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Mitteldeutschland Extreme Orkan-Schäden: Forstexperte spricht von „Katastrophe“ für Nordsachsen
Region Mitteldeutschland Extreme Orkan-Schäden: Forstexperte spricht von „Katastrophe“ für Nordsachsen
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16:12 23.02.2018
Waldgrundstücke, wie hier im Dübener Ortsteil Hammermühle, boten kurz nach dem Orkan ein Bild der Verwüstung.
Kreis Nordsachsen

Knapp eine Woche nach dem Orkan „Friederike“ wird erst nach und nach das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar. Nach einer ersten Bilanz von Experten steht fest: So schlimm hat ein Naturereignis hier seit Jahrzehnten nicht mehr gewütet.

Die größten Schäden im Wald

Dübener Heide: Allein im Bereich des Kirchenforstes Bad Düben sind rund 5000 Festmeter Holz „Friederike“ zum Opfer gefallen. Das entspricht etwa der dreifachen Menge, die normalerweise hier pro Jahr gefällt wird. Verheerend auch die Schadensbilanz im Presseler Wald: Hier fielen rund 55 000 Bäume um, die 20 000 Festmeter Schadholz entsprechen ebenfalls der dreifahren Jahres-Erntemenge.

Mit voller Kraft walzte Sturmtief Friederike über den Dübener Waldfriedhof und verließ ein verheerendes Ergebnis. Über 60 Bäume sind dort gefallen. Quelle: Steffen Brost

Collm-Region: „Friederike“ hat hier ganze Arbeit geleistet. In den drei Sachsenforst-Revieren des Wermsdorfer Waldes geht man nach ersten Schätzungen davon aus, dass bis zu 15 000 Festmeter Holz vernichtet sind. Die Aufräumarbeiten könnten weitaus länger als ein Jahr dauern.

Region Torgau: Hier hat es vor allem die Wälder bei Schildau voll erwischt. Hier sind potenziell 1250 Waldbesitzer betroffen Schildaus Revierförster Christian Huster beziffert die geschädigten Bäume auf etwa 25 000 Festmeter. Stellenweise gebe es Kahlschlag: Allein im Kommunalwald Belgern-Schildau sind bis zu 70 Prozent des Altbaumbestandes vernichtet. Die Beräumung kann hier bis zu zwei Jahre dauern. Allerdings: Die Betroffenen gehen nicht völlig leer aus. Bei umgeworfenen Kiefern würde laut Revierföster Huster nach der Aufarbeitung durch Firmen noch immer ein Reinerlös von derzeit 20 bis 40 Euro pro Festmeter für den Waldbesitzer bleiben. Und: Bei der Wiederaufforstung könnten sie mit einer bis zu 75-prozentigen Förderung rechnen.

Waldsiedlung: Wege noch versperrt

Neben den großflächigen Schäden im Wald werden jetzt auch immer mehr die Folgen für Bewohner und Nutzer von Waldgrundstücken sichtbar. So sind beispielsweise in der Waldsiedlung Wellaune noch nicht alle Wege passierbar. In der Siedlung vor Bad Düben mit seinen zahlreichen Häusern und Wochenendgrundstücken ist etwa ein Viertel der Fläche geschädigt. „Hausdächer sind zerstört, Carports stehen nicht mehr“, berichtet Raik Zenger, der zurzeit als Baumpfleger bei den Aufräumarbeiten mit anpackt.

Auf dem Bad Dübener Stadtfriedhof musste dieser Baum über der Trauerhalle gefällt werden. Quelle: privat

Zenger, der eigentlich als Kettensägekünstler selbstständig ist, kommt derzeit mit den Aufräumarbeiten kaum nach. „Stellenweise sieht es hier verheerend aus. Jetzt können wir nur hoffen, dass uns der Winter verschont und es in den nächsten Wochen nicht schneit.“ Käme jetzt noch Schneelast auf die vielen schief stehenden Bäume, würde der Baumbruch noch weitaus schlimmer werden.

Der Baumexperte hofft, dass bis Anfang März die schwersten Schäden beseitigt sind. „An meine eigentliche Tätigkeit, dem Schnitzen, ist bis dahin jedenfalls nicht zu denken“, sagt Holzkünstler Zenger.

