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Mitteldeutschland „Die Hochschulen brauchen unbedingt mehr Stellen“
Region Mitteldeutschland „Die Hochschulen brauchen unbedingt mehr Stellen“
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09:06 28.11.2018
Sachsens Wissenschaft- und Kunstministerin Eva-Maria Stange (61, SPD). Quelle: Kempner
Leipzig

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange spricht im DNN-Interview über fehlende Stellen, männliche Dominanz und Sachsens abschreckendes Image. Daneben äußert sich die 61-jährige SPD-Politikerin auch über die Auswirkungen der Lehrer-Verbeamtung und kündigt mehr Geld für Musikschulen und Kulturräume an.

Frau Stange, ganz allgemein gesprochen: Wie schätzen Sie die Wissenschaftslandschaft in Sachsen ein?

Sachsen ist insgesamt sehr gut aufgestellt – aber wenn man ins Detail geht, gibt es noch einige Lücken, die wir schließen müssen. Zu dem Positiven zählt zweifelsohne die hohe Dichte in der Forschungslandschaft, die mit dem Münchner Raum vergleichbar ist. So gibt es sechs Max-Planck-Institute, was bundesweit Spitze ist. Hinzu kommt, dass wir in Sachsen im Vergleich die meisten Fraunhofer-Institute haben, daneben auch noch acht Leibniz-Institute. Damit müssen wir uns nicht verstecken. Anders sieht es in der Hochschullandschaft aus: Zwar ist Sachsen auch hier ganz gut ausgestattet – mir bereitet allerdings Sorgen, dass sich die Grundfinanzierung nur am unteren Ende bewegt. Eigentlich brauchen wir eine deutliche Aufstockung, um alle Potenziale ausschöpfen zu können. Das signalisieren die Hochschulen auch immer wieder.  

Kein Bundesland bildet so viele Ingenieure aus wie Sachsen

Der Landesrechnungshof spricht von einem Sanierungsstau von 150 Millionen Euro an den sächsischen Hochschulen. Wie soll dieses Defizit ausgeglichen werden?

Der Freistaat hat viel in die Hochschulen investiert – doch vieles ist in Forschungsbauten geflossen, um der rasanten Entwicklung gerecht werden zu können. Dadurch sind ältere Gebäude, in denen nur Lehre stattfindet, etwas zurückgeblieben. In Leipzig ist das zuletzt revidiert worden, unter anderem mit dem neuen Uni-Hauptgebäude samt Paulinum und dem Bildungscampus sowie den Neubauten für die HTWK. Richtig ist: Der Sanierungsstau bezieht sich sachsenweit auf die Altbausubstanz, in die in den kommenden Jahren deutlich mehr investiert werden muss. Das ist auch mit Blick auf die technischen Fächer notwendig. Immerhin bildet kein anderes Bundesland so viele Ingenieure aus wie Sachsen. Mit einem Anteil von 44 Prozent des naturwissenschaftlichen MINT-Bereichs sind wir bundesweites Spitzenland.

Die von Ihnen angesprochene Grundfinanzierung betrifft insbesondere die Personalausstattung – was muss sich an dieser Stelle tun?

Zunächst einmal: Im Freistaat gab es aufgrund der Sparpolitik bis 2017 einen permanenten Stellenabbau – bei steigenden Studierendenzahlen. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD haben wir es seit 2014 immerhin geschafft, dass 754 zur Streichung vorgesehene Stellen, die bis 2020 noch wegfallen sollten, erhalten bleiben. Jetzt müssen wir dringend dafür sorgen, dass sich diese Zahlen auch durch einen Anstieg bei der Grundfinanzierung niederschlagen. Letztlich geht es um die Ausbildung von Fachkräften, die wir dringend benötigen. Deshalb brauchen die Hochschulen unbedingt mehr Stellen z.B. in digitalen Bereichen. Das betrifft nicht nur die Informatik, sondern unter anderem auch die Medizin. Das können die Hochschulen nicht mehr aus eigenen Ressourcen bewältigen.  

Es war also ein Fehler, dass der Freistaat sich selbst und damit die Personalausstattung limitiert hat?

Der von Schwarz-Gelb betriebene Stellenabbau der vergangenen Jahre hatte schließlich auch zu einer Begrenzung der Studierendenzahlen je Hochschule geführt. Daraus resultiert ein weiteres Problem, das sich am Beispiel Leipzig erklären lässt. Hier wurde die Lehramtsausbildung ausgebaut und besitzt nun die größte Kapazität im Freistaat, daneben wird Leipzig künftig die einzige Juristenfakultät in Sachsen haben und wird die Pharmazie erhalten. Aufgrund der Begrenzung der Gesamtstudierendenzahl müssen im Gegenzug andere Bereiche – beispielsweise in der Informatik –begrenzt werden. Hier könnte die Uni mehr leisten, wenn sie mehr Professuren hätte. Daran müssen wir etwas ändern.

