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Mitteldeutschland Restitution der wiederentdeckten „Hertie“-Bibliothek
Region Mitteldeutschland Restitution der wiederentdeckten „Hertie“-Bibliothek
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08:25 24.01.2018
Bücher aus der Bibliothek der jüdischen Unternehmerfamilie Edith und Georg Tietz (Hermann Tietz & Co. Warenhäuser - Hertie).
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Bautzen

Andächtig blättert June Jasen in einer Mappe mit indischen und persischen Tapetenmustern. „Dieses Buch sieht wie meine Großmutter aus. Was würde sie wohl dazu sagen“, überlegt die New-Yorkerin. Sie sitzt mitten in einem Stapel alter Bücher in der Stadtbibliothek Bautzen - und staunt. Ein Großteil der Sammlung gehörte ihren Großeltern Edith und Georg Tietz.

Vor eineinhalb Jahren waren Wissenschaftler bei der Sichtung des Altbestands der Einrichtung auf den bisher als verschollen geglaubten Schatz aus Papier der Familie der Kaufhaus-Dynastie „Hertie“ gestoßen. Bis Ende März soll nun die Restitution abgeschlossen sein.

June Jasen unterhält sich am 20.01.2018 in der Stadtbibliothek in Bautzen (Sachsen) mit dem Bautzener Provenienzforscher Robert Langer über die Bücher und die Geschichte der Familie (Hertie). Quelle: Miriam Schönbach/dpa

June Jasen nimmt Buch für Buch aus einem bereitgestellten Wagen. Sie hat 6500 Kilometer Luftlinie für diesen Augenblick zurückgelegt. Seit ihrer Geburt 1952 lebt sie in New York, ihren Großvater kennt sie vom Hörensagen, an ihre Großmutter erinnert sie sich als eine „Frau, die wenig sprach“. „Auch, wenn sie nichts gesagt hat, gewusst habe ich alles“, sagt die Künstlerin. Dieses Alles ist ein so kurzes Wort, für die Familien Tietz bedeutet es den Verlust ihrer Heimat und ihres Unternehmens. Ihr Schicksal in Berlin besiegelt 1933 die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Bestens mit der Familiengeschichte der Nachfahren der „Hermann Tietz & Co. Warenhäuser“ (Hertie) kennt sich inzwischen Provenienzforscher Robert Langer aus. Er hat die zerstreuten Puzzleteilchen zusammengetragen und -gesetzt. Bei den letzten Fragen hilft nun die Enkelin aus Amerika. Aus dem Bücherwagen holt der promovierte Philosoph ein schmales unscheinbares Buch hervor. Es ist eine Hebräische Lesefibel mit dem Namensstempel „Hans Herrmann Tietz - Berlin-Grunewald - Königsallee 77“. Dieser Fund hat den Forscher auf die Spur der Hertie-Bibliothek gebracht. Hans Herrmann Tietz ist der inzwischen verstorbene Onkel von June Jasen. Ihre Mutter dagegen lebt mit 93 Jahren wie sie in der US-Metropole.

Wieder öffnet die Besucherin ein Buch. Gleich auf der zweiten Seite findet sich das Exlibris ihre Großmutter. Auf dem eingeklebten Zettel sind ein Spinnrad und eine Biene und der Namenszug Edith Grünfeld zu sehen. „Auch später hat Edith ihre Bücher mit Etiketten gekennzeichnet“, sagt Jasen. Solche Herkunftsmerkmale sind für die Provenienzforscher eher selten. „Meistens wurde sie herausgerissen, herausradiert, Stempel wegrasiert, überklebt, damit man nicht mehr nachvollziehen kann, vorher die Bücher stammen“, sagt Langer.

Ihre Sammlung müssen die Großeltern und die anderen Angehörigen bei der Emigration aus Deutschland zurücklassen. Die Brüder Georg und Martin Tietz und deren Schwager Hugo Zwillenberg werden 1934 aus der Unternehmensleitung gedrängt. Mit ihrer Ausreise nach Liechtenstein wird 1938 das bewegliche Vermögen der Exilanten durch die Oberfinanzbehörde beschlagnahmt und eingelagert. Das beauftragte Umzugsunternehmen erstellt eine 90-seitige Bücherliste, die Langer im Brandenburgischen Hauptarchiv aufgespürt hat.

Mit deren Hilfe hat der Wissenschaftler nun den Bautzener Altbestand mit der ursprünglich 4000 Bände zählenden Bibliothek abgeglichen. „Mit 550 Büchern haben wir in Bautzen etwa ein Zehntel gefunden“, sagt er. In die sächsische Stadt kommt die Sammlung, unter anderem mit Büchern über den Kupferstecher Daniel Nikolaus Chodowieckis, seltenen Drucken oder Schriften zur Ökonomie erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bereits 1944 erwirbt sie die Reichstauschstelle und bringt sie in der Nähe der Stadt auf einen Gut in Sicherheit. Ursprünglich sind die Tietzschen Bücher für die Leipziger Stadtbibliothek vorgesehen.

Dieses Ziel erreicht die kostbare Sammlung nie. Bei den Erzählungen des Wissenschaftlers setzt sich für June Jasen Stück für Stück Familiengeschichte zusammen. „Es hieß immer, die Bücher seien verloren gegangen“, sagt die Amerikanerin, die mit ihrer Großmutter bis zu deren Tod 1984 Deutsch sprach. Nach der ersten Medienberichterstattung im Oktober 2016 erfahren sie und ihre Verwandten über einen Freund der Familie vom bedeutenden Fund in Bautzen. In die dortige Stadtbibliothek bringen Bücherbergungen auf den Schlösser und Gütern nach dem Krieg zumindest einen Teil des Schatzes. Spätestens hier verschwinden bei der Einarbeitung in den Bibliothekskatalog viele der Herkunftsmerkmale. 

Doch Langer geht inzwischen davon aus, dass die damals Verantwortlichen wussten, welche Bücher ins Regal geräumt werden. „Für die Bücherbergungen war unter anderem der stellvertretende Landrat Werner Fraustadt beauftragt. Wie Georg Tietz war der Jurist früher im Philologen-Verband“, sagt er. Ein paar Unbekannte werden trotzdem bleiben, zum Beispiel wie viele Bücher seinerzeit in die Bibliothek kamen - und welche Bücher entweder durch ganz normales Aussortieren oder auch für Devisenbeschaffung in den 1980er Jahren abhandengekommen sind.

Über den weiteren Umgang mit den Büchern müssen sich nun fünf Erben einigen, ein Termin mit den Rechtsanwälten ist vereinbart. Nach Wunsch des Wissenschaftlers soll die Restitution bis Ende März abgeschlossen sein. Dann läuft das Projekt aus, das durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert wurde. Durchforstet ist jedoch noch lange nicht der komplette Altbestand mit 80 000 Büchern der Stadtbibliothek. „Etwa 14 000 Einheiten haben wir untersucht. Wir überlegen, ob wir im Herbst einen weiteren Förderantrag stellen“, sagt Leiterin Sabine Kempel.

Die Bücher der Tietz-Bibliothek sind inzwischen im Online-Katalog mit dem Stichwort Provenienz und NS-Raubgut zu finden. Ein weiterer Link führt von dort zum Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, wo die Geschichte der Sammlung stichwortartig nachzulesen ist. „Die Forschung ist nun transparent“, sagt Langer. June Jasen antwortet vertieft über die Bücher: „Das ist ein Glück.“

Von Miriam Schönbach, dpa

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