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Sachsens Ärzte fühlen sich bei Telemedizin abgehängt

Verkrustete Strukturen Sachsens Ärzte fühlen sich bei Telemedizin abgehängt

Für den Chef des Sächsischen Hartmannbundes, Thomas Lipp, sind die Schuldigen an der Misere bei der Einführung der Telemedizin im Gesundheitswesen die Selbstverwaltung, besonders die Krankenkassen, aber auch ein Stück die Bundesärztekammer, die Kassenärztlichen Vereinigungen und Fachverbände.

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Quelle: André Kempner

Dresden. Für den Chef des Sächsischen Hartmannbundes, Thomas Lipp, sind die Schuldigen an der Misere bei der Einführung der Telemedizin im Gesundheitswesen die Selbstverwaltung, besonders die Krankenkassen, aber auch ein Stück die Bundesärztekammer, die Kassenärztlichen Vereinigungen und Fachverbände. All jene, die eigentlich den Willen des Gesetzgebers umsetzen sollen. Die Strukturen seien in dieser Frage blockierend, ja sogar systemversagend, so Lipp.So habe eben gerade die Regulierung des Themas Telemedizin und die Schaffung der elektronischen Patientenakte viel zu lange gedauert. „Es gab unendliche Jahre Streit allein darüber, was ein Notfalldatensatz ist. Jeder Pseudoexperte wurde angehört. Doch der Versuch, es allen recht zu machen, führt mit falsch verstandener Demokratie zum kleinsten gemeinsamen Nenner: Es bewegt sich gar nichts“, moniert Lipp.

Gleichzeitig plant die Bundesregierung aber ab 2018 pauschale Kürzungen der Vergütung von Ärzten und Zahnärzten, die nicht an der Online-Prüfung von Versichertenstammdaten teilnehmen. „Doch das kann so nicht kommen, wenn die Industrie es nicht schafft, dies technisch umzusetzen“, glaubt Lipp. „Auch bezüglich der elektronischen Patientenakte sind wir technisch nicht in der Lage, 80 Millionen Menschen zu verknüpfen.“ Mit über 100 verschiedenen Praxisverwaltungssystemen (die Krankenhäuser haben noch einmal völlig andere Systeme) – undenkbar. Der Gesetzgeber müsse die Anbieter daher zwingen, Schnittstellen für verschiedene Verwaltungssysteme zu schaffen und vor allem freizugeben. Ansonsten sollten sie vom Markt genommen werden. Denn die Software-Firmen bremsten, weil sie nicht wollten, dass Daten auf andere praktikablere Systeme übertragbar würden.

Als Beispiel führt Lipp den seit 1. Oktober verbindlichen Medikationsplan ins Feld, auf den Patienten mit mehr als drei Medikamenten ein Recht haben. Es würden alternativlos völlig überteuerte Programmergänzungen mit Riesen­gewinnmargen für die Softwarehäuser angeboten. Dadurch sinke die Bereitschaft der Ärzte, sich in der Sache zu engagieren.

Die medizinische Betreuung der Patienten werde sich grundsätzlich ändern, so der Chef des Hartmannbundes. Während Ärzte heutzutage Daten sammelten, um sie anschließend zu bewerten, werde dies künftig die Technik, gesteuert durch den Patienten, tun. Schon heute sei es möglich, über mobile Stationen Blutzucker, Sauerstoffsättigung oder auch Flecken auf der Haut zu untersuchen, während der Arzt am anderen Ende der Welt sitze. Die Giganten Apple und Google planten, solche Stationen in jedem Kaufhaus zu etablieren. Jeder, der einkaufen gehe, könne sich dann mit Hilfe von Telemedizin untersuchen lassen. Sei sein Befund auffällig, überweise ihn das System an den Facharzt in der Nähe, bei dem zuerst ein Termin frei ist. Eine Bedarfsplanung für Arztsitze werde dadurch nahezu überflüssig.

„Die in dieser Frage träge reagierende Selbstverwaltung treibt damit die Patienten von den Ärzten weg in die Hände der großen Konzerne und in Parallelstrukturen des Gesundheitssystems“, fürchtet Lipp. Deren Ansatz sei jedoch ausschließlich die Gewinnmaximierung. „Das ist keine Zukunftsmusik, sondern Realität: Apple hat eine Milliarde Gesundheitsapps höchster Qualität verschenkt, weil sie mit den Daten, die dort gesammelt werden, die gesamten Kosten wieder reinhaben.“

Auch die Rolle des Arztes werde sich wandeln. Er müsse in Zukunft den Patienten mehr führen und Ergebnisse bewerten. Denn der Patient komme dann nicht mehr zum Blutzuckermessen, sondern mit besten Grafiken durch Hunderte Messungen, die er über seine App gemacht hat. Das sei eine durchaus qualifiziertere Rolle für den Arzt, die auch der entsprechenden Aus- und Weiterbildung bedürfe. Biologie, Philosophie und Theologie gehörten darum stärker in die Grundausbildung. Die Telemedizin werde schließlich auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachgebieten verändern. Schon heute würden zum Beispiel in Psychiatrie und in der Psychotherapie durch internetbasierte Assistenzsysteme (um die Wartezeit auf den Facharzttermin zu überbrücken) bei Depressionen und Schlafstörungen frappierende positive Ergebnisse erzielt.

Der aktuelle Umgang mit der Telemedizin erinnere ihn an ein Kapitel aus dem vorletzten Jahrhundert, sagt Lipp. Als ärztliche Kritiker gegen Lokomotiven votierten wegen erwartbarer gesundheitlicher Schäden für Mensch und Vieh. Begründet wurde das seinerzeit mit der für damalige Verhältnisse unvorstellbar hohen Geschwindigkeit von bis zu 40 Kilometern pro Stunde...

Von Roland Herold

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