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Mitteldeutschland Leipziger Wissenschaftlerin: Muslime und Islam differenziert betrachten
Region Mitteldeutschland Leipziger Wissenschaftlerin: Muslime und Islam differenziert betrachten
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09:58 04.04.2016
Verena Klemm Quelle: Verena Klemm
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Leipzig

Die Orientalistin Verena Klemm warnt vor Verallgemeinerungen im Zusammenhang mit dem Islam. Im öffentlichen Diskurs würden Muslime gern pauschal zu nicht-integrierbaren Extremisten erklärt, sagt die Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft an der Leipziger Universität. Gemeinsam mit einer Kollegin hat sie ein Buch über Muslime in Sachsen herausgegeben. Es will mit Vorurteilen über eine Religion und ihre Gläubigen aufräumen.

Frage: Der Islam wird in Teilen unserer Bevölkerung als Bedrohung wahrgenommen. Wie lässt sich die Debatte versachlichen?

Antwort: Ein junger Muslim aus Leipzig, mit dem wir bei den Recherchen für unser Buch sprachen, war sehr angetan von der Vielfalt des Islam in Deutschland. Dies eröffne den nötigen Freiraum, um sich kritisch mit seiner Religion auseinandersetzen. Das ist ein Beispiel für die positive Haltung, die viele Muslime Deutschland gegenüber haben. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2015 zeigt, dass fast alle der hier lebenden Muslime sich Deutschland verbunden sehen und die gesellschaftlichen Grundwerte teilen. Im öffentlichen Diskurs hingegen werden Muslime gern pauschal zu nicht-integrierbaren Extremisten erklärt. Angst und Abwehr werden auch politisch instrumentalisiert. Man bekommt ein viel realistischeres Bild, wenn man erst einmal differenziert anstatt verallgemeinert.

Inwieweit gibt der Koran die theoretische Rechtfertigung für Gewalt gegen Andersgläubige?

Der Koran ist teilweise durch die konfliktreiche Situation, wie sie auch die Entstehungsgeschichte anderer Religionen kennt, geprägt. Er enthält ebenso viele Aussagen, die ein friedliches Miteinander gebieten. In der islamischen Theologie gibt es von Anfang an sehr lebendige Lehrtraditionen, die die Offenbarungen des Korans auf ihre historischen Anlässe zurückführen, oder sie als literarische und symbolische Aussagen verstehen. Nur gewaltbereite Muslime suchen gezielt kriegerische Verse heraus und propagieren sie als absolute und immerfort gültige Wahrheit. Dies haben sie bezeichnenderweise mit den europäischen Islamfeinden gemein, die, ebenfalls mit politischer Agenda, denselben Umgang mit dem Koran praktizieren

Worauf lassen sich Radikalisierungen in der islamischen Welt zurückführen? Wie kann man sie verhindern?

Eine Wurzel liegt in der Abgrenzung zur westlich geprägten Zivilisation und Moderne, die der islamischen Welt im 19. Jahrhundert in dominanter und demütigender Weise durch europäische Kolonialmächte vermittelt wurden. Im Zuge der weiter verstärkten westlichen Imperial- und Interventionspolitik des 20. Jahrhunderts brachte der Islamismus immer gewaltvollere Strömungen hervor. Parallel dazu trugen arabische Diktatoren das ihre dazu bei, humanistische Theologen und Autoren gewaltsam zum Schweigen zu bringen. So konnten ultrakonservative oder Gewalt predigende religiöse Autoritäten das Feld übernehmen. Um Jugendliche nicht in solche Milieus zu treiben, braucht es – in der islamischen Welt genauso wie hier – soziale Gerechtigkeit, Bildung, Arbeit, Pluralismus, politische und zivilgesellschaftliche Teilhabe.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Bei uns gilt Religionsfreiheit ausschließlich im Rahmen des Grundgesetzes. Religiöses Recht und Glaubenspraxis stoßen an ihre Grenzen, wo sie die garantierte Freiheit anderer Menschen behindern. Dies gilt für alle Religionsgemeinschafen. Deutschland ist ein pluralistisches und multireligiöses Land. Der Islam in seiner gewaltfreien und moderaten Form gehört zu Deutschland, faktisch und ideell.

Wie reagieren geistliche Führer in islamischen Staaten auf die zunehmende Gewaltbereitschaft und die Radikalisierungen?

Es gibt entschiedene Abgrenzungen - von berühmten Theologen bis hin zu kleinen Moscheevereinen und Individuen in Deutschland. Sie werden im Westen meist nur nicht gehört. Dabei gehören viele Muslime selbst zu den Leidtragenden islamistischer Gewalttaten. Oft werden sie hierzulande ein weiteres Mal sanktioniert, weil man sie pauschal mit islamistischen oder sexistischen Gewalttätern identifiziert.

ZUR PERSON: Verena Klemm, Jahrgang 1956, ist Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft in Leipzig. Sie ist Direktorin des Orientalischen Institutes der Leipziger Universität.

Interview: Jörg Schurig, dpa

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