erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden festgestellt würden, die auf eine hohe Anzahl von Tieren zurückgeht. Derartige Angaben aus Kommunen existieren aber schlichtweg nicht.

Tierheime: Sachsen zahlt den rund 50 Tierheimen im Freistaat jährlich 280 000 Euro an Sachmitteln für Kastrationen und Sterilisationen. Zusätzlich erhalten sie Investitionskostenzuschüsse in Höhe von 300 000 Euro jährlich. Diese Summe wird in dieem und im kommenden Jahr auf 350 000 Euro aufgestockt.

Von Roland Herold

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