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Integrationsministerin Petra Köpping: "Ich bin lieber Häuptling als Indianer"

Integrationsministerin Petra Köpping: "Ich bin lieber Häuptling als Indianer"

In der Politik ist es üblich, frisch gekürten Würdenträgern eine Eingewöhnungsphase zu gewähren. 100 Tage sind die gängige Größe, doch für manche gilt diese Schonfrist nicht.

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Petra Köpping vor der Dresden-Kulisse: Die 57-jährige SPD-Frau ist seit einem halben Jahr Ressortchefin für Gleichstellung und Integration in Sachsen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Eine, auf die dies besonders zutrifft, ist Petra Köpping, die neue Ministerin für Gleichstellung und Integration. Sechs Monate ist es her, da wurde die Ex-Bürgermeisterin, Landrätin und jetzige Landtagsabgeordnete auf SPD-Ticket zur Ressortchefin ernannt, und es waren unruhige Zeiten. Pegida lautete das Stichwort, das die schwarz-rote Landespolitik in Atem hielt, Köpping stand sofort mittendrin. "Es gab keine Einarbeitungszeit", meint sie heute, ihr Einstieg ging flugs über die Bühne - "schneller, als mir lieb war".

Das ist natürlich ein wenig geflunkert. Denn Köpping liebt den unmittelbaren Zugriff, den direkten Vollzug. "Vom ersten Tag im Geschäft sein", sagt sie, "das gefällt mir." Und diese Eigenart ist in ihrem Job allemal nötig. Denn Pegida war nicht die einzige Baustelle, die in ihrem Beritt auf sie wartete. Zum Jahresanfang gab es neue, heftige Verwerfungen, diesmal rund um das Reizthema Asyl. Ja, schlimmer noch: Die Bürgermeister und Landräte, also genau jene mächtige Truppe von Kommunalpolitikern, aus deren Bereich Köpping stammt, liefen Sturm. Grund war der sprunghafte Anstieg der Asylbewerberzahlen - und die akute Überforderung der Behörden vom Innenressort bis zur Landesdirektion. Wieder sprang Köpping in der ihr eigenen Art bei: vermittelnd, aber handfest, kommunikativ und verbindlich. Damit konnte die SPD-Frau punkten, mauserte sich fast schon zu einem Leistungsträger in der arg gebeutelten Sozialdemokratie. Das gefällt nicht jedem im Freistaat, vor allem nicht jedem in der CDU. Mit Argwohn beäugt mancher Christdemokrat das Treiben der 57-Jährigen, die ihren Job mit Einsatz betreibt - als Handlungsreisende in Sachen Weltoffenheit und Toleranz. Für die Union ist das gewöhnungsbedürftig. Da schickt doch tatsächlich diese Zwölf-Prozent-Partei namens SPD eine Ressortchefin ins Rennen, von der man alles erwartet hatte, nur nicht das: dass sie ihren direkten Kontrahenten beim Asylthema, Innenminister Markus Ulbig (CDU), scheinbar mühelos abhängt und übertrumpft.

Das liegt nicht zuletzt am kryptischen Konstrukt der neuen Kabinettskonstellation. Drei Ministerposten hatte SPD-Chef Martin Dulig seinem Gegenüber, CDU-Regierungschef Stanislaw Tillich, abgetrotzt - aber nur zwei Ressorts. Der dritte Posten, der von Köpping, schwebt nahezu frei in der Luft: kein eigenes Ministerium, kaum Mitarbeiter. Das ist alles andere als eine gute Ausgangslage fürs politische Geschäft. Faktisch aber ist es ein Glücksfall für die kleine SPD. Denn während Ulbig nun in der Asylpolitik all jene Bereiche abdecken muss, wo es wehtut und klemmt, kann sich Köpping die "netten" Felder rauspicken; wo sich der CDU-Mann qua Amt mit Problemlagen wie Übergriffen in Asylbewerberheimen herummühen muss, kümmert sich die SPD-Frau um den Wohlfühlbereich. Das allerdings tut sie mit einigem Aufwand. Sechs Monate ist Köpping im Amt und hat bereits 140 Treffs und Veranstaltungen im gesamten Freistaat absolviert - allein zum Thema Integration.

Hinzu kommen die anderen, "normalen" Termine, zum Beispiel zur Gleichstellung von Mann und Frau. Rund 2000 Dienstkilometer kommen da schnell zusammen, pro Woche, versteht sich. Doch auch für Köpping sind nicht alle Termine das reine Vergnügen. Es gebe Veranstaltungen, erzählt sie, wo ernsthaft debattiert werde. Und es gebe andere, wo sie auf "kategorische Ablehnung" stößt - voller Monologe, ohne Interesse am Gespräch. "Nach solchen Veranstaltungen bin ich richtig aufgewühlt", sagt Köpping. Das aber gehört zum politischen Geschäft, und Köpping ist lange genug dabei. Zwar ist sie erst seit 13 Jahren Mitglied der SPD, ihre politische Erfahrung aber sammelte sie in der Kommunalpolitik - nicht zuletzt als Landrätin im Landkreis Leipziger Land. Und auch nach ihrem unfreiwilligen Ausscheiden 2008 war ihre Karriere nicht zu Ende. Schließlich konnte sie nahezu nahtlos im Landtag als Abgeordnete Platz nehmen. Apropos Landtag: An ihre Rolle als "einfache" Abgeordnete hat sie sich nie wirklich gewöhnt, hat vielmehr sichtbar gefremdelt. Entsprechend gering war die Zahl ihrer Initiativen von Gewicht. Darüber gesprochen hat sie damals nicht gern, mittlerweile ist Köpping auch an diesem Punkt aufgetaut. Der reine Parlaments-Job sei schlicht "nicht ausfüllend" gewesen, und dann fällt ein entscheidender Satz: "Ich bin lieber Häuptling als Indianer."

Nun ist Köpping Häuptling, wenn auch mit kleinem Stamm. Gerade mal 25 Mitarbeiter gehören zu ihrem Stab, Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU), an deren Haus die Integrationsministerin angedockt ist, verfügt über 300. Allerdings steht hier eine kleine Veränderung an. Köpping bekommt ein neues Büro. Sie und ihr Stab verlassen das Regierungsviertel und ziehen um an den Südrand der Neustadt. Die gilt als linksalternatives Szeneviertel und irgendwie passt Köpping als Integrationsministerin ganz gut dorthin - in Tuchfühlung zur eigenen Klientel.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2015

Jürgen Kochinke

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