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Mitteldeutschland Mediziner: „Ein Impfbus für Sachsen ist absolut empfehlenswert“
Region Mitteldeutschland Mediziner: „Ein Impfbus für Sachsen ist absolut empfehlenswert“
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10:26 21.02.2017
Bernhard Ruf leitet am Leipziger St. Georg die Klinik für Infektiologie, Tropenmedizin und Nephrologie. Quelle: Christian Modla

Es sei unverantwortlich, dass Eltern ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen. Wer die Masern bekomme, bei dem bestehe für lange Jahre ein Immun-Defekt, der anfällig macht, sagt Professor Bernhard Ruf, Chefarzt der Klinik für Infektiologie, Tropenmedizin und Nephrologie am Leipziger St. Georg Klinikum.

Was sind die Gründe für
die aktuellen Masernausbrüche in einigen Regionen
Deutschlands?

Wir sehen seit Jahren eine zunehmende Impfmüdigkeit in der Bevölkerung. Die erste Impfung im Alter von 12 bis 14 Monaten erfolgt in den meisten Fälle. Die Impfquote liegt bei über 95 Prozent. Der Impfschutz ist aber nicht von Dauer. Spätestens im frühen Erwachsenenalter sollte die Impfung aufgefrischt werden. Das vergessen aber viele. Damit fehlt ein wirksamer Schutz gegen diese gefährliche Krankheit.

Woher kommt das Virus?

Das für den jetzigen Ausbruch verantwortliche Virus wurde aus Osteuropa eingeschleppt. Das kann ein Fernfahrer mitgebracht haben oder jemand, der dort zu Besuch war. In Osteuropa treten Masern-Erkrankungen deutlich häufiger auf als in Mitteleuropa.

Nach dem großen Masern-Ausbruch
2015 wurde die Impfberatung
eingeführt – mit welchem Ergebnis?

Der Erfolg ist bescheiden. Ich kann nur jedem zur zweiten Impfung raten. Ärzte sollten meiner Meinung nach bei ihren Patienten regelmäßig das Impfbuch kontrollieren. Alle zehn Jahre sind Impfungen gegen Tetanus oder Diphtherie fällig. Falls noch nicht erfolgt, sollte zugleich gegen Masern geimpft werden. Ein Großteil der Ärzte in den neuen Bundesländern hat dazu eine positive Einstellung, gab es doch zu DDR-Zeiten eine generelle Impfpflicht.

Plädieren Sie für eine Impfpflicht?

Sehr sogar, aber das Grundgesetz lässt das nicht zu. Die Unversehrtheit des eigenen Körpers spricht gegen eine Pflicht. Impfgegner machen seit Jahren mobil gegen jegliche Änderung, und das mit zumeist nicht nachvollziehbaren Argumenten, die allerdings auf sehr breites öffentliches Interesse stoßen.

Ein Argument ist, dass
man die Masern ruhig
durchmachen sollte, um das Immunsystem zu stimulieren.

Es gibt Untersuchungen, die das widerlegen. Wer die Masern hatte, bei dem besteht für lange Jahre ein Immundefekt, der anfällig macht. Ich halte einen solchen Rat für grob fahrlässig.

Es gibt auch Ärzte, die sagen, dass die Impfung das Immunsystem von Kindern überlastet und zu Nebenwirkungen führt.

Das steht aber in keinem Verhältnis zu den Folgen, die eine Erkrankung mit sich bringen kann. Masern können zueiner chronischen Form der Hirnhautentzündung führen mit schlimmen Ausfällen. Es können Spätfolgen auftreten, die fast immer tödlich enden. Vor allem bei Kindern, die vor ihrem ersten Lebensjahr an Masern erkranken, ist das Risiko hoch. Deshalb kann ich Eltern nicht verstehen, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Offenbar übersehen sie die Erfolge durch Vakzinen, also von Impfstoffen. Sie haben die Pocken ausgerottet. Bis in die 1960er-Jahre starben daran weltweit mehrere Millionen Menschen pro Jahr. Impfungen gegen Windpocken, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis, Kinderlähmung, Tuberkulose oder Masern verhindern jedes Jahr geschätzt fast sechs Millionen Todesfälle.

Die Grippe hat derzeit Sachsen
fest im Griff: Warum sind vor
allem ältere Menschen so gefährdet?

Ich rate allen und nicht nur den Risikogruppen, sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Bei uns auf der Intensivstation liegen aktuell viele junge Menschen, die sehr schwer an Grippe erkrankt sind. Es heißt immer, die Älteren wären besonders gefährdet. Ältere Menschen können an den Folgen einer Grippe schwer leiden, das stimmt. Es können sich Bakterien in der Lunge bilden, was zu Pneumonie führen kann. Junge Menschen haben zwar ein fitteres Immunsystem, sie wehren sich deshalb mit aller Kraft gegen die eingedrungenen Viren. Eine Überreaktion kann jedoch zu Fieber, Wasseransammlungen und Blutungen führen, mit oft tödlichem Ausgang. Mit Grippe ist nicht zu spaßen. Bei der schweren Epidemie vor einigen Jahren in Deutschland waren die Krankenhäuser voll von jungen Patienten.

Aber die Influenza-Impfung
bietet keinen perfekten Schutz.

Selbst wenn die Impfung nicht perfekt wirkt, so mildert sie aber den Krankheitsverlauf. Alle, die jetzt schwer erkrankt sind, sind meistens nicht geimpft. Das fängt schon beim medizinischen Personal an. Ich treffe immer wieder Kollegen, auch außerhalb des Klinikums, die selbst nicht geimpft sind.

Verpflichten Krankenhäuser
ihr Personal zur Schutzimpfung?

Wir können die Impfung nur anbieten, nicht erzwingen. Die Ausfallquote durch Grippe liegt beim medizinischen Personal deutschlandweit bei 30 Prozent. Ich appelliere immer an die Verantwortung. Wer sich nicht impft, gefährdet andere und sich selbst.

Raten Sie jetzt noch zur Impfung?

Die Saison ist auf dem Höhepunkt, aber sie dauert erfahrungsgemäß noch bis in den März hinein an. Also kann noch geimpft werden. Das Problem in jedem Jahr ist, dass zu früh geimpft wird, meist schon im September und Oktober. Der Grippeschutz hält nur ein Vierteljahr an. Im Oktober gibt es zwar die ersten Grippefälle, aber das sind Einzelfälle. Idealerweise sollte man sich erst im November impfen lassen. Im Dezember geht es zumeist erst richtig los mit der Grippe-welle.

Warum ist in Sachsen
kein Impfmobil unterwegs?

In mehreren Bundesländern hat es schon Versuche mit Impfmobilen gegeben. Im vergangenen Jahr hat Berlin einen Medibus auf Reisen geschickt, der bei Flüchtlingen Impfungen nachgeholt hat. Da wurde allerdings weniger gegen Grippe als gegen Tetanus, Diphtherie, Polio und Keuchhusten geimpft. Ein Impfbus für Sachsen ist absolut empfehlenswert. So könnte man auch Patienten in entlegeneren Orten erreichen. Ein Blick über den großen Teich wäre auch nicht schlecht. In den USA gibt es in den Supermärkten Apotheken, da können sie sich gleich impfen lassen. Man geht aktiv auf die Menschen zu. Bei uns ist man passiv.

Von Andreas Dunte

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