Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Mitteldeutschland „Nur für Dresden, Leipzig oder Jena ist die Aufholjagd noch realistisch“
Region Mitteldeutschland „Nur für Dresden, Leipzig oder Jena ist die Aufholjagd noch realistisch“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:24 09.08.2016
Joachim Ragnitz (55), Vizechef des Dresdner ifo-Instituts. Quelle: dpa
Dresden

Ohne eine neue Wirtschaftinitiative wird der Osten den Westen nicht mehr einholen. Einzig die wirtschaftlichen Zentren Dresden, Leipzig und Jena könnten noch aufschließen, sagt Joachim Ragnitz, Vizechef des Dresdner ifo-Instituts.

Es heißt, der Aufholprozess des Ostens hat sich verlangsamt. Hand aufs Herz: Wann hat der Osten Westniveau erreicht?

Die Wirtschaft in Ostdeutschland wächst in etwa in gleichem Tempo wie die in Westdeutschland – eine Annäherung der Wirtschaftskraft pro Kopf kommt insoweit nur noch zustande, weil die Bevölkerung hier stärker schrumpft. Wenn sich das nicht ändert, wird der Osten den Westen in überschaubarer Zeit gar nicht erreichen – nur für einzelne wirtschaftliche Zentren wie Dresden, Leipzig oder Jena ist diese Perspektive überhaupt noch realistisch.

Als eine der wesentlichen Ursachen für die schleichende Entwicklung galt immer die Kleinteiligkeit der Unternehmenslandschaft – hat sich da etwas geändert?

Nein – viele Unternehmen im Osten verfolgen ja auch gar keine echte Wachstumsstrategie. Sie setzen auf die Stabilisierung des Erreichten, weil die Unternehmenseigner heute kurz vor der Rente stehen. Das lässt sich wirtschaftspolitisch auch kaum beeinflussen – man kann nur hoffen, dass die Nachfolger dann mehr Elan mitbringen und unternehmerisches Wachstum stärker in den Vordergrund stellen.

Das bedeutet doch nichts anderes, als dass der Osten künftig weiter gefördert werden sollte, oder?

Mein Eindruck ist, dass die Wirtschaftspolitik sich mit dem fortbestehenden Rückstand weitgehend arrangiert hat. Leider stehen vielfach auch eher verteilungspolitische Ziele im Vordergrund, gerade auch auf Bundesebene. Weitere Unterstützung der ostdeutschen Wirtschaft ist notwendig, aber die bisherigen Konzepte verlieren zunehmend an Wirksamkeit. Da muss man also überlegen, was man künftig anders machen kann.

Sie sprechen sich für eine stärkere Förderung im Bereich Innovationen aus. Wie soll das gehen? Der Osten hinkt doch bei Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen dem Westen um Längen hinterher.

Ein gewichtiges strukturelles Defizit ist in der Tat die mangelnde technologische Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen. Aber es gibt in der Welt so viel technologisches Wissen – das muss man nur in die Unternehmen hineinbekommen. Wir haben hier viele Universitäten, viele Fachhochschulen – meines Erachtens sollte man diese staatlicherseits in die Pflicht nehmen, stärker mit den hiesigen Unternehmen zusammenzuarbeiten, um auf diese Weise den Transfer von technologischen Neuerungen in wirtschaftliche Anwendungen zu unterstützen.

In den Jahren seit der Vereinigung war im Osten vor allem die Investition in Infrastruktur ein Treiber der Wirtschaft – rechnen Sie hier noch mit Impulsen?

Investitionen in die Infrastruktur sollten ja vor allem die Standortbedingungen für die Unternehmen verbessern – in vielen Bereichen hat das ja auch funktioniert. Im Verkehrsbereich zum Beispiel sehe ich kaum noch Nachholbedarfe in Ostdeutschland. Anders sieht es aber bei der Breitbandversorgung aus – hier muss auf jeden Fall mehr getan werden, um die Unternehmen auch in den peripheren Regionen mit ausreichend schnellen Internet-Verbindungen zu ver­sorgen. Ansonsten geht auch die viel beschworene Digitalisierung am Osten vorbei, mit der Folge, dass die Rückstände noch größer werden.

In  Ostdeutschland altert  die Bevölkerung wesentlich schneller. Wie kann dennoch ein Engpass bei den Arbeitskräften vermieden werden?

Da sehe ich eigentlich nur zwei Lösungsansätze: Entweder mehr Zuwanderung, oder aber den Übergang zu einer weniger arbeitsintensiven Produktionsweise. Solange Zuwanderer wenig Anreiz haben, sich im Osten niederzulassen, sollte man vor allem versuchen, mit weniger Arbeitskräften auszukommen. Da die Beschäftigungsintensität der Produktion im Osten im Schnitt noch um rund 30 Prozent höher liegt als im Westen, gibt es hier durchaus noch erhebliche Potenziale. Wichtig ist es schließlich auch, stärker in Bildung zu investieren – es ist er­schreckend, dass selbst in Sachsen rund acht Prozent aller Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen und damit fürden Arbeitsmarkt weitgehend verloren sind.

Und was passiert, wenn das nicht gelingt?

Dann ist künftig mit noch schwächerem Wirtschaftswachstum zu rechnen – mit allen negativen Folgen, die das für die Einkommen, die Steuerkraft, die Angleichung der Lebensverhältnisse usw. hat. Sich auf dem Erreichten auszuruhen, wäre wirklich fatal. Es ist an der Zeit, dass die Wirtschaftspolitik offensiver auf die anstehenden Herausforderungen reagiert und eine neue Wachstumsinitiative für die ostdeutschen Länder startet.

Interview: Andreas Dunte

Von Andreas Dunte

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die CDU verdrängt nach Ansicht des Grünen- Politikers Volkmar Zschocke noch immer das Ausmaß rechtsextremen Gedankengutes in Sachsen. Als Beispiel nannte er CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer, der im Juni „Krawalltouristen“ für verbale Ausfälle gegen Bundespräsident Joachim Gauck in Sebnitz verantwortlich machte.

09.08.2016

Die Zahl der Fälle organisierter Kriminalität im Zusammenhang mit Rauschgift verharrt in Sachsen auf fast konstantem Niveau. Im vergangenen Jahr habe die Polizei in insgesamt 16 „Verfahrenskomplexen“ ermittelt, antwortete das Innenministerium auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion im Landtag.

09.08.2016

Der Sommer legt in den nächsten Tagen in Sachsen eine kurze Verschnaufpause ein. Schon am Dienstag geht es mit den Temperaturen abwärts - auf Maximalwerte von knapp 20 Grad.

08.08.2016