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Mitteldeutschland „Ich weiche nicht aus – aber bin vorsichtig, wenn es um Ausgrenzung geht“
Region Mitteldeutschland „Ich weiche nicht aus – aber bin vorsichtig, wenn es um Ausgrenzung geht“
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09:22 11.04.2018
Sachsens evangelischer Landesbischof Carsten Rentzing. Quelle: André Kempner
Leipzig

Sachsens evangelisch-lutherischer Landesbischof Carsten Rentzing (50) sieht die Kirche in der gesellschaftlichen Debatte um Flüchtlinge, den Islam und den Umgang mit der AfD vor neuen Aufgaben. Kirche müsse als Moderator verschiedener Standpunkte wahrnehmbar sein und den Menschen Ängste nehmen. Zugleich will Rentzing eine Stigmatisierung von Protestwählern verhindern und lehnt Pauschalisierungen ab.

Herr Bischof, Sie haben in Ihrem Leben erst als Erwachsener zum Glauben gefunden. Ist es deshalb für Sie leichter, in einem atheistisch geprägten Umfeld wie in Sachsen auf Menschen zuzugehen?

Es stimmt, ich habe christlichen Glauben als Lebensalltag nicht mit der Muttermilch mitbekommen. Das erleichtert es mir zu verstehen, wie Menschen darauf reagieren, wenn sie plötzlich beispielsweise mit einem Gebet konfrontiert werden. Ich kenne noch das Gefühl aus Erstaunen und Befremden, aber auch aus der Anziehungskraft, die Glaube entwickeln kann.

Nicht ganz so groß war an einigen Orten die Anziehungskraft beim Reformationsjubiläum 2017. Die Besucherzahlen blieben hinter den Erwartungen zurück, eine zentrale Botschaft wurde vermisst. Kritiker sprachen von einer grandiosen Selbsttäuschung. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Wir sind noch dabei, Bilanz zu ziehen. Ich finde aber, dass bei aller Kritik ein sehr positiver Eindruck am Ende bleibt. Denn der Reformationstag an sich war ein Erfolg, mit dem viele so nicht mehr gerechnet hatten. Nicht nur in Wittenberg war das Interesse groß. Die einfachen Gottesdienste an vielen Orten in ganz Deutschland waren sehr gut besucht, zum Teil reichten Plätze und Liedhefte nicht aus. Das zeigt doch: Am Ende der zehnjährigen Reformationsdekade ging die Rechnung auf.

Also schlägt das Normale doch das Event?

Das kann so sein. Wir sollten Großveranstaltungen deshalb nicht gleich abschaffen. Aber wir müssen genauer fragen, was Menschen eigentlich suchen. Und das ist manchmal schlichter als wir denken. Das Vertraute gewinnt oft neue Bedeutung.

Heißt aber auch, dass die sehr schwach besuchten „Kirchentage auf dem Weg“ ein Format waren, mit dem nicht noch einmal experimentiert werden soll?

Dieses Format war von den Besucherzahlen her in der Tat enttäuschend. Es hat sich gezeigt, dass das Segment der Kirchentagsbesucher eben begrenzt ist und sich nicht durch Euphorie beliebig steigern lässt. Diese warnenden Stimmen gab es bereits im Vorfeld, man hätte wohl besser auf sie hören sollen. Allerdings hat sich auch gezeigt: Veranstaltungen, die vor Ort von den Gemeinden organisiert wurden, waren sehr erfolgreich.

Der Leipziger Pfarrer Christian Wolff und der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer sehen die Reformation in der Krise und werfen der Kirche vor, ihren Bildungsauftrag in der Gesellschaft nicht mehr wahrzunehmen. Haben Sie Recht?

Nein, das sehe ich nicht so. Beide spitzen gern zu, diese Grundkritik teile ich nicht. Aber eins stimmt: Wir sollten uns nicht in Events verstricken, nur der Events willen.

Aber wird Kirche überhaupt noch in Debatten wahrgenommen? Manch einer hat klare Worte des evangelisch-lutherischen und des römisch-katholischen Bischofs in Dresden auf dem Höhepunkt der Pegida-Proteste vermisst ...

Diese klaren Worte hat es gegeben. Aber wir leben heute in einer Welt der Schlagzeilen, in der nur Schwarz oder Weiß zählt. Ich finde das schwierig, es ist nicht mein Ziel, Menschen zu stigmatisieren. Damit schlägt man die Tür für mögliche Gespräche von vornherein zu. Ich weiche nicht aus, aber ich bin vorsichtig, wenn es um Stigmatisierung und damit letztlich um Ausgrenzung geht.

Wie meinen Sie das?

