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Mitteldeutschland „Das sächsische Abitur bleibt sehr anspruchsvoll“
Region Mitteldeutschland „Das sächsische Abitur bleibt sehr anspruchsvoll“
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22:23 09.01.2017
Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (Archivbild) Quelle: dpa
Dresden

Es gibt keinen Qualitätsverlust beim sächsischen Abitur, erklärt Kultusministerin Brunhild Kurth (62, CDU).  Im Interview wirft sie der SPD zudem eine Blockade des  neuen Schulgesetzes vor.

Frage: Frau Kurth, Sie haben das Abitur gerade leichter gemacht – und schon hagelt es Kritik von Philologenverband und aus der Wirtschaft. Erhalten sächsische Gymnasiasten jetzt ein Weichspülprogramm?

Brunhild Kurth: Das sächsische Abitur ist sehr anspruchsvoll – und dabei bleibt es auch. Über viele Jahre hinweg haben wir weder Experimente noch irgendwelche Schnellschüsse, wie sie in anderen Bundesländern Gang und Gäbe waren und sind, zugelassen. Wer jetzt einen Qualitätsabfall unterstellt, handelt unseriös und fahrlässig. Denn wir haben ein Zentralabitur von hoher Qualität, dazu ein objektives Korrekturverfahren. An der Vermittlung des Schulstoffs und der Notenvergabe ändert sich schließlich nichts. Das bedeutet, die Qualität hängt nach wie vor maßgeblich von den Lehrern ab. Deshalb bin ich über die nicht sachliche Kritik des Philologenverbandes enttäuscht.

Sind die sächsischen Prüfungsbedingungen bislang zu schwierig gewesen?

Die Bedingungen für sächsische Schüler waren im bundesweiten Vergleich ungerecht. Statt 52 Kursnoten müssen jetzt nur noch 40 für das Abitur eingebracht werden. Das wird vom Philologenverband jetzt als Niveauabfall bezeichnet. Da sehe ich keinen Zusammenhang. Denn der Unterrichtsstoff bleibt derselbe. Der Unterschied ist nur: Die Schüler können einige Kursnoten auswählen, die sie nicht mehr in das Abitur einbringen müssen.

Der Koalitionspartner SPD würde gern den von Ihnen angesprochenen zweiten Abi-Gutachter abschaffen, um die Lehrer zu entlasten. Wie halten Sie davon?

Gar nichts. Unter dem Deckmantel bürokratischer Entlastung würde dies auf Kosten einer objektiven Leistungsbewertung gehen. Das kann nicht im Interesse der Schüler sein. Der SPD gebe ich eindeutig mit auf den Weg: Die Abschaffung der Fremdkorrektur würde nicht nur zu einem Qualitätsverlust führen, sondern wäre für Schüler auch ungerecht. Nicht mehr der Schüler stünde im Mittelpunkt, sondern parteipolitische Interessen, wie es beim Schulgesetz der Fall ist.

Stichwort: Schulgesetz. Wie verfolgen Sie als Ministerin die aktuellen Diskussionen im Landtag, wo es nicht vorwärts geht?

Der Regierungsentwurf liegt seit mehr als einem halben Jahr im Landtag. Es sind zahlreiche Gespräche geführt worden – mir ist kein nachvollziehbarer Grund mehr bekannt, weshalb das Schulgesetz weiter auf die lange Bank geschoben werden muss. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass den Bildungspolitikern der SPD weniger an der Sache als an parteipolitischer Profilierung und Ideologie gelegen ist. Und das alles wird als „Qualität vor Schnelligkeit“ deklariert. So lässt sich keine Politik machen – und ein solches Vorgehen lässt sich den Menschen auch nicht mehr vermitteln. Die Schüler und Eltern erwarten Klarheit für das neue Schuljahr.

Was sind die Knackpunkte, die nicht lösbar scheinen?

