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Gemkow-Prozess: Neue Spur führt zu bekanntem Freefighter

Ehefrau gibt Angeklagtem ein Alibi Gemkow-Prozess: Neue Spur führt zu bekanntem Freefighter

Kam es bei der Aufklärung des Anschlags auf die Wohnung des sächsischen Justizministers Sebastian Gemkow (CDU/Foto) zu Pannen? Ein Verteidiger monierte am dritten Prozesstag vor dem Leipziger Amtsgericht „erhebliche Fehler in der Ermittlungsarbeit“.

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Quelle: Foto: dpa

Leipzig. Kam es bei der Aufklärung des Anschlags auf die Wohnung des sächsischen Justizministers Sebastian Gemkow (CDU/Foto) zu Pannen? Ein Verteidiger monierte gestern am dritten Prozesstag vor dem Leipziger Amtsgericht „erhebliche Fehler in der Ermittlungsarbeit“. Und tatsächlich lautet das Fazit nach einer fast siebenstündigen Hauptverhandlung: Noch immer sind etliche Fragen ungeklärt.

Seit 7. August sitzen zwei Männer auf der Anklagebank: Thomas K. (30), ein zwei Meter großer rechter Lok-Hooligan, und Roman W. (30), ein muskulöser Autohändler kirgisischer Abstammung aus Meckenheim/Nordrhein-Westfalen. Sie sollen am 24. November 2015 gegen 2.10 Uhr die Ministerwohnung in der August-Bebel-Straße mit Pflastersteinen angegriffen und durch die kaputten Scheiben mit stinkender Buttersäure gefüllte Christbaumkugeln geschleudert haben, während Gemkow mit seiner Familie darin schlief.

Einzige Basis der Anklage sind DNA-Spuren vom Tatort, während selbst der Ermittlungsführer des Operativen Abwehrzentrums (OAZ) gestern einräumen musste, es sei bei beiden Beschuldigten „kein Tatmotiv nachvollziehbar“. Ein Pflasterstein trug Anhaftungen von Roman W., eine Verpackung für Weihnachtsbaumkugeln wies auf Thomas K. hin. Bei Durchsuchungen der Wohnungen beider Angeklagter wurde jedoch nichts Relevantes gefunden. Allerdings stand die Polizei bei Thomas K. eineinhalb Stunden vor der verschlossenen Wohnungstür, bis ein Schlüsseldienst kam – genügend Zeit, um Beweise zu vernichten.

Roman W. legte gestern einen Nachweis vor, dass er am Tattag um 11.15 Uhr bei der Polizei in Bonn persönlich eine Geldstrafe bezahlte. Zudem gab ihm seine Ehefrau Aljona (20) ein Alibi: „Er war in dieser Nacht zu Hause, definitiv.“ Seine einzige Erklärung dafür, wie seine DNA nach Leipzig gelangt sein könnte, obwohl er nie hier gewesen sein will: der schwarze Mercedes ML 350 eines Düsseldorfer Anwalts, den er Ende September 2015 aus Frankreich zur Reparatur überführt hatte. „Im Fahrzeug befanden sich ein T-Shirt, ein Handtuch und Getränkedosen, die ich genutzt habe“, so der Angeklagte. Als er den SUV wieder aus der Werkstatt holen wollte, sei er schon von einem Herrn aus Leipzig fortgefahren worden. Tage später flatterte ihm ein Bußgeldbescheid ins Haus. Auf dem Blitzerfoto war jedoch nicht Roman W. zu sehen, sondern nach Aussage eines szenekundigen Beamten ein Mann, der „augenscheinlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Benjamin B.“ habe, dem Protagonisten der hiesigen Freefighter-Szene – und Freund des Angeklagten Thomas K.

Auch andere Spuren ließen die Ermittler zunächst unbeachtet: So lief ein Fährtenhund 2,5 Kilometer vom Tatort zu einem Haus in der Connewitzer Biedermannstraße, wo ein wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch verurteilter Linksextremer wohnt. Er gab an, zur Tatzeit mit einem Freund im Westwerk gewesen zu sein. Doch dieses Alibi wurde nicht überprüft, so der OAZ-Ermittler.

Der Prozess wird am 4. September fortgesetzt – mit Gemkow im Zeugenstand.

Von Frank Döring

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