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Mitteldeutschland Leipziger Forscher: Neandertaler war dem Homo sapiens geistig ebenbürtig
Region Mitteldeutschland Leipziger Forscher: Neandertaler war dem Homo sapiens geistig ebenbürtig
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15:40 23.02.2018
Projektleiter Dirk Hoffmann (links) vom Leipziger Planck-Institut und ein spanischer Kollege sondieren die Höhlengemälde in La Pasiega.   Quelle: MPI EVA
Leipzig

Die vor rund 30 .000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler waren keine geistigen Tiefflieger, sondern den damaligen modernen Menschen vom Intellekt her ebenbürtig. Zu diesem Schluss sind Experten des Leipziger Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (Eva) in einer vergleichenden Studie gekommen. In der aktuellen Ausgabe des renommierten Magazins Science berichtet das Team um Dirk Hoffmann vom Eva, zu dem auch Wissenschaftler aus Großbritannien, Frankreich und Spanien gehören, über die aufwändigen Untersuchungen, die zu dem Befund führten. Demnach konnten die Neandertaler ebenso wie der Homo sapiens symbolisch denken und verfügten über die gleichen kognitiven Fähigkeiten.

Höhlenmalereien als Beweis

Als Beweis führen die Fachleute unter anderem Höhlenmalereien ins Feld, die sie den bislang eher als Grobmotorikern eingestuften Neandertalern zuordnen konnten. Dazu nahmen sie mit modernsten Analysemethoden die Wandzeichnungen in drei Höhlen in Spanien unter die Lupe – in La Pasiega im Nordosten des Landes, in Maltravieso im Westen und in Ardales im Süden. Die Zeiten überdauerten dort meist rote und zuweilen schwarze Abbildungen von Tiergruppen und geometrischen Zeichen. Auch Handabdrücke und Felsritzungen zeugen von einstiger künstlerischer Tätigkeit. Die Frage nach den Schöpfern war bisher unbeantwortet, gemeinhin wurde von modernen Menschen ausgegangen. Doch die nun gelungene Datierung weist die Neandertaler als Urheber aus. Vor etwa 64 000 Jahren wurden die Werke geschaffen und damit in einer Epoche, als der von Afrika kommende Homo sapiens längst noch nicht in Europa heimisch war.

Um das Alter der Höhlenkunst zu bestimmen, setzten der Geo-Chronologe Hoffmann und seine Kollegen die Uran-Thorium-Methode ein. Dabei wird sich die Uran-Zerfallsreihe hin zum Thorium zu Nutze gemacht. Es ist eine radioaktive Uhr, die in den Untersuchungsobjekten weit in der Vergangenheit zu ticken begann. Als Proben für die Datierung dienten Kalkablagerungen auf den Farbpigmenten der Malereien.

Neandertaler entwickelten Körperschmuck früher als der moderne Mensch

Aber nicht nur diese Wandkunst gilt den Forschern nunmehr als Beleg für die kulturelle und intellektuelle Leistungskraft der Neandertaler. Denn unter der Ägide von Hoffmann gelang noch ein weiterer Paukenschlag – in der Küstengrotte von Aviones im Südosten Spaniens. Dort waren bei Ausgrabungen durchbohrte Muscheln, die wohl als Körperschmuck dienten, sowie rote und gelbe Farbpigmente und ein Behältnis mit komplexen Pigmentmischungen aufgetaucht. Per Uran-Thorium-Datierung ergab sich für die Fundschicht ein Alter von etwa 115 000 Jahren – und damit ein Fingerzeig auf jene, die die künstlerischen Artefakte hinterlassen hatten: die Neandertaler.

Die ersten Zeugnisse einer symbolisch-materiellen Kultur des Homo sapiens in Europa sind hingegen weit jünger. Sie stammen aus der Ära der jungpaläolithischen Revolution vor etwa 40 000 Jahren und manifestieren sich in Höhlenmalereien, plastischen Figuren, verzierten Knochenwerkzeugen und Schmuck aus verschiedenen Materialien. Angesichts der neuen Forschungsergebnisse zum Neandertaler geht die Wissenschaftlergruppe um Hoffmann davon aus, dass die Ursprünge von Sprache und entwickeltem Denkvermögen schon bei den gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens und Neandertalern zu suchen sind – mithin vor mehr als einer halben Million Jahren.

Von MARIO BECK

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