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Mitteldeutschland Die Verspätungspolizei und die Suche nach der verlorenen Zeit
Region Mitteldeutschland Die Verspätungspolizei und die Suche nach der verlorenen Zeit
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13:43 03.09.2016
Pünktlichkeit der Züge ist ihr Ziel: Die DB-Knotenkoordinatoren Katrin Rall und Ralf Steinmetzger auf dem Hauptbahnhof Leipzig.  Quelle: Wolfgang Zeyen

 Reisende kennen das: Man kommt zu spät mit dem Zug am Umsteigebahnhof an und verpasst den Anschlusszug. Bundesweit ist jeder vierte Fernzug nicht pünktlich, an einigen Bahnhöfen sogar jeder dritte. Zugreisende ärgert das, und zwar gewaltig. Die Chefs der Deutschen Bahn haben deshalb an den zehn verkehrsreichsten Knoten in Deutschland Plan-Start-Teams eingesetzt, die für pünktliche Züge sorgen sollen.

Ralf Steinmetzger, Gudrun Czeyka und Katrin Rall sind drei von insgesamt sechs aus dem Leipziger Plan-Start-Team. Offiziell heißen sie bei der Bahn etwas sperrig Knotenkoordinatoren. Einige Eisenbahner nennen sie auch Minuten-Jäger oder Verspätungspolizei. „Man verpasst uns noch ganz andere Namen“, sagt Gudrun Czeyka. „Nicht alle mögen uns. Wir hinterfragen eingeschliffene Prozesse, treten dabei notgedrungen dem einen oder anderen auf die Füße.“ Geeignet für den Job ist, wer langjährige Erfahrung mitbringt, ob als Fahrdienstleiter, Mitarbeiter der Betriebszentrale oder als Lokführer. Am besten geeignet scheint, wer schon in mehreren Bereichen tätig war. Überall stecken die Koordinatoren ihre Nase rein – vom Parken und Reinigen der Züge bis hin zum Befüllen der Bistros in den Zügen und zur Reihung der Waggons.

Natürlich sei das vorher auch schon gemacht worden, meint Olaf Seemann, Leiter der Betriebszentrale am Leipziger Hauptbahnhof. Aber die Koordinatoren gingen systematischer vor und erarbeiteten auch gleich Lösungen, wie man die Mängel abstellen kann.

Die Messestadt ist einer der zehn wichtigsten Knoten im bundesweiten Netz. Bis zu 150 Fernzüge verkehren hier täglich. Von der benachbarten Betriebszentrale aus wird das Geschehen auf den Bahnstrecken der Region Südost – sie umfasst Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt – gesteuert. Die Gründe für Verspätungen sind vielfältig. Baustellen, kaputte Weichen, umgestürzte Bäume. Anfang des Jahres drückten in Leipzig vor allem defekte Fahrzeuge die Pünktlichkeit in den Keller. Seemann zeichnet auf einer Tafel eine rote Linie nach. „Im Januar hatten wir eine Pünktlichkeit unter 75 Prozent. Ein schlechter Wert, denn Leipzig steht sonst im bundesweiten Ranking ganz vorn.“ Die neuen Doppelstock-IC, auch Dostos genannt, zeichneten sich durch Störungen an den Türen und der Zugsteuerung aus. „Die Neuen kamen einfach nicht pünktlich vom Hof.“ Erst als der Hersteller Reservezüge bereitstellte, gingen die Verspätungen zurück.

Zudem gibt es hausgemachte Probleme, die für Verspätungen sorgen. In Leipzig und an den anderen Knoten schauen sich die Plan-Start-Teams weniger die durchfahrenden als die hier für die Abfahrt bereitgestellten Züge an. „Die Erkenntnis ist zwar nicht neu“, sagt Steinmetzger, „aber fährt ein Zug bereits am Startpunkt zu spät los, ist es sehr wahrscheinlich, dass er die verlorene Zeit unterwegs nicht mehr einholen und im Netz für weitere Verspätung sorgen wird, etwa im Regionalverkehr.“

Bevor die Züge abfahren, werden sie oft quer über das riesige Schienennetz am Kopfbahnhof rangiert, etwa zur Waschanlage, zur Werkstatt oder zur WC-Entsorgung. „Die Weichen lassen sich zwar heute in Sekunden stellen“, sagt Steinmetzger, „aber für gewisse Zeit blockiert das die Wege anderer Züge.“ Das Team kann darauf Einfluss nehmen, dass die Züge früher abfahren oder dass ein anderer Bahnsteig für die Abfahrt gewählt wird, um weniger Gleise zu kreuzen. Ebenso werden die Ströme der Reisenden genauer betrachtet. Wo es angebracht ist, legt man den Halt zweier Züge auf benachbarte Bahnsteige, um den Umsteige-
prozess zu verkürzen.

Aber auch am Bahnsteig selbst schauen die Frauen und Männer in ihren orangenen Westen, warum die Menschentrauben nicht im gewünschten Zeitraum die Abteile erobern, warum das Abfahrtssignal nicht rechtzeitig ertönt. „Ein Problem ist die Fahrradmitnahme in den IC-Zügen. Viele wissen nicht, dass man dafür reservieren und eine Extra-Fahrkarte kaufen muss“, sagt Katrin Rall.

Laut Statistik der Bahn ist ein Zug pünktlich, wenn er nicht mehr als fünf Minuten Verspätung hat. Bei den Koordinatoren ist ein Zug schon unpünktlich, wenn er eine Minute später abfährt. Deshalb reden sie auch mit den Reinigungstrupps oder der Catering-Firma, wenn diese die Abläufe behindern. „Das hat Erfolg“, meint Seemann von der Betriebszentrale. Bei den in Leipzig bereitgestellten Zügen liegt die Pünktlichkeit aktuell bei 84 Prozent. Bahn-Chef Rüdiger Grube hat als Ziel vorgegeben, dass bis zum Jahr 2018 die Pünktlichkeit seiner Fernzug-Flotte bei rund 90 Prozent liegen soll.

Von Andreas Dunte

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