Als Gemeindepfarrer habe ich in Annaberg im Erzgebirge erlebt, wie ein Teil der Gemeinde anfangs zur Pegida-Demo fahren wollte, der andere Teil zur Gegendemo. Was macht man da als Pfarrer? Ich habe nach einer gemeinsamen Bibelstunde mit der Gemeinde immerhin erreicht, das keiner zu den beiden Demos nach Dresden gefahren ist. Damit kann ich gut leben.

Vor Kurzem gab es Kritik, vor allem von Unionspolitikern, an den Weihnachtspredigten deutscher Bischöfe. Manche wähnten sich auf Parteitagen der Jusos oder der Grünen. Wie politisch darf und muss Kirche heute sein?

Jede gute Predigt ist politisch, wenn sie lebensrelevant ist. In tagespolitischen Fragen bin ich allerdings zurückhaltend. Es wird problematisch, wenn der Eindruck entsteht, es geht in der Predigt um Parteipolitik. Dann kommt schnell der Vorwurf, wir würden den moralischen Zeigefinger erheben. Dieser Eindruck darf nicht entstehen.

Dennoch stehen Sie ja auch mittendrin in gesellschaftlichen Veränderungen. Wie lautet zum Beispiel die Antwort von Kirche auf den Islam?

Ich bin für einen Dialog auf Augenhöhe. Hier wird Kirche auch mehr als bisher gefordert sein. Wir sind auf dem Weg dahin, dies stärker zu erkennen. Ich sehe für uns zwei wichtige Aufgaben: Aufklärung über absurde Vorurteile zu leisten, aber auch Unterschiede zwischen Religionen und Kulturen klar zu benennen. Es bringt nichts, eigene Überzeugungen zu verstecken. Ein Dialog hängt ja erst einmal vom eigenen Standpunkt ab.

Wie stark verändert der Islam unser Zusammenleben?

Es wäre naiv zu glauben, dass er gar keine Prägekraft hat und sich unser Leben überhaupt nicht verändert. Aus eigenem Erleben, auch als gebürtiger West-Berliner, kann ich sagen: Ja, es gibt Stadtviertel, die haben sich massiv verändert. Ja, es gibt Schulklassen, die haben sich massiv verändert. Aber deshalb droht uns nicht der etwaige Untergang eines Abendlandes. Wir haben vielmehr als Kirche einen Gesprächs- und Friedensauftrag, zum Beispiel mit muslimischen Verbänden. Das schließt mit ein, dass, wenn uns etwas nicht passt, wir auch sagen können: Das geht nicht, wir haben hier Gesprächsbedarf.

Kirche ist heute mit ganz unterschiedlichen, bunt gemischten Lebensformen konfrontiert. Warum zum Beispiel gibt es in der sächsischen Landeskirche keine Trauungen für homosexuelle Paare?

Weil dahinter eine wichtige theologische Frage steckt: Was ist eine Trauung? Für mich ist es die Gemeinschaft von Mann und Frau, die auf Zukunft ausgerichtet ist. Deshalb kommt dieser Gemeinschaft auch eine herausragende Bedeutung zu. Eine kirchliche Trauung ist für mich deshalb nicht beliebig übertragbar auf jede Form des Zusammenlebens. Ich kann einem homosexuellen Paar eben nicht sagen: „Seid fruchtbar und mehret euch.“

Aber eine Ehe ist doch viel mehr. Im besten Fall ist sie eine wunderbar funktionierende Solidargemeinschaft, in der einer für den anderen sorgt.

Das stellt auch niemand in Abrede. Dinge wie Beständigkeit, Liebe und Treue sind übertragbar und wichtig. Dennoch liegt eine besondere Verheißung auf der Verbindung von Mann und Frau. An dieser Unterscheidung halten wir fest, eine Veränderung würde niemandem Gewinn bringen. Es liegt eine besondere Verheißung auf der Gemeinschaft von Mann und Frau.

Immer weniger Gläubige auf dem Land, noch recht stabile Zahlen in den Großstädten, aber perspektivisch weniger Geld: In Ihrer Landeskirche wird seit Monaten um die nächsten Schritte einer Strukturreform gestritten. Sie haben gefordert, dass es in dieser Debatte „reformatorischen Wagemut“ brauche. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Wir dürfen unsere Aufgaben in Gegenwart und Zukunft nicht mit dem Geist der Verzagtheit angehen. Das führt zu einer depressiven Grundstimmung, die hemmt. Wir ziehen uns nicht zurück, wir müssen vielmehr mit den immer weniger werdenden Ressourcen effektiv umgehen, nach innovativen Wegen suchen, damit am Ende wieder Neues möglich wird. Trotz aller Widerstände die Dinge in die Hand nehmen: Das meine ich mit reformatorischem Wagemut. So setzen wir Kapazitäten frei, obwohl wir eigentlich sparen. Allerdings gilt es bei dieser Neuaufstellung darauf zu achten, dass wir den ländlichen Raum nicht preisgeben. Gerade hier ist es wichtig, dass Menschen christlich sozialisiert werden. Ich denke hier besonders an die Kinder.

