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Mitteldeutschland „Der Wolf entscheidet die Wahl“
Region Mitteldeutschland „Der Wolf entscheidet die Wahl“
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21:39 11.07.2018
Weitab vom Kuscheltier: In der Lausitz hält der Wolf immer öfter Einwohner und Viehzüchter auf Trab. Die Rufe nach einer Abschussquote werden lauter. Quelle: Foto: dpa
Kosel

Links Sonnenblumenfelder, rechts Mais. Hin und wieder ein Gehöft. Und dahinter Wald, nichts als Wald. Der Wind rauscht leise in den Wipfeln der Eichen. Eine Frau zieht zwei große Hunde von der Straße. An „Seifert`s Einkaufsquelle“ sind die Jalousien heruntergelassen. Das ist Kosel, Ortsteil von Niesky (Landkreis Görlitz). 381 Einwohner leben hier noch. Und Wölfe.

Vermutlich liegt einer jetzt irgendwo im Feld und beobachtet das Treiben. „Vor sechs Jahren war hier kaum einer zu sehen. Heute stoße ich bei jedem zweiten Mal auf Wölfe“, sagt der Dresdner Jäger Andreas Sperl. Eigentlich müsse er auf der Jagd zur Nachsuche nach verletzten Tieren in den Wald zu gehen. Doch wer setze schon sein Leben oder das des Hundes aufs Spiel? Bei Landwirtin Marlene Prötzig aus Rothenburg waren die Wölfe sogar schon zu Hause: „Früh um 9 Uhr standen sie auf dem Hof. Was soll das werden? Wir haben Kinder und Enkel.“

Sperl hat Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) nach Kosel eingeladen. Der ist bekannt dafür, dass er auch dort hingeht, wo es wehtut. Und es wird weh tun an diesem Abend, denn punkten kann man mit dieser Situation nicht. Etwa 100 Zuhörer aus dem gesamten Umkreis sind trotz WM-Halbfinales ins „Steak-Water Station“ gekommen. Die Stimmung ist geladen. Bei den Rauchern draußen spricht dann einer aus, was viele hier denken: „Wenn die Regierung das Problem mit den Wölfen nicht löst, wählen wir zur Landtagswahl im nächsten Jahr eine andere Regierung.“

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Auch diese Wut hat Wurzeln. Seit der Wolf nach dem Zerfall der GUS-Staaten über Osteuropa wieder im Sächsischen siedelt, wurde in der Dresdner Politik vor allem wert darauf gelegt, dass es sich um eine „begleitete Rückkehr“ und keine „Wiederansiedlung“ handele. Der Nabu veröffentlichte eine Imagebroschüre „Willkommen Wolf“. Seither hat – zumindest auf Seiten der Landesregierung – ein Umdenken stattgefunden. Manch einer übte derweil Selbstjustiz. Vor wenigen Tagen beispielsweise fanden Spaziergänger 40 Kilometer entfernt von Kosel einen Kadaver am Ufer des Tagebausees Mortka (Landkreis Bautzen). Der Wolf war erschossen und mit Betongewicht versenkt worden. Laut Kontaktbüro der achte illegal getötete Wolf seit 2009. Auf der anderen Seite stehen 46 vom Wolf getötete und 7 verletzte Tiere allein in diesem Jahr, wobei viele Fälle (seit April!) noch in Bearbeitung sind.

Kretschmer hat Staatssekretär Michael Stübgen aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium und den Görlitzer Landrat Bernd Lange (beide CDU) mitgebracht. „Dass nicht der Eindruck entsteht, die sitzen da jetzt in dem Haus mit der Krone in Dresden. Ab und zu äußern sie sich zum Wolf oder gehen auch mal einen Schäfer besichtigen. Aber dann ist wieder: Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Kretschmer erinnert daran, dass im sächsischen Koalitionsvertrag der Grundsatz steht, wenn ein Wolf gefährlich für Weidetiere oder Menschen werde, dürfe er „entnommen“ – sprich: geschossen – werden. Nur sei das eben dummerweise mit der aktuellen Gesetzgebung in Deutschland und Europa nicht vereinbar.

Bundeslandwirtschaftsministerin Glöckner als Verbündete

Als sich Landrat Lange im Januar für den Abschuss eines Wolfes, der zwei Hunde getötet hatte, stark machte, sei er mit 215 Strafanzeigen überzogen worden. „Es gibt in diesem Land eine ganz eigenartige Stimmung und Radikalisierung bei diesem Thema“, konstatiert Kretschmer. Er wolle einen Beitrag dazu leisten, dass das aufhöre.

Stübgen erklärt, seine Chefin, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Glöckner (CDU) sei eine wichtige Verbündete bei dem Thema, habe aber nicht die Federführung beim Artenschutz. Die liege beim SPD-geführten Bundesumweltministerium. Er beklagt, dass der Zugang vieler Städter zu ländlichen Problemen von „Kuscheltierromantik“ geprägt sei. Der reelle Kontakt stelle sich lediglich über die „schön abgepackte Wurst im Supermarkt“ her.

