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Mitteldeutschland Immer weniger Sachsen kaufen Frischmilch vom Erzeuger
Region Mitteldeutschland Immer weniger Sachsen kaufen Frischmilch vom Erzeuger
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22:42 24.10.2018
Die Milch dieser Kühe können Liebhaber selbst am Automaten zapfen - es waren mit die ersten in Sachsen-Anhalt. Quelle: Andreas Dunte
Bösenburg/Kitzen

Einen Morgen ohne Milch – für Karsten Scheffler nicht auszudenken. Ein Glas – manchmal auch zwei oder drei – gehören zum Frühstück des Landwirts aus Bösenburg (Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt) einfach dazu. „Sonst werde ich nicht richtig munter.“ Da der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm fällt, schwören auch die Söhne Florian (7) und Jonas (12) auf ihre Milch in der Früh, „vorzugsweise mit Kakao oder Cornflakes“.

Milch sei gesund, sagt der Bauer. Er kenne eine Menge Studien, die auch anderes behaupten. Aber die Familie sei rundum gesund. „Bei meinem Vater und bei meinem Großvater, allesamt Bauern, war das nicht anders.“ Und weil das so war und ist, wirbt Bauer Scheffler nicht nur überall für das schmackhafte Produkt seiner 85 Milchkühe, er verkauft die Milch auch zu einem Großteil selbst - an Automaten.

Die Milch muss zum Kunden

„Ein Marketingfuchs ist der Bösenburger zweifelsohne“, meint Wolfgang Zahn von der Agrarmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt. Scheffler sei im Land einer der Ersten gewesen, die ihre Milch zum Selbstzapfen angeboten haben. Da der Hof kaum Laufkundschaft hat, stellte der Bauer den Automaten in einem Obsthof am Süßen See nahe Eisleben auf – in unmittelbarer Nähe zur Bundesstraße 80. Dazu schaffte sich Scheffler einen Pasteurisator an. Denn Rohmilch darf - um die Kühlkette nicht zu unterbrechen - nur direkt am Hof verkauft werden. Soll das weiter weg geschehen, muss sie 15 Sekunden lang auf 72,5°C erhitzt und sofort wieder abgekühlt werden. „So wird die Milch haltbar gemacht, gleichzeitig bleiben Geschmack, Nährwert und Konsistenz drin“, erklärt der 45-Jährige. Im Vergleich zur Rohmilch halte pasteurisierte Milch nicht nur zwei bis drei Tage länger, sondern sei auch besser verträglich.

Weil der Automat gut frequentiert wurde und der Milchpreis, den die Verarbeiter den Erzeugern zahlen, mit zwischenzeitlich nur 20 Cent pro Liter absolut im Keller war, überlegte der Landwirt nicht lange und stellte weitere Geräte auf, und zwar in mehreren Lebensmittelmärkten in Halle sowie in einem Berufsbildungswerk in Hettstedt. Insgesamt sind es jetzt sechs. „Es lief lange Zeit richtig gut“, sagt Scheffler. Mit 300 bis 350 Litern pro Tag und Automat machten die Bösenburger ein gutes Geschäft. Doch das ist Geschichte. Der Absatz an den Automaten sei seit Frühjahr regelrecht eingebrochen auf weniger als die Hälfte. Gründe dafür gebe es mehrere. Wegen des warmen Wetters hätte viele vom Selbstzapfen Abstand genommen, aus Sorge, das Lebensmittel würde ungekühlt den Transport nicht überstehen. Außerdem gibt es Probleme mit dem Leergut. „Wer bereits mehrere Flaschen zu Hause hat und sie vergisst mitzubringen, macht beim nächsten Einkauf im Supermarkt einen Bogen um den Automaten“, berichtet Scheffler, der regelmäßig mit Kunden in den Kaufhallen das Gespräch sucht.

