Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Mitteldeutschland Fliegerbomben und Panzergranaten – Sachsens Wälder sind noch scharf
Region Mitteldeutschland Fliegerbomben und Panzergranaten – Sachsens Wälder sind noch scharf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:47 04.02.2016
Eine entschärfte Fünf-Zentner-Fliegerbombe amerikanischer Bauart und deren Zünder. Quelle: dpa/Archiv
Anzeige
Dresden

Auch gut 70 Jahre nach Kriegsende haben die Männer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Sachsen gut zu tun. Wohl noch lange werden sie vor allem auf Baustellen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärfen müssen. „Ein Ende ist nicht in Sicht“, sagte der Sprecher des Dresdner Polizeiverwaltungsamtes, Jürgen Scherf, dem der Kampfmittelbeseitigungsdienst zugeordnet ist.

Während des Krieges seien Städte wie Dresden, Leipzig, Chemnitz oder Plauen bombardiert worden, Ostsachsen sei Kampfgebiet gewesen, über die Straßen habe sich die Wehrmacht zurückgezogen. Sachsen gehört laut Scherf in Deutschland zu den besonders mit Altmunition belasteten Regionen. Auch die Munitions-Überbleibsel auf früheren Truppenübungsplätzen beschäftigen die Räum-Experten.

Laut Innenministerium werden seit 2013 jährlich rund 5,5 Millionen Euro für die Beseitigung von Kampfmitteln ausgegeben – ohne Personalkosten. Landesweit gibt es rund 25 Kampfmittelbe-seitiger. Sie rückten laut Polizeiverwaltungsamt allein 2014 zu mehr als 800 Einsätzen aus. Dabei wurden unter anderem rund 4,9 Tonnen Fliegerbomben unschädlich gemacht. Erst kürzlich war beispielsweise bei Bauarbeiten nahe dem Dresdner Zentrum eine Drei-Zentner-Bombe gefunden und zu nächtlicher Stunde entschärft worden. Rund 800 Anwohner mussten zuvor in Sicherheit gebracht werden. Ein Pflegeheim wurde evakuiert, der Zugverkehr umgeleitet, ein Flugverbot verhängt. Auch in Leipzig hatten Munitionsexperten kürzlich eine 500-Kilo-Bombe gesprengt. Ebenfalls in Dresden wurden im November vergangenen Jahres wegen einer Fliegerbombe rund 900 Menschen aus ihren Wohnungen geholt. In Chemnitz mussten im Oktober rund 2000 Menschen in Sicherheit gebracht werden, nachdem nahe dem Bahnhof in 2,50 Meter Tiefe eine 250-Kilogramm-Fliegerbombe aufgetaucht war. Bei Schachtarbeiten in einer Kläranlage in Rietschen (Kreis Görlitz) war im August eine Panzergranate aus dem Zweiten Weltkrieg zum Vorschein gekommen. Eine 50 Jahre alte Frau hatte die Beamten informiert.

Schon 2014 wurden unter anderem in der Dippoldiswalder (Dippser) Heide allein 23 Fliegerbomben entschärft oder gesprengt. Sie stammen von US-amerika-nischen Fliegern, die bei schlechter Sicht im April 1945 zusammengestoßen waren. Die Munitionsexperten waren ihnen eher zufällig auf die Spur gekommen. „Eigentlich sollte dort lediglich alte Fundmunition eingesammelt werden“, erinnert sich Scherf. „Aber dann kamen Leute und haben uns die Geschichte mit den Flugzeugen erzählt.“

Auch für den Chef der sächsischen Kampfmittelbeseitiger, Sprengmeister Thomas Lange, war der damalige Fund einzigartig. Der 65-Jährige macht den Job seit 1988 und hat seither mehr als 300 Bomben unschädlich gemacht. „Absolute Konzentration ist lebenswichtig“, betont er. Die Entschärfung der Weltkriegsbomben werde immer schwieriger. „Die Zündsysteme sind sehr stark korrodiert, die Sprengstoffe verlieren immer mehr an Stabilität“, erklärt Lange.

Wie viel alte Weltkriegsmunition noch in Sachsens Erde schlummert, weiß niemand. Es gebe keine flächendeckende Suche, sagt Scherf. „Das ist nicht zu machen.“ Auch alte Luftaufnahmen lieferten nur vage Hinweise. „Dort sind ja vor allem Bombenkrater zu sehen, also Bomben, die explodiert sind.“

Sachsen sei dennoch weitgehend sicher, glaubt der Verwaltungsamts-Sprecher. „Zumindest an der Oberfläche.“ Doch darunter sei es gefährlich. Die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes würden deshalb meist dann gerufen, wenn die Bagger anrücken, wenn Häuser, Straßen oder Gewerbegebiete gebaut werden sollen. „Übrigens, eine Schatzsuche mit Metallsonden in Wäldern ist nicht nur verboten, sondern auch hoch extrem gefährlich“, gibt Jürgen Scherf noch zu bedenken.

Ralf Hübner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Freistaat Sachsen will Kommunen und Verkehrsunternehmen in diesem Jahr beim Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) mit mehr als 131 Millionen Euro unterstützen. 2015 hatte die Staatsregierung für Investitionen in den Nahverkehr noch rund 140 Millionen Euro bereitgestellt.

03.02.2016

Die von Frauke Petry geführte AfD in Sachsen will eine Doppelspitze einführen. Die Partei bestätigte einen entsprechenden Bericht der „Sächsischen Zeitung“ (Mittwoch). Demnach soll der AfD-Landesparteitag in Markneukirchen Ende Februar darüber entscheiden.

03.02.2016

Seit Jahren häuft sich die Zahl der Mehrarbeits- und Überstunden in den zehn sächsischen Gefängnissen. Ende 2015 summierten sie sich nach Angaben des Justizministeriums auf knapp 69 500 - rund 39 Prozent mehr als 2009. „Es gibt zu wenig Personal“, benannte Sprecher Jörg Herold einen Grund der Entwicklung.

03.02.2016
Anzeige