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Mitteldeutschland Görlitz pflegt sein „Görliwood“-Image: Rathaus lässt Film-Schriftzug nicht tilgen
Region Mitteldeutschland Görlitz pflegt sein „Görliwood“-Image: Rathaus lässt Film-Schriftzug nicht tilgen
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09:16 04.10.2017
„Wählt Thälmann!“, heißt es an einer Friedhofsmauer unweit des Neiße-Ufers in der Görlitzer Bergstraße. Quelle: Harald Lachmann

Wahl-Plakate und -Poster zur Bundestagswahl sind fast gänzlich verschwunden. Doch im ostsächsischen Görlitz leuchtet noch eine Werbung in frisch wirkendem Weiß von einer roten Backsteinmauer: „Wählt Thälmann!“. Nur, wer hätte den einstigen KPD-Chef heutzutage noch wählen sollen? Nicht nur, dass ihn das NS-Regime 1944 auf direkten Befehl Hitlers im KZ Buchenwald heimtückisch erschießen ließ. Auch die stalinistische Attitüde, die den früheren Hamburger Hafenarbeiter auszeichnete, als er 1925 und 1932 für die Wahl des Reichspräsidenten kandidierte, ist der heutigen politischen Linken arg fremd.

Doch der meterlange Schriftzug ist auch wesentlich jünger. Erst 1985 wurde er an die Friedhofsmauer gepinnt – als Teil der Kulissen für Dreharbeiten zu einem Zweiteiler, den das DDR-Fernsehen anlässlich Thälmanns 100. Geburtstages schuf. Und als diese Staffage überlebte diese Werbung dann alle weiteren Zeitenläufe. Denn obwohl in Görlitz nach 1989 nie Sozialisten regierten, sonnt sich die Stadt weiterhin in ihrem Ruf als wichtiger Drehort. Selbst eine Reihe Hollywoodstreifen entstand inzwischen hier. Und manche Kulisse, die noch daran erinnert, zählt inzwischen völlig unideologisch zum städtischen Kulturgut.

Jenes „Görliwood“-Image, das sich die 56 000-Einwohner-Stadt längst willig anheften ließ, veranlasste die Rathausverantwortlichen sogar, den Thälmann-Schriftzug wieder authentisch herstellen zu lassen, nachdem diese rote Ziegelmauer 2013 für ein anderes Filmprojekt benötigt wurde. „Old Lutz Cemetery“ prangte es zwischenzeitlich Weiß auf Rot für die britisch-deutsch-US-amerikanische Filmkomödie „The Grand Budapest Hotel“ von der Wand.

Mancher in der Stadt, der sich nie recht mit dem Slogan für einen Kommunistenführer arrangieren konnte, schien auch ganz glücklich darüber – und hoffte, Thälmann sei damit erledigt. Doch nun war es sehr wohl die Linksfraktion der Stadt, die darauf drang, den alten Schriftzug wiederherzustellen. Schließlich sei dies Teil der Absprachen mit den für den „Budapest“-Dreh verantwortlichen Babelsberger Studios gewesen. Und so ließ ein extra bestellter Kunstmaler den Thälmann-Spruch im Juli 2013 erneut aufleben. Zwar gab und gibt es immer mal wieder Versuche seitens anderer Fraktionen, etwa der „Bürger für Görlitz“, das Relikt für immer tilgen zu lassen. Auch im Internet schimpft schon mal jemand auf diese „Verherrlichung des Totalitarismus“. Doch in Görlitz scheint man erhaben darüber. Im Übrigen existieren von dem rauf- und trinkfesten Arbeiterführer der 1920/30er-Jahre noch wesentlich gegenständlichere Erinnerungen. So tragen Ortschaften in Russland, der Ukraine und Tadschikistan bis heute Thälmanns Namen, auch Wohnsiedlungen in Kommunen Sachsen-Anhalts, Sachsens, Brandenburgs und Vorpommerns.

Von Harald Lachmann

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