Leipzig ist ein Eldorado für Studierende

Der enge Rahmen ist offenbar auch der Grund, dass viele Hochschulen etliche Zuschüsse an den Freistaat zurückgeben müssen.  Wie will der Freistaat diese Verstöße gegen die sogenannten Zielvereinbarungen wieder ausgleichen?

Richtig ist, dass bei dem Verfehlen von diesen Zielen die Vereinbarung nicht erfüllt wird – und damit kein Anspruch auf das Geld besteht. Die Universität Leipzig hat beispielsweise drei Jahre hintereinander zu viele Studenten aufgenommen. Das hat dazu geführt, dass sie Geld abgezogen bekommt. Die Hochschulen können aber die Zuschüsse – oder Teile davon –  zurückbeantragen, wenn sie den Bedarf nachweisen. Das Thema Chancengleichheit ist davon jedoch ausgenommen: Denn alle 14 sächsischen Hochschulen haben das Ziel verfehlt, den Anteil weiblicher Lehrkräfte deutlich zu erhöhen. Das dafür eingeplante Geld bleibt erst einmal beim Freistaat. Wir haben damit eine Studie erstellt und werden mit den Hochschulen gemeinsam und dem Kompetenzzentrum Chancengleichheit im Rahmen von Projekten nach Lösungen suchen.

 Die Besetzung von Lehrstühlen lässt sich aber nicht kurzfristig ändern, da Professuren in der Regel unbefristet vergeben werden. Hat der Freistaat zu kurz gedacht?

Das ist ein kritischer Punkt, den auch die Hochschulen immer wieder nennen. Andererseits wurden diese Vereinbarungen von beiden Seiten unterschrieben. Besonders gravierend ist die Differenz in der Hochschulmedizin: Während es unter den Studierenden einen Frauenanteil von 70 Prozent gibt, sind unter den ärztlichen Direktoren und bei den Professuren wesentlich mehr Männer als Frauen. Deshalb muss sich gerade im Bereich der Medizin dringend etwas tun, damit sich in den Berufungsverfahren mehr Frauen durchsetzen können. Da eine Quotenregelung nicht sinnvoll ist, müssen künftig mehr Frauen angeworben werden. Es existiert auch ein Professorinnen-Programm des Bundes, das Zuschüsse bei der Besetzung gibt und von den Hochschulen genutzt wird.

Sie sprachen den Zulauf an den Leipziger Hochschulen an – was ist das Besondere?

Wenn wir die Türen an den Leipziger Hochschulen öffnen, indem wir den Numerus Clausus bei vielen Fächern aufheben würden, gäbe es wahrscheinlich anderthalb Mal so viele Studierende. Die Stadt ist ein Eldorado für Studierende und die Universität hat aufgrund der sehr guten Bedingungen und wegen ihres Profils, das auch viele kleinere Fächer beinhaltet, eine hohe Anziehungskraft. Insgesamt strahlt die Stadt Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt aus  – und das wirkt sich auf die Studierendenzahlen aus. Nicht umsonst erhalten wir von Studierenden häufig die Ansage: Leipzig ist nicht Sachsen. Zugleich spürt man das Interesse in der Stadtverwaltung, indem es zum Beispiel einen Zuständigen für die Wissenschaft gibt. 

Sachsen eilt kein guter Ruf voraus

 Das Image von Sachsen hat aufgrund von Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus gelitten. Spiegeln sich die Auswirkungen im Wissenschaftsbereich wider?

Das ist leider keine neue Situation. Schon Ende 2014 gab es Gespräche mit Institutsvertretern wie vom Max-Planck-Institut in Dresden, in den vergangenen Wochen nun auch in Chemnitz. Das äußere Erscheinungsbild von Sachsen wirkt abschreckend auf ausländische Wissenschaftler und Studierende, genauso auch auf potenzielle Studierende aus Westdeutschland. Sachsen eilt diesbezüglich kein guter Ruf voraus. Das trifft im Übrigen auch auf internationale Künstler zu. Von Leipzig hört man solche Probleme weniger, aber verstärkt in Dresden und Chemnitz.  

Das heißt, es hat schon Absagen gegeben?

Ja, einzelne international renommierte Wissenschaftler haben Sachsen verlassen oder sind gar nicht erst gekommen, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Es gibt Fälle, in den Ehepartner oder Kinder auf der Straße oder in der Straßenbahn angepöbelt wurden, weil sie anders ausgesehen oder Englisch gesprochen haben. Das ist in doppelter Hinsicht ärgerlich, da es sich um anerkannte Wissenschaftler handelt, um die wir in Sachsen gekämpft haben und die nahezu überall auf der Welt gefragt sind. Die Ausländerfeindlichkeit und Alltagsrassismus wirken sich definitiv negativ aus – und zwar nicht nur auf den Wissenschaftsstandort Sachsen, sondern auf die gesamte Entwicklung im Freistaat. Dabei zeigen die Wissenschaftseinrichtungen in Sachsen immer wieder, dass sie international und weltoffen sind.

