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Mitteldeutschland Fast jeden Tag ein Wildunfall in Sachsen: Gefahr durch Keiler, Reh und Fuchs
Region Mitteldeutschland Fast jeden Tag ein Wildunfall in Sachsen: Gefahr durch Keiler, Reh und Fuchs
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18:33 04.11.2018
Gefahr durch Wildwechsel: Besonders im Herbst gibt es immer wieder Zusammenstöße von Autos mit Wildschweinen, Rehen oder Füchsen. Quelle: dpa
Leipzig

Erst letzte Woche ist es im Kreis Mittelsachsen wieder passiert: Auf der Straße Heiterer Blick in Döbeln stieß das Auto einer 31-jährigen Frau mit einem Reh zusammen, das plötzlich aus dem Nichts die Straßenseite wechseln wollte. In diesem Fall kam die Fahrerin allerdings mit dem Schrecken davon: Sie blieb unverletzt, das Reh rappelte sich auf und rannte davon. Von dem Wildunfall blieb nicht mehr als eine Blechdelle.

Nicht jeder dieser Unfälle endet allerdings so glimpflich: In Deutschland kommt es laut ADAC jedes Jahr zu mehr als 200 000 Wildunfällen. 2017 sind dabei laut Statistischem Bundesamt zehn Menschen ums Leben gekommen, fast 3000 wurden verletzt - 606 davon schwer. Der Sachschaden beläuft sich auf mehr als einer halbe Milliarde Euro.

Zeitumstellung verschärft das Problem

Besonders gefährlich ist jetzt wieder der Herbst, wo die Zeitumstellung zum Problem wird. Indem die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wird, fällt der Berufsverkehr weitestgehend genau in die Dämmerung und somit in die Zeit, in der viele Wildtiere unterwegs sind. „Wildunfälle ereignen sich nahezu täglich auf den Straßen Mittelsachsens“, bestätigt Andrzej Rydzik von der Polizeidirektion Chemnitz. „Am häufigsten sind Rehwild, Schwarzwild oder Füchse an den Unfällen beteiligt.“ Generell ereigneten sich Wildunfälle ganzjährig und zu jeder Tageszeit. Die Zahl der Wildunfälle in Mittelsachsen bleibe konstant hoch. Im ganzen Landkreis waren es bis Ende September dieses Jahres 1065, im Altkreis Döbeln 228.

Colditzer Forst: Liebestolle Hirsche queren Straßen

Hinzu kommt die Paarungszeit beim Damwild ab Oktober, wo Hirsche oft liebestoll allein ihren Instinkten folgen und auf der Suche nach den Brunftplätzen sich auch von viel befahrenen Straßen nicht abhalten. Bis Anfang/Mitte November dauere die Damwild-Brunft im Colditzer Forst an, sagt Revierförster Falkhard Dau, der das Sachsenforst-Revier Waldmühle (Kreis Leipzig) betreut. „Autofahrer müssen jederzeit damit rechnen, dass Tiere die Straßen überqueren. Sie sollten unbedingt ihr Tempo anpassen“, sagt er - nicht nur auf der Bundesstraße 176, die den Colditzer Forst durchschneide. Neben dem Damwild seien Rehe und Schwarzkittel aktiv, und das über die nächsten Monate.

Richtiges Verhalten beim Wildunfall

Der ADAC gibt Tipps, falls ein Zusammenstoß mit einem Wildtier nicht zu vermeiden ist:

+ Auf keinen Fall ausweichen! Die Gefahren durch Ausweichmanöver sind meist gefährlicher als der Zusammenstoß mit dem Wild.

+ Möglichst stark bremsen und das Lenkrad gut festhalten.

+ Nach einem Zusammenstoß das Warnblinklicht einschalten und die Unfallstelle absichern.

+ Die Polizei unter 110 rufen und den genauen Standort angeben. Die Polizei informiert in der Regel den zuständigen Jäger.

+ Verletzte Tiere nicht anfassen, da sie sich wehren könnten.

+ Tote Tiere wenn möglich von der Fahrbahn ziehen. Allerdings sollte ein Tier nie ohne Handschuhe angefasst werden (Tollwutgefahr).

+ Am Unfallort bleiben, bis Polizei oder Jäger eintreffen.