Es sind sehr viele Punkte miteinander beraten worden. Dass es unterschiedliche Vorstellungen zwischen den beiden Parteien gibt, ist ganz natürlich. Das längere gemeinsame Lernen und die Gemeinschaftsschule, was immer wieder von der SPD gefordert wird, sind für die CDU aber kein Thema – weil der Koalitionsvertrag solche Änderungen ausdrücklich ausschließt. Insofern ist das aus meiner Sicht kein Verhandlungsgrund mehr. Die Zeit der Diskussionen muss vorbei sein. Wir müssen dringend zu Ergebnissen kommen. Das sind wir den Schülern, Eltern und Lehrern schuldig. Um vor dem neuen Schuljahr die entsprechenden Weichen stellen zu können, muss das Gesetz spätestens im April beschlossen werden.

Eine weitere Kritik an der aktuellen Vorlage lautet: Wegen einer Erhöhung der Mindestschülerzahlen seien Schulen auf dem Land gefährdet.

Über eine solch scheinheilige Diskussion ärgere ich mich, weil sie jeder sachlichen Grundlage entbehrt. Mit dem neuen Schulgesetz werden gerade Schulen auf dem Land erhalten, ob nun durch jahrgangsübergreifenden Unterricht an Grundschulen oder die neue Möglichkeit der Einzügigkeit an Oberschulen. Wir brauchen insbesondere starke Oberschulen, um den Nachwuchs an Fachkräften zu sichern. Das Thema Schließung steht also überhaupt nicht im Raum. Wer eine solche Mär verbreitet, schürt unbegründet Ängste. Das ist keine faire Politik.

Das Schulgesetz wird auch für die Lernmittelfreiheit gebraucht, für die es aktuell keine rechtliche Handhabe gibt. Wie ist der Stand der Vorbereitung?

Ich kann nur sagen: Dafür brauchen wir das Schulgesetz, dem dann die entsprechenden Verordnungen folgen. Es sollte kein weiteres Stückwerk wie mit der Bildungsempfehlung geben. Die Kinder, Eltern und Schulen brauchen eine umfassend gültige Rechtssicherheit. Ich hoffe sehr, dass die SPD ihre Blockadehaltung aufgibt. Wir dürfen die Schulen und Menschen nicht immer wieder in Unruhe versetzen, indem wir sie und mit scheibchenweisen mit neuen Regelungen konfrontieren.

Was ist für Sie ein Lernmittel, das für Schüler kostenlos zur Verfügung stehen muss?

Darüber diskutieren wir im Haus und mit den Kommunen, die Schulträger sind, sehr intensiv. Der Wunsch einiger Eltern, dass der Freistaat alles finanziert, was für den Unterricht gebraucht wird, wird sich aber garantiert nicht erfüllen. Ich kann Ihnen schon sagen, was kein Lernmittel sein wird: Ein Gebrauchsgegenstand, der über den Unterricht hinaus verwendet wird, kann keinesfalls Lernmittel sein, zum Beispiel Sportschuhe. Wir können nicht jede Begehrlichkeit von Schülern und Eltern bezahlen.

Ein weiterer Punkt, der mit dem Schulgesetz verbunden ist, heißt politische und mediale Bildung. Welche Änderungen wird es für die Schüler geben?

Ab Februar werden wir im Kultusministerium ein Schlüsselreferat haben, in dem sich die Themen, die für die Schulentwicklung der nächsten Jahre wichtig sind, wiederfinden. Dabei handelt es sich insbesondere um die politische Bildung – denn wir brauchen im Freistaat Sachsen eine viel intensivere politische, demokratische Bildung. Hinzu kommt die digitale Bildung: Gerade mit Blick auf die sozialen Netzwerke muss das Beschaffen und Bewerten von Informationen dringend vermittelt werden. Für unsere Gesellschaft und Wirtschaft ist nicht nur eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung nötig, die den Nachwuchs an Fachkräften sichert, sondern auch ein Kanon an Werten und eine Diskussionskultur.

Weshalb ist die Schule an dieser Stelle stärker gefordert?

