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Mitteldeutschland „Die Stasi hatte weder Humor noch eine Witze-Sammlung“
Region Mitteldeutschland „Die Stasi hatte weder Humor noch eine Witze-Sammlung“
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09:45 10.08.2016
Bodo Müller (63) arbeitet als Reporter für Segel-Magazine. Ein breites Publikum kennt ihn durch seine Bücher „Über die Ostsee in die Freiheit“ und die Fluchtgeschichten-Sammlung „Faszination Freiheit“, deren Verfilmungen häufig im TV laufen. Quelle: privat

Bodo Müller (63) stammt aus Sachsen-Anhalt, arbeitet als Reporter für Segel-Magazine und schreibt Bücher über die DDR. Heute erscheint ein neues.

Herr Müller, Sie haben nach der Witze-Sammlung der Stasi gesucht. Was ist dabei herausgekommen?

Letztes Jahr erschien ein Band über Witze aus der DDR, die der Bundesnachrichtendienst gesammelt hatte. Nach diesem Bucherfolg schlug der Verleger Christoph Links mir vor, nach Ähnlichem bei der ­Stasi zu suchen. Das Ergebnis: Diese ­Leute hatten weder Humor noch eine Witze-Sammlung. Die waren völlig verbiestert.

Sie haben trotzdem ein Buch gemacht.

Ja, auf mindestens 40 000 Akten-Seiten befasste sich der Geheimdienst mit den Erzählern von politischen Witzen. Etwa 100 Menschen wurden deshalb verurteilt – das Spektrum reichte von sechs Wochen bis zu vier Jahren Haft. Das Buch zeigt nicht nur, worüber das DDR-Volk lachte, ich erzähle auch über Menschen, denen das Lachen verging.

Wie verhinderte das Regime, dass bei solchen Prozessen Gelächter ausbrach?

Die Witze wurden als Anlage zum Protokoll des Stasi-Verhörs in einem versiegelten Umschlag ausschließlich dem Staatsanwalt übergeben. Vor Gericht war nur allgemein von staatsgefährdender Hetze die Rede.

Die letzte Verurteilung im Buch stammt von 1972. War die DDR danach liberaler?

Wenn die Staatssicherheit Menschen bespitzelte – im Dienst-Jargon hieß das Operative Personenkontrolle oder OPK –, hielt sie das Witze-Erzählen weiterhin als staatsfeindliche Aktivität in der Akte fest. Wer eine aktive OPK-Akte hatte, sollte im Krisenfall in ein Isolationslager kommen. Das betraf auch Witze-Erzähler.

Seit wann galten Sie selbst als verdächtig?

Ich hatte in Halle Anfang der 1970er-Jahre angefangen, eine Witze-Sammlung anzulegen. Davon hat die Stasi Wind bekommen und die Wohnung heimlich durchsucht. Ohne Ergebnis. Der Schnellhefter steckte hinter der Küchenspüle.

Hatten Sie eine Lieblings-Pointe?

Klar: Honecker und Mielke entdecken im Schnee den mit Urin geschriebenen Schriftzug „Honecker ist doof“. Mielke ermittelt: Der Urin ist von Krenz, aber die Handschrift von Margot.

Was wurde aus Ihrer Sammlung?

Nachdem man mich ein paarmal zum Verhör abgeholt hatte, habe ich das Material vorsichtshalber vernichtet.

Warum nahm man Sie in die Zange?

Ich hatte 1978 ein Schlupfloch im Eisernen Vorhang gefunden: Wir segelten zu viert auf der Donau bis weit aufs Schwarze Meer hinaus. Unter uns war leider ein Stasi-Informant, der uns zur Umkehr überredete. Als angehender Journalist veröffentlichte ich danach Reportagen über die Tour. Ergebnis: Ich durfte nur noch nach Polen und in die Tschechoslowakei reisen. 1985, wir lebten inzwischen in Rostock, fuhr ich mit Frau und zwei Freunden nach Polen, wo wir uns ein Boot ausliehen, um in den Westen zu fliehen.

Das ging gut?

Wir wurden vor dem Ablegen festgenommen und eine Woche lang verhört. Aber wir behaupteten eisern, dass wir nur an der polnischen Küste segeln wollten – sie mussten uns laufen lassen. Danach hat die Stasi massiv versucht, mich als Spitzel anzuwerben. Das hörte erst auf, als ich sagte, dass ich mich meinem Seelsorger anvertraut hätte. Dieser Tipp stammte vom mecklenburgischen Landesbischof Christoph Stier, auch Manfred Stolpe hat mich unterstützt. Anschließend stellten wir Ausreiseanträge.

Und Ihr Job als Journalist bei einer Zeitung der DDR-CDU?

Die mussten mich entlassen, ich hatte Berufsverbot.

Wann durften Sie raus?

Im Sommer 1989 erhielten wir DDR-Reisepässe für zehn Jahre – für alle Länder der Welt.

Von ag

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