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Mitteldeutschland JVA-Chef: „Man kann mit Haftstrafen fast nichts erreichen“
Region Mitteldeutschland JVA-Chef: „Man kann mit Haftstrafen fast nichts erreichen“
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09:31 11.03.2016
Kaum eine Chance auf Resozialisierung: Im Gefängnis können Straftäter nur noch verwaltet werden, kritisiert Thomas Galli, Chef der JVA Zeithain. Quelle: Foto: Imago
Zeithain

In Gefängnissen werden Kriminelle noch gefährlicher. Das sagt ausgerechnet der Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zeithain, Thomas Galli. In seinem Buch „Die Schwere der Schuld“ zeigt Galli anhand authentischer Fälle, dass Freiheitsstrafen in den meisten Fällen keinen Sinn machen – sowohl für die Täter, als auch für eine effektive Kriminalitätsbekämpfung.

Wie kommt man als JVA-Chef darauf, ein Buch über den Gefängnisalltag zu schreiben?

Es geht um meine Erfahrungen, die ich in 15 Jahren Strafvollzug gesammelt habe. Mir ist klar, dass sich meine Ansichten nicht mit der offiziellen Linie decken. In der Gesellschaft existiert leider ein Schließer-Image – und das führt dazu, dass hinten und vorn Geld und Personal fehlen. Wir haben einfach keine Lobby. Doch nicht nur über die Beschäftigten gibt es ein völlig falsches Bild, auch über die Gefangenen. Damit hängen ganz viele Probleme zusammen, die wiederum auf uns alle zurückschlagen.

Von welchen Problemen sprechen Sie?

In dem Buch werden auch die schlimmen Dinge verarbeitet, die ich im Gefängnis erlebt habe, wie etwa einen Mord in der Russenmafia. Aber Zeithain ist ja keine Anstalt mit Schwerstkriminellen, die meisten haben Freiheitsstrafen zwischen ein und zwei Jahren, bis zu fünf Jahren Haft. Ich bekomme sehr viele soziale Hintergründe unserer Insassen mit: zerrüttete Familien, Gewalterfahrungen, auch Missbrauch und Drogenkarrieren. In den allermeisten Fällen ist es kein Wunder, dass diese Menschen auf die schiefe Bahn gekommen sind. Ich frage mich deshalb sehr oft: Was will und kann der Staat erreichen, indem diese Menschen weggesperrt werden? Erstens kosten die Freiheitsstrafen den Steuerzahler viel Geld, zweitens werden diese Straffälligen immer weiter an den Rand gedrängt. Damit haben diese Menschen noch weniger Chancen im Leben. Ein verheerender Kreislauf.

Verkürzt gesagt heißt das: Haftstrafen bringen nichts – im Gegenteil, sie verschlimmern alles nur?

Ja, man kann mit Haftstrafen – wenn es sich nicht um Schwerstverbrecher handelt – fast nichts erreichen. Aber die Gesellschaft ist fixiert auf Strafen. Doch es stimmt einfach nicht, dass man durch harte Bestrafung die Menschen bessert und wieder in die Gesellschaft integriert oder zumindest anschlussfähig macht. Die Ursachen für die Kriminalität liegen woanders, und daran muss angesetzt werden. Mit Strafen löst man nicht eines der Probleme, die es in der Gesellschaft gibt.

Was ist Ihre Alternative?

Ich habe keine Musterlösung, doch ich vermisse ein langfristiges, auch komplexes Denken: Es muss viel mehr um die Strukturen gehen, aus denen diese straffällig gewordenen Menschen kommen. Das heißt, man muss heute bei den Kindern und Jugendlichen ansetzen – damit diese nicht in zehn oder zwanzig Jahren kriminell werden. Da geht es um eine viel stärkere Suchtprävention, um deutlich mehr Schulsozialarbeit und einiges mehr. Es braucht ein ganzes System an Maßnahmen, um diese Kinder und Jugendlichen nicht abdriften zu lassen. Doch ich stelle das Gegenteil fest: Gerade in diesen sozialen Bereichen wird durch den Staat häufig gestrichen. Dabei sind diese Investitionen quasi Gold wert – für die Menschen und gegen die Kriminalität.