In den letzten Jahren habe es einen regelrechten Run auf frische Milch vom Erzeuger gegeben, sagt Manfred Uhlemann vom Landesbauernverband Sachsen. Die Zahl der Verbandsmitglieder, die ihre Milch am Automaten oder in ihrem Hofladen verkaufen, sei auf 39 gestiegen. Automaten gebe es weit mehr, so Hauptgeschäftsführer Uhlemann. Manche Produzenten würden gleich mehrere Tankstellen betreiben. Hinzu kommen die von Bauern, die nicht im Verband organisiert sind. In Sachsen-Anhalt führt Wolfgang Zahn von der Agrarmarketinggesellschaft genau Buch über die Zahl der Automaten. „Waren es 2016 noch 27, sind es aktuell 40“, rechnet Zahn vor. 20 Landwirtschaftsbetriebe würden ihre Milch im Lebensmittelhandel anbieten. Ferner gebe es drei, die direkt am Kuhstall für Kunden abfüllen. In diesem Jahr hätte es erstmals auch Fälle gegeben, dass Bauern ihre Automaten wieder abbauen, berichten Uhlemann und auch Zahn. Die Gründe lägen im zu geringen Umsatz. Für viele private Kunden sei der Aufwand oft zu groß, um an frische Milch zu kommen. „Zumeist liegen die Höfe außerhalb von Ortschaften“, weiß Uhlemann. Anders sehe das für Zapfstellen in Lebensmittelmärkten aus – vorausgesetzt der Standort sei dort günstig gelegen und die Kundschaft bereit, etwas mehr für Milch direkt vom Erzeuger auszugeben. „Für einen Milchautomaten neben einem Discounter sehe ich eher schwarz“, so Zahn. Generell müssten Landwirte Aufwand und Nutzen genau durchrechnen: Um außerhalb ihres Hofs Milch verkaufen zu können, müssen die Agrarbetriebe investieren: in den Transport der Milch, die Reinigung der Automaten und in Maschinen, die die Milch pasteurisieren, sowie in Leergut.

Bei DHL wird selbst gezapft

Die Agrargenossenschaft Kitzen (Landkreis Leipzig) gehört in Sachsen zu den Vorreitern der Selbstvermarktung und hat in den letzten Jahren ordentlich in die neue Technik investiert. „Im Raum Leipzig verkaufen wir pasteurisierte Milch an acht Automaten, die zumeist in Einkaufsmärkten stehen. Aber auch beim Logistikunternehmen DHL in Schkeuditz können sich die Mitarbeiter unsere frische Milch in den Pausen selbst zapfen“, erzählt Vorstandsmitglied Thomas Rößner. Hinzu kommen zwei Rohmilchautomaten in unmittelbarer Nähe zu Kuhställen der Kitzener. Im Schnitt rechne sich ein Automat, wenn am Tag etwa 100 Liter gezapft werden, sagt Rößner. Das sei in diesem Jahr leider nicht an allen Standorten der Fall gewesen. Er wisse, dass andere Milchproduzenten darüber nachdenken würden, ihre Zapfsäulen wieder zu verkaufen. Für die Agrargenossenschaft Kitzen sei das aber keine Option. Rößner spricht von einem verbesserten Marketing, um mehr Kundschaft auf die frische Milch an den Automaten aufmerksam zu machen. In einigen Fällen werde über einen Standortwechsel nachgedacht. Zugleich will die Genossenschaft weitere eigene Produkte an den Vermarktungsstandorten anbieten wie Käse, Joghurt oder Quark. Und dafür zusätzliche Automaten anschaffen.

Kunststoff ist keine Lösung

Auch Karsten Scheffler aus Bösenburg denkt mitnichten ans Aufgeben. Als Bauer müsse man heute nicht nur seine Felder bestellen und die Tiere versorgen. „Heute musst du zugleich um jeden Kunden kämpfen.“ Ja, er spricht vom Kampf, und dazu gehöre ein gutes Marketing. Und das erfordere, dass man sich ständig informiert: „Was will der Kunde, wie kann ich ihn erreichen?“ Den neuesten Floh, den sich der Milchpapst, wie ihn einige im Dorf nennen, ins Ohr gesetzt hat, heißt A2 Milch. „In dieser ist die natürlich vorhandene Variante des Milcheiweißes Beta-Kasein vorhanden. A2 soll für Menschen, die Milch nicht gut vertragen, besser bekömmlich sein“, schwärmt er. Seine Rinder von der Rasse Fleckvieh würden mehrheitlich diese Milch geben. Das lässt er sich derzeit von einem Labor bestätigen und will dann in diese Marktlücke stoßen. Zudem arbeitet Scheffler an der Leergut-Problematik. Die an einem Automaten eingeführten Einwegflaschen seien beim Kunden nicht gut angekommen. „Kunststoff ist keine Lösung.“ Jetzt denkt er über Behälter aus Maisstärke nach, die kompostierbar sind.

Von Andreas Dunte

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