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Mitteldeutschland Kaum Arbeitslosigkeit in Tschechien: Der böhmische Tiger boomt
Region Mitteldeutschland Kaum Arbeitslosigkeit in Tschechien: Der böhmische Tiger boomt
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10:27 03.07.2017
Mit einem Blick ins Mikroskop überprüft Jiri Zita die Qualität des Kupfermasters, der Vorlage für die Schallplatten-Pressungen in der Fabrik GZ Media im tschechischen Lodenice. Millionen der schwarzen Scheiben verlassen jährlich in der Nähe von Prag eines der größten Presswerke weltweit. Ein Ende des Trends ist noch lange nicht in Sicht. Quelle: Michael Heitmann/dpa
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Prag

Die Maschinen laufen Tag und Nacht ohne Unterbrechung: Bei der Firma GZ Media in der Nähe von Prag werden Schallplatten für einen wieder wachsenden Markt von Vinyl-Enthusiasten gepresst. Wie hier boomt das Geschäft in vielen tschechischen Betrieben. Doch es gibt auch eine Schattenseite: „Das Hauptproblem für uns und andere Firmen in der Region ist der Mangel sowohl an qualifizierten wie an unqualifizierten Arbeitskräften“, sagt Vertriebs- und Marketingmanager Michal Nemec.

Tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote im Prager Speckgürtel, in der sich das Platten-Presswerk befindet, bei nur 3,4 Prozent. In der Hauptstadt selbst herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Wenn die Statistikbehörde Eurostat an diesem Montag ihre neuesten Zahlen vorlegt, dürfte Tschechien wieder das Land sein, das unter allen EU-Staaten bei der Arbeitslosigkeit am besten abschneidet. Im April waren es nach den Berechnungsmethoden von Eurostat 3,2 Prozent, beim Schlusslicht Griechenland 23,2 Prozent.

GZ-Media-Verkaufsdirektor Michal Nemec Quelle: Michael Heitmann/dpa

Bei GZ Media geht man viele Wege: „Wir stellen Ausländer ein, bieten neue Sozialleistungen, probieren neue Anzeigenkanäle aus, arbeiten mit Schulen zusammen und beschleunigen das Auswahlverfahren“, berichtet Nemec. Vor drei Jahren öffnete die Firma ein neues Zweigwerk für Verpackungswaren - im Süden Tschechiens, weit weg vom Stammbetrieb: Dort freute man sich im Rathaus und beim Arbeitsamt über den neuen Arbeitgeber.

Während jahrelang über die Slowakei als neuem Wirtschaftstiger Mitteleuropas gesprochen wurde, blieb der Boom in Tschechien eher unbemerkt. Bernard Bauer, Geschäftsführer der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer, bringt es auf den Punkt: „Deutschland geht es gut, heißt: Tschechien geht es gut“, sagt er. „Kurze Wege, ähnliche Industrie- und Warenstrukturen - Wachstumstreiber sind vor allem Automotive und Maschinenbau -, all das macht deutsche Investitionen in Tschechien so interessant.“

Weite Teile der Bevölkerung lehnen Zuwanderung als Lösung ab

Im vorigen Jahr lief die Rekordzahl von 1,3 Millionen Autos vom Band. Doch Tschechien will - und kann - mehr sein als nur die verlängerte Werkbank des Westens. „Immer mehr internationale Konzerne bauen in Tschechien Entwicklungsabteilungen auf, vor allem auch im digitalen Bereich“, sagt Bauer. In Prag gibt es eine lebendige IT-Gründerszene, die etwa Handy-Apps für den Weltmarkt produziert.

Dennoch mahnt Ministerpräsident Bohuslav Sobotka, dass der Wandel nicht schnell genug vorangeht. Bei der Förderung ausländischer Investitionen müsse mehr auf Innovationen geachtet werden, fordert der Sozialdemokrat. Sein Lieblings-Schlagwort lautet Industrie 4.0 - die Digitalisierung der Produktion.

Während täglich knapp 16 000 Tschechen zu ihrem Arbeitsplatz nach Bayern pendeln, nehmen inzwischen immerhin 1800 Deutsche den umgekehrten Weg - und helfen damit, den dortigen Fachkräftemangel abzufedern. Das geht aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor. Grenzüberschreitende Beschäftigung sei zur Normalität geworden, teilt Manfred Stamm mit, der für die Behörde die bayerisch-tschechischen Arbeitsmarktaktivitäten leitet.

Wie dramatisch ist der Fachkräftemangel wirklich? „Die meisten Mitgliedsunternehmen haben immer größere Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden“, warnt Handelskammer-Chef Bauer. Es sei schon so weit gekommen, dass neue Aufträge abgelehnt werden müssten. „Und das ist eine heftige Wachstumsbremse, die kein Land als gegeben akzeptieren sollte.“ Umfragen zeigen, dass weite Teile der Bevölkerung Zuwanderung als Lösung ablehnen: Nur 12 Prozent sehen einen positiven Nutzen, im EU-Schnitt sind es 44 Prozent.

Seit Jahren wirbt Bauer für die Einführung des dualen Ausbildungssystems - bisher vergeblich. Eine Lehre wie in Deutschland mit viel Praxisanteilen gibt es in Tschechien nicht, wohl aber seit 2015 in der benachbarten Slowakei. „Der politische Wille, ein duales System aufzubauen, ist kaum vorhanden“, bedauert Bauer. Angesichts der geringen Jugendarbeitslosigkeit fehle schlicht der Handlungsdruck. Bei der Schallplattenfabrik, einer der weltweit größten, sagt man: „Wir würden das begrüßen.“

Von Michael Heitmann, dpa

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