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Durch Pulsnitz geht ein Riss

Heimatstadt von Lina W. Durch Pulsnitz geht ein Riss

Über Linda will kaum einer sprechen in ihrer Heimatstadt Pulsnitz. Manche winken ab, andere sind genervt vom „Medienrummel“. Thema ist die 16-jährige Schülerin, die sich der Terrormiliz IS angeschlossen hatte, in der rund 7500-Einwohner-Stadt dennoch. Bürgermeisterin Barbara Lüke fürchtet um das öffentliche Bild ihrer Kleinstadt.

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Die Idylle täuscht. Seit dem bekannt wurde, dass die 16-jährige Schülerin Linda W. von Pulsnitz aus in den Irak reiste und sich der Terrormiliz IS anschloss, ist es mit der Ruhe in der beschaulichen Pfefferkuchen-Kleinstadt vorbei.

Quelle: dpa

Pulsnitz. Über Linda will kaum einer sprechen in ihrer Heimatstadt Pulsnitz. Manche winken ab, andere sind genervt vom „Medienrummel“. Thema ist die 16-jährige Schülerin, die sich der Terrormiliz IS angeschlossen hatte, in der rund 7500-Einwohner-Stadt dennoch. Bürgermeisterin Barbara Lüke (parteilos) fürchtet um das öffentliche Bild ihrer Kleinstadt, die für Pfefferkuchen, Blaudruck und Töpferwaren bekannt ist. Die Menschen hätten keinerlei Erfahrung mit dem Thema, Linda sei „ein Einzelfall“.

Vor einigen Tagen war die 16-Jährige im irakischen Mossul gefunden worden – nach Berichten aus Bagdad verwundet und auch seelisch frustriert. „Ich bin froh, dass Linda am Leben ist und ich hoffe, dass sie den Ausstieg aus der extremistischen Szene schafft und sich wieder in unsere freiheitlich demokratische Grundordnung eingliedert“, sagt Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). „Das wird kein einfacher Weg.“

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Dresden die zunächst eingestellten Ermittlungen gegen Linda wieder aufgenommen. Der Vorwurf lautet auf Aufnahme von Beziehungen zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

In Pulsnitz, knapp 30 Kilometer von Dresden entfernt, gab es mehr Fragen als Antworten. „Die Leute sind gespalten“, fasst eine Mitarbeiterin der Kommune Eindrücke aus Gesprächen zusammen. Manche würden die Jugendliche am liebsten nie wieder in der Stadt sehen wollen, anderen hielten wegen ihrer Jugend eine zweite Chance für angebracht. „Ich würde mein Kind nie fallenlassen“, sagt eine Rentnerin, die nahe der Schule wohnt. An das Mädchen selbst kann sie sich nicht erinnern. Ihr Stiefvater dagegen ist präsent, als Hausmeister der Ernst-Rietschel-Oberschule.

In den Ferien ist der Schulhof verwaist – wie Lindas Platz, nachdem sie am 1. Juli 2016 verschwand. Nun ist sie erneut Stadtgespräch, obwohl sie kaum einer zu kennen scheint. Die Familie ist zugezogen, hat zurückhaltend gelebt, heißt es immer wieder. Auch Sozialarbeiter Christoph Semper vom Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit kennt das Problem nur aus Gesprächen mit Lehrern. Die hätten „hochgradig geackert“ und versucht, noch etwas zu richten, als sie Lindas Abdriften bemerkten. Die Veränderungen im Wesen der Jugendlichen waren an Äußerlichkeiten erkennbar.

Nach Angaben der sächsischen Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (Kora) findet Radikalisierung nur äußerst selten ausschließlich im Internet statt, selbst wenn der Input radikaler Inhalte allein darüber erfolgt. Für Extremisten sei das Handeln im Sinne der radikalen Ideologie „offline“ häufig ebenso wichtig. Bei spontanen Wesensveränderungen in Kleidung, Sprache und Ritualen sollten Eltern sensibel sein und Rat suchen. Pulsnitz’ Bürgermeisterin Lüke bedauert aber, dass es für Fälle wie Linda bisher keine Möglichkeit gebe, Betroffene schnell in richtige Hilfsangebote zu vermitteln. Es fehle eine spezielle Krisenintervention und damit ein strukturierter Weg zur Hilfe für Eltern von Kindern und Jugendlichen.

Von Simona Block und Jörg Schurig

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