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Mitteldeutschland Oschatz eine trostlose Geisterstadt? RTL-Bericht löst heftiges Beben aus
Region Mitteldeutschland Oschatz eine trostlose Geisterstadt? RTL-Bericht löst heftiges Beben aus
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12:26 03.01.2018
So hatte RTL am 25. Dezember die Weihnachtsansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angekündigt. Inzwischen ist der Beitrag aus der RTL-Mediathek verschwunden. Quelle: Screenshot RTL
Oschatz

Die Große Kreisstadt Oschatz in Nordsachsen hat knapp 15 000 Einwohner, schon dreimal eine schicke Gartenschau veranstaltet und mit dem Wilden Robert eine Schmalspurbahn, auf deren Glühweinfahrten unter Dampf nicht nur Eisenbahnfreunden das Herz aufgeht. Seit den Weihnachtsfeiertagen 2017 hat Oschatz jetzt aber plötzlich ein Imageproblem: Bundesweit sorgte ein RTL-Bericht dafür, dass Oschatz für eine verlassene Geisterstadt irgendwo im tiefen Osten gehalten wird.

Verantwortlich dafür war ausgerechnet die Weihnachtsansprache von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, der bei RTL und auf n-tv über verlassene Orte sprach. „Ich bin im zurückliegenden Jahr viel unterwegs gewesen und habe Orte kennengelernt. Orte, in denen es schon lange keine Tankstelle oder Lebensmittelgeschäfte mehr gibt, inzwischen auch die Gaststätte geschlossen ist, die Wege zum Arzt immer weiter werden und die letzte Busverbindung eingestellt ist ... Und aus diesen Orten weiß ich: Es gibt eine Stille, die bedrohlich werden kann ... Und ich kann verstehen, dass die Menschen dort unzufrieden sind, sich sogar abgehängt fühlen.“

Passend dazu schickte RTL ein Drehteam los, das ausgerechnet in Oschatz die Trostlosigkeit zur Illustration der Steinmeier-Worte filmen sollte. Gezeigt wurde dann in dem Beitrag eine leer gefegte Oschatzer Innenstadt. Zwei Leute auf der Straße kamen zu Wort, die sich beklagten, dass in Oschatz der Konsum zugemacht habe und die Schule auch. Damit war der Weihnachtsfrieden in der Stadt dahin. Vor allem in Internetforen tobte der Volkszorn über RTL. Online gab es viele Kommentare, wie diesen: „Hat der Privatsender aus Köln wieder zugeschlagen! ... Als ein Beispiel für ein typisch totes Kaff taugt Oschatz nun wirklich nicht. Hier gibt es Tankstellen, Schulen, Supermärkte und Fachgeschäfte. Ich habe hier lange gearbeitet, gefeiert, gelacht und geliebt. Die meisten Oschatzer sind freundliche Leute, und in der Stadt ist seit 1990 viel getan worden.“

Es gab aber auch Einwohner, die dem RTL-Bericht teilweise recht gaben. So war auch zu lesen: „Da ist was Wahres dran. Oschatz hat nicht mal Arbeit für ältere Leute und wird auch für jüngere keine haben. Ab 16 Uhr werden in Oschatz die Fußwege hochgeklappt. Und wenn man eine Gaststätte für den Abend sucht – umsonst.“

Oberbürgermeister Andreas Kretschmar (parteilos) konnte anfangs nur den Kopf schütteln über das Bild, das RTL von seiner Stadt zeigte. „Bei mir haben sich viele Einwohner gemeldet, die mich auf den Beitrag aufmerksam gemacht haben.“ Auch hat er die Diskussion in den Internet-Foren verfolgt. Inzwischen aber sagt er: „Für mich ist der Drops mit RTL gelutscht. Ich werde in dieser Sache nicht mehr aktiv werden. Ich bin der Meinung, dass es jede Stadt hier in der Umgebung hätte treffen können und am ersten Weihnachtsfeiertag in der Mittagszeit ähnliche Aufnahmen zustande gekommen wären.“ Entscheidend seien für ihn vielmehr die vielen positiven Statements zu Oschatz und der Collm-Region, die es als Reaktion gab. „Ich habe zu 99 Prozent nur gute Rückmeldungen über Oschatz erhalten. Dafür bedanke ich mich.“

Anderen reicht das jedoch nicht. So kündigte unter anderem der nordsächsische Chef der Jungen Union, Florian Stehl, einen Protest-Brief an RTL an, den er inzwischen auch auf Facebook gepostet hat. Darin heißt es: „Sie haben mit Ihrem Bericht vielen engagierten Bürgern und Unternehmern, die für ihre Heimat kämpfen, vor den Kopf gestoßen und die Region mit gezielten Falschmeldungen in ein schlechtes Licht gerückt.“ Stehl empfiehlt auch anderen empörten Oschatzern, einen Brief an den Sender zu schreiben. Nordsachsens Bundestagsabgeordneter (CDU) Marian Wendt geht sogar noch einen Schritt weiter: Er rät zu einer Beschwerde. „Ich empfehle, dass OB Andreas Kretschmar einen Brief an die für RTL zuständige Landesmedienanstalt in Form einer Programmbeschwerde richtet. Dieser Beitrag war unsäglich, falsch recherchiert und Vorurteile bedienend!“

Doch OB Kretschmar winkt ab. Er sehe keinen Grund mehr, noch einmal nachzuhaken, „zumal der Film über die Mediathek von RTL nicht mehr abrufbar ist“. Damit wird es wohl auch nicht zu einem vergleichbaren Kleingärtner-Krieg kommen, den im vorigen Jahr das thüringische Altenburg mit dem ZDF ausgefochten hatte. Eine verunglückte Anmoderation von „heute journal“-Moderator Claus Kleber über Schrebergärtner der Skatstadt hatte heftige Turbulenzen ausgelöst. Erst eine Aussprache beim „Friedensgipfel vom Lerchenberg“ beim ZDF in Mainz beendete diesen Disput.

Von Hagen Rösner und Olaf Majer

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