 Wie wirkt sich die beabsichtigte Lehrer-Verbeamtung an den Universitäten aus?

Bislang nur in der Lehramtsausbildung, denn eine unbefristete Stelle und Verbeamtung in der Schule zieht. Die Verbeamtung kann sicherlich dazu beitragen, dass mehr Absolventen in Sachsen bleiben. Das ist dringend notwendig, auch wenn die Probleme im ländlichen Raum damit wohl nicht gelöst werden können. Insgesamt kommen nur 45 Prozent der Studienanfänger aus Sachsen – die Mehrheit stammt also aus anderen Bundesländern. Das heißt, dass wir uns extrem anstrengen müssen, möglichst viele Absolventen zu halten. Die Verbeamtung kann da ein wichtiger Schritt sein.

Wir brauchen dringend das Bildungsticket

 Sie sind nicht nur für Hochschulen zuständig, sondern auch für Musikschulen. Zuletzt war immer wieder von Problemen zu hören – was lässt sich dagegen unternehmen?

Für die Musikschulen ist der Freistaat gemeinsam mit den Kommunen, also den Städten und Landkreisen, zuständig. Dabei stehen vor allem die Einrichtungen auf dem Land unter Druck. Die Lehrer-Verbeamtung schlägt gerade in diesen Regionen negativ durch: Es ist natürlich attraktiver, als Musiklehrer an eine Schule zu gehen statt weiterhin als Honorarkraft an einer Musikschule zu arbeiten. Dadurch drohen wichtige Dinge wegzubrechen. Deshalb erhöht der Freistaat – so der Landtag dies im Dezember beschließt - im nächsten Doppelhaushalt die bisherigen Zuschüsse für Musikschulen von sechs Millionen Euro pro Jahr um 700.000 Euro. Denn das Erfreuliche ist: Es gibt immer mehr Musikschüler – und das müssen wir unterstützen.

 Eine weitere offene Frage ist, wie etliche Musikschüler zum Unterricht kommen sollen. Das Stichwort lautet: Bildungsticket, auf das seit langem gewartet wird.

Das ist in der Tat ein großes Problem: Viele Jugendliche im ländlichen Raum kommen nicht in ihre Musikschulen – oder andere kulturelle Einrichtungen –, weil der öffentliche Nahverkehr nicht funktioniert. Deshalb werden Mobilitätsprojekte vom Freistaat weiterfinanziert. Richtig ist auch, dass die Kinder und Jugendlichen andererseits dringend das Bildungsticket brauchen, mit dem sie nicht mehr an den Grenzen der jeweiligen Verkehrsverbünde gestoppt werden. Ich bedauere, dass die Gespräche darüber stocken.

 Ihr Parteifreund Martin Dulig, der sächsische Wirtschaftsminister, will eine Landesverkehrsgesellschaft gründen, um die Landräte zum Bildungsticket zu zwingen. Was halten Sie davon?

Ich hoffe, dass sich Martin Dulig durchsetzen kann: Für Kinder und Jugendliche wäre das Bildungsticket ein riesengroßer Fortschritt, weil viele Mobilitätslücken geschlossen würden. Profitieren können außerdem Schüler, die momentan – aufgrund  der Nähe ihres Wohnortes zur Schule – kein Anrecht auf ein Schülerticket haben. Deshalb ist es richtig, wenn notfalls das entsprechende Gesetz geändert werden muss. Mir leuchtet nicht ein, dass alles so lange dauert – und die Eltern verstehen es schon gar nicht. 

 Im neuen Doppelhaushalt fällt auf, dass die acht sogenannten Kulturräume in Sachsen mehr Geld bekommen sollen. Weshalb legt der Freistaat an dieser Stelle nach?

Der Freistaat unterstützt die Träger der kommunalen Theater und Orchester in den nächsten vier Jahren mit 28 Millionen Euro dabei, die Löhne der Beschäftigten anzuheben, die oft weit unter Tarif bezahlt werden. Wir haben aber nicht nur die kommunalen Theater und Orchester mit einem Plus von sieben Millionen Euro pro Jahr besser ausgestattet, sondern auch die Kulturraummittel aufgestockt. Insgesamt gibt es drei Millionen Euro pro Jahr zusätzlich, wovon etwa die Hälfte auf ländliche Regionen entfällt. Mit einer Million mehr erhält Leipzig im Vergleich den größten Anteil. Die Landesmittel – im nächsten Jahr insgesamt fast 32,3 Millionen Euro – gehen in die Kulturförderung, über die die Stadt selbst entscheidet. Leipzig verwendet dieses Geld nicht nur zur Mitfinanzierung von Oper, Gewandhaus, Schauspielhaus, Bildermuseum – also die sogenannte Hochkultur – sondern ist auch vorbildhaft, was die Finanzierung der freien Szene angeht.

Von Jan Emendörfer, André Böhmer und Andreas Debski

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