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Mitteldeutschland Fachkräftemangel: Sachsens Wirte fürchten Kneipensterben
Region Mitteldeutschland Fachkräftemangel: Sachsens Wirte fürchten Kneipensterben
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12:15 25.09.2018
Die Musikkneipe Rockeria (ehemals Henrixx) in Leipzig. Zu kämpfen haben vor allem Gaststätten auf dem Land, aber auch in den Städten macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar. Quelle: Kempner
Leipzig

Sachsens Wirte schlagen Alarm: Weil es immer schwieriger wird, Fachkräfte zu finden, droht dem Freistaat ein Kneipensterben, warnen Industrie- und Handelskammer und der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Auf dem Land habe die Schließwelle längst begonnen. „Wir sprechen vom Gasthöfe-Sterben“, sagt Leipzigs IHK-Vize Rita Fleischer. Doch auch in den Großstädten werde die Luft für die Wirte immer dünner.

Kürzere Öffnungszeiten

„Wenn man sich vorstellt, dass in Leipzig Gaststätten geschlossen werden müssten, wird einem rasch klar, dass das eine erhebliche Einbuße an Lebensqualität bedeuten würde,“ so Fleischer. Weil aber Personal fehlt, würden jetzt schon Öffnungszeiten gekürzt, Speisekarten zusammengestrichen und der Küchenschluss vorgezogen. Wer heute um 23 Uhr noch etwas zu essen haben wolle, schaue immer öfter in die Röhre. „Spätestens um 22 Uhr ist die Küche kalt“, weiß Fleischer. Und bei Familienfeiern werde streng auf die Schlusszeit geachtet. „Das gab es früher nie“, sagt Fleischer.

Azubizahl halbiert

Vor allem Lehrlinge sind mittlerweile immer schwerer zu finden. „Die Zahl der Auszubildenden hat sich seit 2010 halbiert“, erklärt die IHK-Vize. Gab es vor acht Jahren sachsenweit noch 2212 Koch-Azubis, so waren es im vergangenen Jahr gerade mal noch 1048. „Und noch schlimmer sieht es beim Restaurantfachmann aus“, beklagt Ingo Winkler, der Chef des Leipziger Ratskellers. „Wer möchte denn heute noch bedienen?“ Nur noch 451 Lehrlinge wollten diesen Beruf im vergangenen Jahr erlernen – 2010 waren es noch 985. Der Beruf Fachkraft im Gastgewerbe hat sich sogar fast in Luft aufgelöst: Statt 386 Azubis 2010 gab es 2017 nur noch 149 – in ganz Sachsen.

52 neue Kneipen in Leipzig

Dabei steigt die Zahl der Gaststätten sogar, zumindest in Leipzig. Allein im vergangenen Jahr eröffneten 52 Kneipen neu. Insgesamt gibt es nun 1878 Gastronomiebetriebe. „Die Zahl der Betriebe wächst, der Umsatz auch, und die Auftragslage sieht gut aus“, bilanziert die IHK-Frau. „Keine Gaststätte wird in den kommenden Jahren aus Mangel an Gästen aufgeben“, glaubt auch Ratskeller-Wirt Winkler.
Wohl aber aus Mangel an Personal. Denn drei Viertel der Betriebe haben maximal fünf Mitarbeiter. Wenn da eine Kraft ausfalle, mache sich das sofort bemerkbar. Außerhalb der Großstädte sieht es anders aus: Sachsenweit schloss seit 2010 fast jede elfte Gaststätte. „In den ländlichen Regionen bleibt vielen Gastwirten nur die Selbstausbeutung“, sagt Fleischer. „Die stehen jeden Tag von morgens bis abends hinterm Tresen oder am Kochtopf – bis es irgendwann nicht mehr geht. Wenn der Betreiber dann in Rente geht, wird das Objekt meist geschlossen – weil sich kein Käufer oder Betreiber mehr findet.“

Wirte wollen Flüchtlinge einstellen

Das werde in einigen sächsischen Urlaubsregionen bereits jetzt zum Problem. „Da darf sich niemand wundern, wenn er am Elbe-Radweg eine Apfelschorle trinken will und keine mehr bekommt“, sagt Sachsens Dehoga-Präsident Axel Hüpkes. Die Wirte fordern Erleichterungen beim Einsatz von Flüchtlingen und Zuwanderern – und flexiblere Arbeitszeiten. Die strikte Obergrenze von zehn Arbeitsstunden pro Tag sollte besser durch eine Wochenarbeitszeit ersetzt werden, die dann nach Bedarf auf die Tage verteilt werden dürfe, so Hüpkes. Das würde das Fachkräfteproblem zwar nicht lösen, räumt Fleischer ein. „Aber es würde der Branche ein wenig helfen.“
Wer Azubis suche, müsse sich heute deutlich mehr anstrengen, fügt Winkler hinzu. Sein Tipp an die Betriebe: „Macht euch sexy, zeigt, dass ihr tolle Arbeitgeber seid.“

Frank Johannsen und Roland Herold

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