Warum es dem (renitenten) Wolf nicht an den Kragen gehe? „Weil wir in Deutschland immer besser sein wollen als alle anderen.“ Während nämlich nach europäischen Recht auffällige Wölfe geschossen werden können, blockiere in Deutschland das Bundesnaturschutzgesetz. Die europäische Richtlinie verlange eine „erhebliche Gefahr“, das deutsche Recht eine „konkrete“. Doch müsse rasch eine Lösung her, um Wölfe, die Herden attackieren oder sich in der Nähe von Siedlungen herumtreiben, zu vergrämen oder abzuschießen. Bereits heute gebe es das nächste Spitzentreffen dazu in Berlin.

Während Jäger derzeit den Verlust der Jagdlizenz und Strafverfolgung riskierten, wenn sie den falschen Wolf träfen, breite der sich rasend schnell weiter aus. „Die Population wächst um ein Drittel im Jahr“, so Stübgen. Dennoch sei das bestimmten Experten noch zu wenig. Gegenwärtig lebten ca. 700 Wölfe in Deutschland, notwendig seien nach deren Meinung aber rund 1000. Landrat Lange allerdings zweifelt die Zahlen an. Auch die 14 Rudel und fünf Einzeltiere in Sachsen. „Ich höre in Rothenburg, dass dort mittlerweile auf vier Quadratkilometern vier Rudel unterwegs sind“, sagt er.

Schäfer fordern mehr Entschädigung

Martin Just ist Schäfer und wird regelmäßig vom Rosenthaler Rudel heimgesucht. Ab August könnte es wieder soweit sein, wenn die Saison der Wölfe beginnt. Man hole die Lämmer deshalb jetzt schon in den Stall und füttere sie dort lieber künstlich. „Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht“, klagt Just. Die Vergütung gerissener Tiere – 150 Euro für ein gerissenes Muttertier – sei längst nicht mehr deckend. Das Senckenberg-Institut in Görlitz und das Kontaktbüro Wölfe in Rietschen hätten im vergangenen Jahr 500.000 Euro bekommen, die Nutztierhalter knapp 14.000 Euro.

Kretschmer erwidert, man müsse über die Größenordnungen der Entschädigung sprechen. „Bis August werden wir aber zu keinem Ergebnis kommen.“ Das Gesetzgebungsverfahren müsse in Berlin stattfinden. Er wolle dennoch ein Höchstmaß an Flexibilität und Entgegenkommen für die Betroffenen in Sachsen.

Karl-Heinz Böhme, Vorsitzender des Jagdverbandes Sächsische Schweiz mit rund 360 Mitgliedern, warnt vor dem Ende des Muffelwilds. Der Wolf wisse, dass dort leichte Beute zu machen sei. „Wir wollen ihn nicht ausrotten, aber an erste Stelle steht der Mensch. Dann kommt die Weidetierhaltung und danach sind wir als Jäger für alle Tierarten verantwortlich.“ Leider habe man vom Kontaktbüro seit 2014 nichts mehr gehört.

Eine andere Züchterin beklagt, man habe weder Vertrauen in Kontaktbüro noch Rissgutachtergutachter und lasse darum nach Wolfsübergriffen von einem Institut kostengünstigere DNA-Analysen anfertigen. „Das kann aber nicht die Lösung sein.“ Und bitter fügt sie hinzu, das Wolfsmanagement sei eben nicht das Management der kleinen Leute. Das meint auch Christian Bernd, 26 Jahre lang Vorsitzender des Jagdverbandes in der Schlesischen Oberlausitz. „Völlig unakzeptabel“ sei es, dass das Kontaktbüro in Kindergärten gehe und dort den Wolf als Streicheltier präsentiere.

Herdenschutz eine Illusion?

Hans-Dietmar Dohrmann, Vorsitzender des Jagdverbandes Niederschlesische Oberlausitz, hält Herdenschutz sogar für eine Illusion. „Wölfe gehören zu den lernfähigsten Tieren überhaupt. Und wenn auch nur ein Wolf den Schutz einer Herde überwinden kann, dann kann es bald das gesamte Rudel.“ Kretschmer mahnt, es habe viel Bewegung beim Thema gegeben und wird auch laut, als Schäfer Just nicht locker lässt. „Entweder wir nehmen uns alle ernst oder nicht. Ich fühle mich als einer ihrer Verbündeten!“

Ob denn jemand vom Naturschutz da sei, wird gefragt. Stille. Schließlich gibt sich ein Mitarbeiter vom Kontaktbüro zu erkennen. Auf die Frage nach seiner Meinung antwortet er, er habe keine. „Wir sagen gar nichts. Wir hören nur zu.“ Dann lädt er Jäger Böhme zum „Wolfstag“ ein, veranstaltet unter anderem von der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe. Doch der winkt nur ab.

Von draußen ertönt ein heißeres Lachen. War das der Wolf? Eigentlich können Wölfe nicht lachen. Aber sie lernen ja schnell.

Von Roland Herold

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