Sachsenforst: Hohe Dunkelziffer bei Wildunfällen

Zwei Dutzend Wildunfälle registriere man jährlich allein in den Forstrevieren Waldmühle und Colditz, so Dau; die Dunkelziffer sei deutlich höher. „Konstant hoch“ nennt auch das Polizeirevier Borna in diesen Tagen die Zahl der Zusammenstöße mit dem Wild. Sie konzentrierten sich auf die Abendstunden und auf den frühen Morgen, wenn der Verkehr wieder zunehme. Im Grunde komme es täglich zu Zusammenstößen, oft auch mehrmals. Schwerpunkte aus Polizeisicht sind die B 176, die zwischen Neukieritzsch und Groitzsch offenes Tagebau-Gelände quert, und die Staatsstraße Richtung Störmthal im Bereich von Dreiskau-Muckern.

Wurzener Stadtwaldjäger: Mensch hat Mitschuld

Der Wurzener Stadtwaldjäger Jürgen Kratzmann gibt auch uns Menschen eine Mitschuld zu. „Überhaupt nicht mehr für voll genommen werden Warnschilder zum Wildwechsel, die ja auch nur dort aufgestellt werden, wo schon häufig Wildunfälle passiert sind. Darüber hinaus gilt unangepasstes Tempo als Hauptursache. Denn auf Straßen durch wildgefährdetes Gebiet ist eine Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde schon zu schnell“, weiß der 54-jährige Experte. Auch unser Freizeitverhalten habe sich verlagert. Dort wo möglich, seien wir Menschen verstärkt in Wäldern unterwegs. „Das Joggen und Radfahren aber auch das Pilzesammeln und Spazieren scheucht Wild auf und treibt es in Straßennähe ins Verderben“, sagt der Jäger.

Quelle: dpa

Treibjagd im Muldental: Warnschilder werden gestohlen

Eine andere Gefahr jetzt im Herbst sind Treibjagden, die zwar in den betroffen Gebieten stets mit Warnschildern deutlich gekennzeichnet werden. „Aber immer wieder werden diese so wichtigen Warnungen von der Straße weg gestohlen“, beklagt Kratzmann. „Das Wild erscheint für den Autofahrer völlig unvorhergesehen, was ein rechtzeitiges und auch richtiges Reagieren erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht“, sagt der Jägersmann. Kommt es zum Zusammenstoß, könne die Wucht des Aufpralls für den Autofahrer fatale Folgen haben. „Ein Hase schlägt bei Tempo 100 mit einem Gewicht von 125 Kilogramm auf. Bei einem etwa 20 Kilogramm schweren Reh ist es schon eine halbe Tonne. Nicht auszudenken, wenn diese Gefahr unvermittelt von einem Wildschwein ausgeht“, weitet Kratzmann den Blick für mögliche Konsequenzen.

Polizei Delitzsch: Auch Wildwechsel an Feldern

„Bestimmte Tage, an denen es zu Wildunfällen kommt, gibt es nicht mehr“, sagt Holger Stecher, Leiter des Polizeireviers in Delitzsch. Mit der aktuell aufgehenden Grünsaat seien die Tiere nicht mehr nur in Waldgebieten anzutreffen, sondern stehen auch auf Feldern. Zu Unfällen komme es dann regelmäßig, vor allem aber in den Hell-Dunkel-Phasen, sagt Stecher. Laut Polizeidirektion Leipzig gab es allein im Raum Delitzsch im Zeitraum September 19 Wildunfälle, alle mit Blechschaden. Die häufigsten Zusammenstöße gab es mit Rehen (15), Wildschweinen und Feldhasen. Die meisten Kollisionen fanden in der Zeit zwischen 5 und 7 Uhr statt.

Oschatz: Vorsicht vor Wildschwein-Rotten

Uwe Lange, Revierförster vom Forstrevier Horstsee spricht von ungefähr zehn Wildunfällen pro Saison, die alleine in seinem Gebiet passieren. Die S42 zwischen Wermsdorf und Sachsendorf birgt gefährliche Stellen, an denen das Wild in der anbrechenden Dämmerung die Straße quert. „Bei Dämmerung sollten die Autofahrer grundsätzlich vorsichtiger fahren, wenn Waldstrecken kommen“, sagt der Förster. Das Schwarzwild, das auch im Gebiet um Oschatz vorkommt, überquert die Straße außerdem in Rotten. „Wenn ein Tier auf der Straße zu sehen ist, kommt sehr wahrscheinlich noch ein zweites hinterher“, warnt Lange vor der Gefahr. In der Gröppendorfer Delle, in Richtung Mügeln, sollen Autofahrer besonders achtsam sein. Hier wechseln Wildgruppen nämlich oft vom Waldgebiet auf das Feld und sind deswegen in höherer Anzahl zusammen unterwegs.

