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Mitteldeutschland Ministerpräsident Kretschmer wirbt in London für Sachsens Wirtschaft
Region Mitteldeutschland Ministerpräsident Kretschmer wirbt in London für Sachsens Wirtschaft
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21:00 04.10.2018
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bei Wirtschaftsgesprächen in London.  Quelle: Pawel Sosnowski
London

„Etwas eng hier“, sagt ein Unternehmer, als die Toilettentür an seinen Arm stößt. „Wie in der DDR eben“, sagt der Journalist, der das Örtchen verlässt. Sachsen feiert die Deutsche Einheit – und das in der ehemaligen Botschaft der DDR in London, 34 Belgrave Square. Der Osten kommt halt nicht so schnell weg vom Osten – auch wenn alles schon 28 Jahre her ist.

„Welcome to Saxony“ steht am Eingang des heutigen „German House“, das eine Art Dependance der deutschen Botschaft in London ist. Sachsen hat aufgetafelt: Radeberger Bier, Wein aus Meißen und später, in der richtigen Botschaft drei Häuser weiter, kommt dann noch Dresdner Christstollen dazu.

Die Leipziger Messe, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Universitäten und Hochschulen des Landes – sie geben neben Unternehmen, Verbänden und Instituten digital und analog einen Einblick in Sachsens Power.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) spricht in einem etwas überfüllten Raum, in dem die Enge der versammelten Menschen viel Wärme erzeugt, ungezogene Gäste quatschen dazwischen, und der Dresdner Kreuzchor „In einem kühlen Grunde ...“ singt.

Kretschmer ist auf Tour in London, um britische Unternehmen von Sachsen zu überzeugen und sächsischen Unternehmen den Weg auf die Insel zu ebnen. „Wir müssen Präsenz zeigen, anständig Werbung machen“, sagt der Regierungschef, „denn Sachsen steht nicht unbedingt im Fokus der Briten.“

Da hat er Recht, beim Pressegespräch mit deutschen Journalisten, die in London residieren, fragt niemand nach Investoren, aber nach der Sicherheit: „Kann man denn noch nach Sachsen kommen?“ Kretschmer: „Kann man, ja!“ Die DDR, Chemnitz, Aversionen gegen Migranten und gegen Europa – der Ministerpräsident, konfrontiert mit unangenehmen Fragen, kontert mit der Deutschen Einheit, die in London erst am 4. Oktober gefeiert wird.

„Der 3. Oktober ist der größte Glücksmoment in der deutschen Geschichte“, ist Kretschmer überzeugt und versucht vorsichtig rüberzubringen, dass das den Sachsen wohl wichtiger war als Europa – und womöglich noch heute ist.

Trotz Friede, Freude, Einheitskuchen – der Brexit schwebt über jedem Gespräch. „Es gibt kein Zurück“, ist Ulrich Hoppe überzeugt. Der Geschäftsführer der deutsch-britischen Handelskammer hält im vornehmen Hotel Hyatt Regency einen Vortrag vor etwa 20 sächsischen Unternehmern über Chancen und Risiken.

Bricht das britische Wirtschaftswachstum um zwei Prozent ein oder nur um 0,5 Prozent? Verlieren 70 000 Menschen im Finanzsektor ihren Job oder doch nur 35 000? Die Briten exportieren 40 000 Medikamente in die EU und führen fast ebenso viele von Europa auf die Insel ein. Hoppe: „Brexit hin oder her – das Vereinigte Königreich wird nicht von der Landkarte verschwinden.“

Den Satz kann auch Markus Geisenberger unterschreiben. Der Chef der Leipziger Messe hat schon vor zwei Jahren eine Dependance in London eröffnet, um britische Aussteller nach Leipzig zu locken. „Wenn es so kommt, wie es sich abzeichnet, müssen die britischen Unternehmen viel aktiver auf unseren Märkten werden, da wollen wir vorbereitet sein“, sagt Geisenberger. Er verspürt „guten Rücklauf“ und meint: „Da bewegt sich etwas.“

Das trifft wohl auch auf den Bildungssektor zu. Zwar hat Kretschmer ein Gespräch mit dem britischen Bildungsminister Damian Hinds, aber die großen Vertragsabschlüsse kommen dabei nicht rum. Die Briten interessieren sich für Sachsens duales Ausbildungssystem, ist zu hören, und Kretschmer will die Schulpartnerschaften und die Zusammenarbeit in der Wissenschaft vorantreiben. Regierungssprecher Ralph Schreiber assistiert dem MP in der Argumentation gegenüber der Presse: „Es ist doch wichtig, Gespräche zu führen, Austausch zu haben.“

Austausch gibt es jede Menge, so auch im Außenhandelsministerium. Hier spricht Abteilungsleiter John Mahon zwischen holzgetäfelten Wänden und schweren Folianten gegenüber Kretschmer große Worte gelassen aus. Etwas Konkretes? Nicht wirklich. Just Small Talk.

Kretschmer lässt sich nicht entmutigen: „Die Briten werden uns fehlen, es wird Verletzungen geben und Enttäuschungen, da müssen wir gegensteuern.“, sagt er, schwingt sich in den BMW 520d mit gelbem Londoner Kennzeichen und fährt zum nächsten Termin ...

Von Jan Emendörfer

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