Die politische Bildung können oder wollen viele Familien heutzutage, aus ganz unterschiedlichen Gründen, nicht mehr leisten. Wir dürfen Jugendliche, die zu Hause nicht mehr diskutieren können und demokratische Werte vorgelebt bekommen, nicht allein lassen. Deshalb soll Schule hier deutlich engagierter sein als bislang. Gleichzeitig muss aber auch klar sein: Schule kann nicht die Reparaturwerkstatt für alle gesellschaftlichen Probleme sein.   

Wie werden die Neuerungen praktisch umgesetzt?

Zunächst einmal werde ich am 19. Januar ein Expertengremium berufen, zu dem neben Schulpraktikern, Schüler- und Elternvertretern sowie Geschichts- und Politikdidaktikern der Universitäten Leipzig und Dresden auch die Landeszentrale für politische Bildung gehören wird. Die ersten Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen. Im Herbst wird es einen Kongress geben, der sich mit den Vorschlägen des Expertengremiums befassen wird. Eine Konsequenz muss sein, dass die Lehrerfortbildung auf dem Gebiet der politischen Bildung erheblich ausgebaut wird. Das hat für uns eine hohe Priorität.

Das klingt ein wenig nach einem neuen Staatsbürgerkundeunterricht.

Eindeutig nein. Der Begriff ist aus DDR-Zeiten mit Recht negativ besetzt. Ich würde mich deshalb immer, auch aus eigener Erfahrung, dagegen wehren. Das Thema politische Bildung und Wertekanon soll nicht in ein neues Unterrichtsfach münden, sondern in allen Fächern und in der gesamten Schule gelebt werden. Kurz gesagt: Es geht um eine demokratische Erziehung – die jeder Staatsbürger haben sollte.

Das heißt im Umkehrschluss: Die politische Bildung und demokratische Erziehung ist in Sachsen bislang zu kurz gekommen?

In den 1990er Jahren haben wir aus unserer DDR-Erfahrung zu recht gesagt, dass Politiker nicht in die Schulen gehören. Dazu gab es auch einen entsprechenden Erlass. Vielleicht haben wir zu lange damit gewartet, diese Maßgabe zu ändern: Politiker sollen bitte in die Schulen gehen, mit den Schülern diskutieren. Nur so erleben junge Menschen eine Diskussionskultur und können ihr Urteilsvermögen schulen. Es ist ganz wichtig, dass Jugendliche lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Daneben haben wir im Freistaat die Situation, dass sehr wenig Vertrauen in die Politik besteht – auch an dieser Stelle kann ein regelmäßiger Austausch für beide Seiten hilfreich sein.

Sie sagen, dass Politik in jedem Fach eine Rolle spielen kann. Müssen also alle Lehrer nachgeschult werden?

Natürlich muss die Fortbildung in Bezug auf die politische Bildung eine weitaus größere Rolle als bisher spielen – für Lehrer aller Fächer. Die Umsetzung wird nicht einfach sein. Doch ich lege sehr viel Wert darauf, dass dies keine zusätzliche Aufgabe darstellt. Denn ein Lehrer ist eben nicht nur ein Fach-Vermittler. Immanenter Bestandteil einer jeden Unterrichtsstunde muss auch die Vermittlung von Werten sein. Ein guter Unterricht vermittelt soziale Kompetenzen und politische, demokratische Bildung. Es geht nicht darum, eine bestimmte Parteipolitik zu transportieren, sondern eine Diskussionskultur zu entwickeln. Das mag sicherlich für manche Lehrer eine Herausforderung sein. Dazu gehört auch, die Spannung einer intensiven Schülerdiskussion auszuhalten, zu lenken und zu einem Ergebnis zu führen.

Gehören dazu auch Änderungen im Stundenplan und bei Fächern?

Inhaltliche Entwicklungen sind natürlich eng mit den Unterrichtsfächern verbunden. Aber diese Diskussion können wir erst führen, wenn ein Schulgesetz vorliegt.

Interview: Andreas Debski

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