Altenburger Land: Unfallzahlen steigen

Auch in der Region Altenburg raten Polizei und Jäger zu besonderer Vorsicht. Insgesamt wurden in diesem Jahr schon 272 Wildunfälle im Altenburger Land registriert. Damit setzt sich der Trend zu immer mehr Wildunfällen fort. Wurden 2014 beispielsweise „nur“ 151 Wildunfälle im Landkreis bekannt, waren es 2015 bereits 176. Im Jahr 2016 verdoppelte sich die Zahl fast auf 338 Unfällen mit Wildtieren und stieg 2017 weiter auf 354 Unfälle. Die Rekordzahlen fallen im Übrigen mit der Buchen- beziehungsweise Eichelmast zusammen, die 2016 etwa im Leinawaldrevier zu einer starken Zunahme der Schwarzwildpopulation führte. Denn gibt es reichlich Nahrung, bringen die Bachen einer Rotte viel mehr Jungtiere durch.

Gefahrenabwehr: Blaue Reflektoren bringen nichts

Bei der Gefahrenabwehr gehen die Meinungen der Experten bislang auseinander. Sachsen setzt bislang zumeist auf blaue Reflektoren, die an den Leitpfosten am Straßenrand angebracht werden. Das reflektierte Licht der Autoscheinwerfer soll das Wild abschrecken. Als positives Beispiel führen Jäger beispielsweise die Staatsstraße 34 zwischen Pappendorf und Berbersdorf im Kreis Mittelsachsen an: Früher habe es dort jährlich bis zu 30 Wildunfälle gegeben. Jetzt, mit den Reflektoren, seien es etwa noch fünf bis sieben im Jahr. Die Jäger berufen sich zudem auf Schadensberichte aus anderen Regionen Deutschlands, wonach durch den Einsatz der Reflektoren die Anzahl der Wildunfälle um etwa 50 bis 85 Prozent gesunken sei.

Optische Gefahrenabwehr: Auf der Straße von Döbeln nach Zschaitz sind an den Leitpfosten am Straßenrand solche Reflektoren angebracht. Quelle: Wolfgang Sens

Allerdings behauptet eine aktuelle Studie der Universitäten Göttingen und Zürich das Gegenteil. Danach können die Reflektoren die Zahl der Wildunfälle nicht wesentlich verringern. Bei der Untersuchung auf 150 Teststrecken in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen hätten sich die Reflektoren als weitgehend wirkungslos erwiesen. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hatte die Studie in Auftrag gegeben.

Versuch mit Piep-Tönen in Sachsen-Anhalt

Der ADAC teilt die Skepsis der Forscher zur Wirksamkeit der Reflektoren. Mit Spannung wird dagegen auf ein Experiment in Sachsen-Anhalt geschaut: Das Land will in einem bundesweit einzigartigen Pilotversuch akustische Warnmelder zum Schutz vor Wildunfällen testen. Die Idee: Nähert sich ein Auto, setzen hohe Pieptöne und verscheuchen so die Tiere, die gerade die Straße überqueren wollen.

Getestet werden soll das Warnsystem noch in diesem Jahr. Wie das Verkehrsministerium mitteilte, wird die Technik an vier besonders betroffenen Strecken im Land aufgestellt: In der Altmark, der Börde sowie bei Stendal und Dessau-Roßlau. An zwei Strecken werden Piep-Warner mit optischen Reflektoren kombiniert. Die anderen beiden Strecken bekommen nur akustischen Warnmelder. Ab Herbst seien dann insgesamt 194 akustische Warnmelder sowie 62 optische Vorrichtungen einsatzbereit.

Von Olaf Majer, Olaf Büchel, Katharina Storck, Frank Schmidt, Ekkehard Schulreich, Matthias Schönknecht und Jörg Reuter

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