Auf eine Straftat muss aber schon eine Strafe folgen, oder?

Selbstverständlich. Nur, die muss für Kleinkriminelle wie Drogenkuriere, Einbrecher oder nach Körperverletzungen nicht zwingend ins Gefängnis führen. Ich halte Geldbußen und vor allem gemeinnützige Arbeit für viel besser geeignet, eine Resozialisierung zu ermöglichen – und für die meisten Verurteilten sind das auch richtig harte Strafen. Freiheitsentzug könnte sich mit elektronischen Fußfesseln und Hausarrest umsetzen lassen, dafür braucht es keinen gewaltigen bürokratischen Apparat wie heutzutage. Viele Gefangene haben zudem eine Suchtproblematik, die mit einer Beschaffungskriminalität einhergeht. Da macht zum Beispiel ein Gefangener eine Therapie – und muss dann immer noch ein, zwei oder drei Jahre bei uns bleiben, in denen er rückfällig wird. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass in Anstalten auch gedealt wird.

Sind Rufe nach härteren Strafen also Populismus und Aktionismus?

So ist es. Möglichst harte Strafen sollen nur die Bevölkerung beruhigen. Das sieht man jedes Mal, wenn, Entschuldigung, eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Die Rückfallquoten sprechen eine andere Sprache: Viele unserer Insassen sehen wir wieder. Schon bei jugendlichen Gefangenen beträgt die Rückfallquote zum Teil um die 90 Prozent, besagt eine Studie. Abschreckung spielt gerade bei schweren Straftaten wie Sexualdelikten oder Mord kaum eine Rolle, weil diese Fälle meist emotional überfrachtet sind. Und, die Zahlen zeigen außerdem: Gerade bei Übergriffen auf Kinder und Sexualverbrechen gehen die Fälle zurück – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung. Das liegt auch an der verstärkten und besseren psychologischen Betreuung. Hier muss man ebenso in anderen Bereichen ansetzen und viel früher und sinnvoller intervenieren.

Das klingt, als könnten Kriminelle sich kaum gegen ihre Taten wehren – weil das Elternhaus die Hauptlast trägt.

Mir geht es nicht darum, die Taten zu verharmlosen, sondern darum, die Taten zu hinterfragen und zu überlegen, was der Staat besser machen kann, um die Taten zu reduzieren. Mit Gefängnissen lässt sich die Kriminalität nicht in den Griff bekommen. Es muss endlich Schluss damit sein, dass wir uns als Staat und Gesellschaft in die Tasche lügen.

Das heißt auch: Der Staat oder die Politik sollen nicht nur harte Bestrafungen fordern, sondern auch mehr Geld für eine effektive Kriminalitätsbekämpfung geben?

Wenn der Staat überhaupt etwas erreichen will, müssen auch die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. In unseren Gefängnissen ist an eine Resozialisierung, so wie sie eigentlich angedacht ist, kaum zu denken, weil das Personal und das Geld fehlten. Zum Beispiel leben in Zeithain 400 Gefangene auf engstem Raum zusammen, da haben wir Mühe, alles einigermaßen vernünftig zu verwalten, um Spannungen und Probleme zu vermeiden. Viel mehr geht einfach nicht. Heute ist es leider so, dass Gefangene in den Anstalten oft noch gefährlicher werden – und wir können es nicht verhindern.

Thomas Galli: „Die Schwere der Schuld“, Verlag Das Neue Berlin, 12,99 Euro (erscheint am 14. März). Galli ist am 17. März um 13.30 Uhr Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse (Hal­le 5/Stand C100), um 17 Uhr in der JVA Leipzig (Leinestraße 11). In Dresden: 22. März, Haupt- und Musikbibliothek (Freiberger Straße 35).

Von Andreas Debski

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