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Hausärzte und Apotheker behandeln erste Patienten mit Medikamentenplan

Arzneimittelprojekt Hausärzte und Apotheker behandeln erste Patienten mit Medikamentenplan

Seit knapp zwei Wochen ist die Gemeinsame Arzneimittelinitiative von Sachsen und Thüringen (Armin) am Start. Vorschusslorbeeren gab es dafür viele. Gut möglich, dass das Modell auch auf den Bund übertragen wird. Doch wie funktioniert das Ganze eigentlich in der Praxis?

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Leipzig. Seit knapp zwei Wochen ist die Gemeinsame Arzneimittelinitiative von Sachsen und Thüringen (Armin) am Start. Vorschusslorbeeren gab es dafür viele. Gut möglich, dass das Modell auch auf den Bund übertragen wird. Doch wie funktioniert das Ganze eigentlich in der Praxis?

Ortstermin in Leipzig-Marienbrunn: Hier wohnen sehr viele ältere Leipziger, die ständig fünf oder mehr Medikamente einnehmen müssen – die Zielgruppe also, für die Armin ins Leben gerufen wurde. Im Gegensatz dazu sind der Allgemeinmediziner Martin Bauer (33) und der Apotheker Sven-Moritz Fischer (28) zwei junge Vertreter ihres Faches. Gemeinsam und freiwillig haben sie sich seit Monaten kontinuierlich herangearbeitet an die Problematik. Zunächst mit fiktiven Patienten und mittlerweile auch mit drei richtigen. Damit gehören sie zu den
215 Hausärzten und 500 Apothekern in Sachsen, die sich am Projekt beteiligen.

Hausarzt Bauer ist seit zweieinhalb Jahren in Marienbrunn tätig und hat hier die Praxis seines Vaters übernommen. „Schon in der Ausbildungsphase ist mir aufgefallen, dass wir hier sehr viele chronisch kranke und alte Patienten betreuen, die zum Teil bei sechs Fachärzten mitbehandelt werden“, erklärt er. „Da muss die Aktualität der Medikamentenpläne einfach hinterherhängen, denn Facharztbefunde dauern oft lange.“ Außerdem sei ihm klar geworden, dass sich Patienten neben den Verschreibungen oft noch selbst Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel kaufen. Bauer weiß: „Die können mit Arzneimitteln Wechselwirkungen hervorrufen.“ Wie also den Überblick behalten? Was bekommt der Patient wirklich? Wie wirkt es zusammen? Hier setze Armin an und münde in einen ständig aktualisierten Medikationsplan „Ich fahre selbst viele Notarzteinsätze“, so Bauer. „Da passiert es immer wieder, dass Patienten keinen Medikamentenplan von ihrem Hausarzt vorliegen haben.“ Doch ohne einen solchen bleibe bei akuten Beschwerden oft nur die Einweisung in ein Krankenhaus.

Apotheker Fischer wiederum arbeitet seit anderthalb Jahren in der Apotheke Marienbrunn. Er sagt: „Armin hilft auch dem Patienten, den Überblick über seine Medikamente zu behalten. Und mit dem Apotheker gibt es neben dem Hausarzt nun noch jemanden, an den er sich wenden kann.“ Umgedreht erleichtere es dem Apotheker die Arbeit, wenn er wisse, bei welchen Ärzten der Patient in Behandlung ist. Hausarzt Bauer sei für ihn eine wichtige Schnittstelle, so Fischer. Wenn der in der Medikation Probleme sähe, könne er sich mit den Fachärzten in Verbindung setzen. „Als Apotheker sind wir ein Vermittler, letztendlich entscheidet natürlich der Arzt.“ Im Interesse der Krankenkasse wiederum sei es, Doppelverordnungen zu verhindern und Probleme mit Arzneimitteln auszuräumen.

Am längsten – da sind sich beide einig – habe die Implementierung der Software gedauert. „Wir scharrten schon mit den Füßen“, erinnert sich Bauer. „Aber wir konnten nicht starten, weil es so lange gedauert hat. Es ging ja auch darum, die Belange des Datenschutzes zu berücksichtigen.“ Als effizient habe sich erwiesen, dass beide den Medikationsplan am Computer einsehen und vorhandene Probleme erörtern können.

Mit der Verschreibung von Wirkstoffen statt Medikamenten kann Bauer gut leben, weil Ausnahmen von der Regel zulässig sind. „Es gibt Krankheiten, bei denen entscheidend ist, das die Patienten die Medikamente erhalten, die sie gewohnt sind.“ Schilddrüsenerkrankungen beispielsweise gehörten dazu.

Mögliche Armin-Kandidaten unter den Patienten werden in der Regel von der AOK Plus vorgeschlagen. Mittlerweile habe man die Ersten angesprochen, die auch die geistige Fitness für ein solches Projekt besäßen. Im konkreten Fall ruft Bauer dann zunächst bei Fischer an und fragt, ob der Patient regelmäßig in die Apotheke kommt. Ist das so, erläutert der Hausarzt dem Patienten dann das Projekt und gibt ihm Informationsmaterial auf den Weg. Sind sich alle drei einig, müssen Arzt, Apotheker und Patient Unterschriften leisten. Apotheker Fischer erfasst alle Medikamente des Patienten und stellt sie Hausarzt Bauer zur Verfügung, der die Liste kritisch prüft. Steht der Medikationsplan, wird er natürlich auch für den Betroffenen ausgedruckt und ständig auf aktuellem Stand gehalten.

Dass Patienten mit geringerem Bildungsgrad oder schweren Krankheiten benachteiligt werden könnten, sieht Fischer nicht. „Viele heben sich einen Abschnitt von der Packung ihres Medikaments auf. Andere merken sich, wie die Pille aussieht, die sie einnehmen, welche Form oder Farbe sie hat und ob eine Zahl draufsteht.“ Die Honorierung von knapp 100 Euro für die Erstberatung hält Bauer für ausreichend: „Bei mir ist das eine Arbeit, die ohnehin Grundlage meiner Beratung und Behandlung ist. Das wird jetzt technisch optimiert.“ Fischer meint, die Aufnahme aller Medikamente sei schon sehr zeitintensiv. Sie ins Tagesgeschäft einzubauen – „das könnte schwierig werden“.

Angenehmer Nebeneffekt für beide ist auf jeden Fall die Werbung. „Wenn Patienten die umfassende Betreuung loben und sich das rumspricht, hat das klare Vorteile“, sind sich Bauer und Fischer einig. Mittlerweile werde schon öfter mal nach Armin gefragt – sowohl in der Praxis als auch in der Apotheke. Noch aber müssen Kassenpatienten, die nicht der AOK Plus angehören, vertröstet werden. Ab 2017 soll das Projekt dann aber auch anderen Gesetzlichen Krankenkassen offenstehen.

Von Roland Herold

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