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Mitteldeutschland Forscher suchen Ursache für Erdbeben: Unter der Erde regt sich ein Vulkan
Region Mitteldeutschland Forscher suchen Ursache für Erdbeben: Unter der Erde regt sich ein Vulkan
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22:17 17.07.2018
Unter dem Vogtland könnte ein Vulkan entstehen. Dass er so ausbricht wie der Ausbruch des Krakatau im Juni 2009, ist allerdings nicht zu befürchten. Quelle: Reisefibel
Bad Brambach/Plesná

Die Vögel zwitschern. Hier und da plätschert eine Quelle aus der Erde. Doch nicht immer ist es im Vogtland so idyllisch. Erst im Mai vernahm Rudolf Penzel ein Geräusch, das ihn an das Poltern der schweren Kugeln auf Kegelbahnen erinnerte. Die Erde habe „immerzu gerumpelt“, erzählt der 62-jährige Bad Brambacher. Schwarmbeben erschütterten das Vogtland und das nahe Böhmen elf Tage lang.

Einmal sogar mit einer Magnitude von fast 4. „Da hat man schon ein bisschen Angst um die Hütte“, sagt Penzel. Er spricht von „Schrecksekunden“, in denen er nicht wusste, ob er besser aus dem Haus rennen sollte oder innen abwarten sollte.

Druck bringt die Erde zum Beben

Forscher gehen davon aus, dass ein Magma-Reservoir in mehr als 30 Kilometern Tiefe für die Beben rund um Nový Kostel verantwortlich ist. Torsten Dahm vermutet, dass aufsteigende Magma aus dem Reservoir die Schwarmbeben verursacht. Er ist Sektionsleiter der Erdbeben- und Vulkanphysik des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) am Helmholtz-Zentrum in Potsdam. Über Klüfte könnte die flüssige Masse in bis zu sechs Kilometer unter die Erdoberfläche gelangen, erklärt Dahm. Kühlt das Magma ab, entsteht Kohlenstoffdioxid. Ein Druck – ähnlich wie in einer Sektflasche – bringt die Erde dann in Bewegung.

Gibt es also bald einen sächsischen Vulkan im Vogtland? In ferner Zukunft könne ein feuerspeiender Berg entstehen, fürchten Experten. „Wir rechnen nicht damit, dass das Magma innerhalb der nächsten Jahre hoch kommt“, beruhigt Dahm. Die Prozesse dauerten meist sehr lange. Außerdem sei in der Geschichte der Region noch nie Magma an die Oberfläche gekommen. Doch auch ohne Lavaströme bergen die Entgasungen in der Region Risiken: Wenn sich Kohlenstoffdioxid etwa in Mulden absetzt, kann es tödlich sein. Und auch von den eher gemäßigten Erdbeben ginge eine „gewisse Gefährdung“ aus, so Dahm.

Erdstöße sind anders als üblich

Die Erdstöße haben zugenommen. „Ich kann noch nicht einschätzen, was das ist“, sagt Geophysiker Siegfried Wendt vom Observatorium Collm mit Blick auf die seismographischen Aufzeichnungen. „Es ist anders als üblich.“ Das geologische Rätsel weckt den Forschergeist. Ob tatsächlich Magma in weniger als zehn Kilometern Tiefe unter das Vogtland gelangt, möchte Dahm mit Flachbohrungen prüfen.

In 400 Metern Tiefe sollen dabei Sensoren angebracht werden, die auch schwächere Beben messen können. Auch die Beschaffenheit des Bodens könne Antworten auf die vielen offenen Fragen liefern. „Wissenschaftlich ist das eine riesen Chance“, sagt Dahm. Das Projekt habe außerdem eine „gewisse Dringlichkeit“. Denn: „Wir wissen nicht, ob die Prozesse auf einmal aufhören.“

Könnte ein Vulkan ausbrechen?

Diese Ungewissheit bewegt die Bewohner der Grenzregion zwischen Sachsen, Bayern und Tschechien. „Man weiß nicht, was kommt“, sagt Petr Schaller, Bürgermeister des tschechischen Städtchens Plesná. Dass ein Vulkan in der Region ausbrechen könnte, glaubt er nicht. Seine Frau habe allerdings Angst vor den Beben. Die Spuren sind hier deutlich zu sehen. Die Schwarmbeben im Mai dieses Jahres haben in der Wand des Rathauses der 2000-Einwohner-Stadt einen deutlichen Riss von etwa einem halben Meter hinterlassen. Miroslava Malá, Verwaltungsfachangestellte in eben diesem historischen Haus, macht sich dennoch keine Sorgen. Sie ist an die Erdbewegungen gewöhnt: „Es ist einfach ein unangenehmes Gefühl, wenn alles wackelt“, sagt die 40-Jährige.