Sie sprechen oft von der „Mission Gottes“, der die Kirche folgen müsse. Jeder Winkel der Schöpfung bedürfe der Strahlkraft des Glaubens. Zugleich müssen schon jetzt Pfarrerinnen und Pfarrer im Ruhestand, 75, manche 80 Jahre alt, weitermachen, damit Seelsorge im Kernbereich aufrechterhalten bleibt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. Wer oder was rettet die Kirche?

Die Gläubigen selbst müssen das tun. Das ist eine der reformatorischen Grunderkenntnisse: Der Verkündigungsauftrag geht vom ganzen Volk Gottes aus, nicht nur von Pfarrern oder Bischöfen. Womöglich werden wir durch die Ressourcenverknappung von unserem Herrn gerade gezwungen, darüber neu nachzudenken. Ein inneres Wesensprinzip der evangelisch-lutherischen Kirche ist, dass die Verkündigung der Frohen Botschaft von jedem einzelnen Gläubigen mitgetragen wird. Im Rahmen seiner Möglichkeiten und Begabungen. Wenn ein Pfarrer bislang für 1000 Gläubige zuständig war und sich nur 100 dieser Laien am Verkündigungsauftrag beteiligen, was denken Sie, was da möglich wäre?

Klingt schön, deckt sich aber nur bedingt mit der Realität. Am Ende entscheidet der Pfarrer fast immer und fast alles. Machen Sie es sich mit dem Priestertum aller Gläubigen nicht ein wenig zu einfach?

Ein einzelner Gläubiger ersetzt nicht einen Pfarrer, das ist klar. Die Gemeinden bemühen sich redlich, hier und da scheitern Versuche kläglich, aber das Bewusstsein für das Priestertum aller Gläubigen ist geschärft. Mein Vorgänger Landesbischof Jochen Bohl hat einmal gesagt: Dieselbe Anzahl von Pfarrern, die wir in den vergangenen Jahren eingespart haben, ist nahezu ausgeglichen worden durch dieselbe Anzahl von Prädikantinnen und Prädikanten, die neu in den Dienst als ehrenamtliche Predigerinnen und Prediger eingeführt wurden. Dieser pastorale, nichthauptamtliche Dienst ist von uns über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt worden.

Von welchen Größenordnungen sprechen Sie?

Eingespart wurden in den zurückliegenden 20 Jahren rund 150 Pfarrstellen. Etwas mehr als 150 Prädikanten haben wir in dieser Zeit ausgebildet.

Was bedeutet das für den Pfarrer-Nachwuchs, wenn Sie jetzt auf die Trumpfkarte Ehrenamt setzen?

Natürlich brauchen wir weiterhin Nachwuchs: gut ausgebildete Pfarrer, aber auch Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker. Trotz Reduktion stellen wir jedes Jahr etwa ein Dutzend neue Pfarrer ein. Das bleibt auch so. Wir animieren jeden, sich nach theologischen Berufen zu erkundigen.

Fest steht, dass die Zahl von aktuell rund 550 Gemeindepfarrstellen in Sachsen im Jahr 2040 deutlich geschrumpft sein wird. Von 40 Prozent ist die Rede. Wann gehen die Lichter ganz aus?

Unter der Maßgabe, dass die demografische Entwicklung 2040 so ist, wie sie sich heute andeutet, haben wir leider keine andere Wahl, als die Anzahl der Hauptamtlichen in Verkündigung und Verwaltung deutlich abzusenken. Die Lichter werden deshalb nicht ausgehen. Eine hohe Zahl von Pfarrerinnen und Pfarrern garantiert noch lange nicht, dass das Evangelium in allen Winkeln des Landes leuchtet.

Erste Gemeinden versuchen Stellen für Pfarrer, Gemeindepädagogen oder Kantoren über Fördervereine zu sicher. Wie stehen Sie zu Kofinanzierungen?

Bei der Finanzierung zusätzlicher Mitarbeiter über Fördervereine lauert die Gefahr von Hungerlöhnen. Das lässt sich mit einem christlichen Gewissen schlecht vereinbaren. Zudem drohen Abhängigkeiten, die gemeindliches Leben belasten könnten. Mir gefällt das Gedankenspiel einer Solidarabgabe zusätzlich zur Kirchensteuer besser, der kluge alte Grundsatz des Zehnten. Dieses Geld könnte in einen großen Topf fließen, aus dem dann ärmere Gemeinden bevorzugt bedacht würden.

Von Jan Emendörfer, Olaf Majer, Dominic Welters

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