Lebensgefahr in Bad Düben

Am Dübener Waldfriedhof bietet sich ein Bild der Verwüstung. 60 Bäume sind hier auf die Ruhestätte gefallen. Andere haben sich verkeilt. Für Besucher wird das Areal wochenlang gesperrt bleiben, es besteht Lebensgefahr. Die Beräumung ist schwierig gestaltet sich schwierig, viele Bäume sind hier angeschlagen – das heißt, sie fallen beim nächsten Sturm auch um und müssen daher ebenfalls gefällt werden.

Die Schäden aktuellen Schäden werden hier auf bis zu 40 000 Euro beziffert. Noch unklar ist, wie viele Grabsteine in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auch am Dübener Stadtfriedhof gab es einige Schäden, die aber inzwischen größtenteils beräumt sind.

Versicherungen tragen nicht alles

Klar ist am Dübener Waldfriedhof aber schon jetzt, dass die Versicherung nicht alle Schäden abdecken wird. Die Kirchgemeinde hofft eventuell auf Unterstützung von der Landeskirche. Allerdings: Für Sturmschäden an den Grabsteinen greift die Versicherung des Friedhofs in keinem Fall, da sie Eigentum des jeweiligen Halters sind. Betroffenen bleibt nur, bei ihrer eigenen Versicherung nachzuhaken, ob ihre Hausratsversicherung hier einspringt und diesen Sturmschaden abdeckt.

Allgemein können privat Betroffene nicht immer mit ihrem Versicherungsschutz rechnen. So sind zum Beispiel schief stehende Bäume, die eine Gefahr für ein Nachbarhaus oder Grundstück darstellen, meist auf eigene Kosten zu entsorgen. Pro „Problembaum“ können da zwischen 100 und 1000 Euro zusammen kommen.

Kontrollen und bis 10 000 Euro Strafe

Das Landratsamt hatte bereits gestern per Eil-Erlass verfügt, dass ab sofort das Betreten aller Wälder in Nordsachsen verboten ist. Forstoberrat Frieder Voigt, Leiter Untere Forstbehörde in Nordsachsen, geht davon aus, dass das Verbot mindestens vier bis sechs Wochen dauert. „Wir haben einen Ausnahmefall. Ich bin seit über 40 Jahre in der Forstwirtschaft, das ist die größte Katastrophe, die ich je erlebt habe“, so Voigt.

Jetzt gehe es um den Schutz der Bürger, der Waldbesucher, die diese Gefahren nicht erkennen können oder wollen. „Darum schränken wir das Betreten ein. Ich mache eine Aufhebung des Verbots davon abhängig, wie begeh- und befahrbar die Waldwege dann sind. Frei vom Bruch wird dann noch nicht alles sein. Aber Erholung ist dann auf den Wegen wieder möglich.“ Die Behörden und Jäger würden bis dahin das Verbot regelmäßig kontrollieren. „Wer im Wald erwischt wird, der muss mit Strafen rechnen.“ Bis zu 10 000 Euro Geldbuße werden dann fällig.

Herausforderung für die Kreissägen: Auf dem Stadtfriedhof Bad Düben mussten dicke Baumstämme zerteilt werden. Quelle: privat

Immerhin: Alle Haushalte wieder mit Strom

Wenigstens eine gute Nachricht gibt es: Nach den vielen Stromausfällen infolge des Orkans dürften jetzt alle Haushalte wieder versorgt sein. Evelyn Zaruba, Pressesprecherin bei Mitnetz Strom, informierte: „Die Grundversorgung der Kunden im Netzgebiet ist wiederhergestellt.“ Als Grundversorgung versteht man die Versorgung der privaten Haushalte im Niederspannungsbereich. Noch während des Orkans hatte es im Gebiet von Mitnetz Strom rund 140 000 Kunden gegeben, die keinen Strom hatten.

„Die hohe Anzahl paralleler Störungen und die sehr aufwendige Störungsbeseitigung brachten die Mitarbeiter an die Grenze der Leistungsfähigkeit“, schildert Zaruba. Allerdings könne es auch weiterhin durch Reparaturen zu zeitlich begrenzten Stromausfällen kommen. „Die Arbeiten im Netz werden mit oberster Priorität fortgesetzt. Planmäßige Arbeiten im Netzgebiet werden dafür zurückgestellt“, so Zaruba.

Von Olaf Majer, Steffen Brost, Hagen Rösner, Frank Pfütze

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