In Bad Brambach halten magmatische Prozesse die Bewohner in Atem. Auch Plesna ist vulkanisch geprägt. Petr Schaller (45) hat einen Riss im Rathaus, der im Mai 2018 durch ein Erdbeben entstanden ist. Quelle: Theresa Held

Seit 1986 liegt das Epizentrum der Erdbeben im Vogtland unter Nový Kostel in Tschechien. Damals betrug die höchste gemessene Magnitude 4,6. Unter Nový Kostel könnte Magma durch Klüfte bis in sechs Kilometer unter die Erdoberfläche gelangen. Forscher vermuten dort ein Magma-Reservoir in etwa 30 Kilometern Tiefe. Fest steht, dass die sogenannten Schwarmbeben in der Region zugenommen haben. Nach 1986 rumorte es unterirdisch auch 1997, 2000, 2008, 2011, 2014, 2017 und zuletzt im Mai dieses Jahres. Stärkere Beben gab es in den vergangen Jahren vermehrt. Das Hauptbeben im Vorjahr hatte die Magnitude 4,2. Geologisch ist das Vogtland mit der Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz vergleichbar.

Beben ist Fluch und Segen für die Region

In Plesná wird derzeit ein Museum erbaut. Neben Vertreibung soll es in der Ausstellung auch um die besondere Geologie der Region gehen, verrät Schaller. Sein Kollege Helmut Wolfram (CDU) im angrenzenden sächsischen Kurort Bad Brambach will von der touristischen Vermarktung des Vulkanismus nichts wissen. Er fürchtet, dass wegen der Beben die Touristen fortbleiben. Etwa 150 000 Übernachtungsgäste zählt Bad Brambach im Jahr. „Die Vorgänge in der Erde sind zugleich Fluch und Segen für die Region“, sagt Wolfram.

Zum einen sind Heilbäder und die Mineralquelle die größten Arbeitgeber im etwa 1850 Einwohner zählenden Ort. Sie vermarkten das besondere Wasser und die Mineralstoffe, die im vogtländischen Boden vorkommen. „Davon lebt die Region“, sagt Wolfram. Gleichzeitig birgt der Vulkanismus aber eben auch Gefahren. Größere Erdbebenschäden seien noch nicht vorgekommen. Auch spezielle Baurichtlinien gebe es nicht, so Wolfram. In Bad Brambach plant das GFZ auf privatem Grund eine der insgesamt sechs Bohrungen. Wolfram ist damit einverstanden, solange sie die sechs Quellen im Ort nicht beeinträchtigt.

Für Bad Brambachs Bürgermeister Helmut Wolfram ist der vogtländische Vulkanismus Fluch und Segen zugleich. Quelle: Theresa Held

Geophysiker Wendt freut sich auf die Ergebnisse der Tiefenmessung. Die These Dahms wertet er als plausibel: „Aufsteigendes Magma wird für Schwarmbeben verantwortlich gemacht.“ Seine Erdbeben-Messungen bestätigen die Theorie zum Magma-Reservoir. „Unter dem Vogtland gibt es eine Aufwölbung in etwa 29 Kilometern Tiefe“, hat der Geophysiker errechnet. Die unterirdische Unruhe in der Region um Nový Kostel macht dem Forscher zu schaffen. „Ich komme gar nicht raus aus der Arbeit, so viele Beben gibt es.“

Er wisse zwar nicht, wann sich die Erde wieder bewegt. Vor einem Vulkan müssten sich die Bewohner aber nicht fürchten. „Ich würde merken, wenn sich etwas charakteristisch ändert“, beruhigt er. Mit einem Ausbruch rechnet Wendt nicht, zumindest nicht in naher Zukunft. Ob die für die Region wertvollen Gase und Mineralien mit Magmen zu tun haben, werden wohl endgültig die Bohrungen zeigen, die noch dieses Jahr beginnen sollen.

Heilquellen und Vulkan

Solange blickt Rudolf Penzel möglichen Erschütterungen gelassen entgegen: „Wenn’s da ist, ist’s da“, sagt er. Solange die Beben nicht schlimmer werden, will er in Bad Brambach wohnen bleiben. Immerhin habe er hier seine Ruhe und plätschernde Heilquellen. Vor einem Vulkan fürchtet er sich nicht.

Von Theresa Held

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