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Das ist mir heilig - Antje Hermenau, Fraktionschefin der Grünen im Landtag

Das ist mir heilig - Antje Hermenau, Fraktionschefin der Grünen im Landtag

Das einprägsamste Erlebnis in der neuen Welt nach dem Fall der Mauer war im darauffolgenden Sommer eine Wanderung in den Alpen, die mich zu einer Übernachtung im Freien zwang.

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Die Berghütte, in der ich schlafen wollte, war geschlossen. Ich überstand die Nacht gut, aber mit dem ersten Licht trieb es mich aus dem Schlafsack. Ich setzte mich an den Rand einer tief und steil abfallenden Wand und sah den Gämsen beim Äsen zu. Ich war ganz und gar in diesen Moment eingebettet, völlig im Einklang mit mir und geborgen. Alles war gut.

Ich hatte schon früher, in unserem begrenzten Biotop der DDR, viele derart direkte, einsame Begegnungen mit der Natur. Danach natürlich noch viel öfter. Ich wanderte durch den nördlichen Regenwald am Fuß des Mount Rainier, ich wanderte mit Freunden über das Hochland des nördlichen Jemen, saß in Wüsten, an Stränden, in Vulkankratern, inmitten von Savannen, an Flussufern, auf Berggipfeln, in tiefen Schluchten - einmal auch in einer tiefen Eisspalte, aus der ich erst nach bangem Warten, Verzweifeln und Hoffen befreit werden konnte. Ich hatte das Buch meines Lebens schon zugeklappt - die Natur war nicht sehr romantisch in dieser Situation, sie war einfach nur da, unerbittlich.

Die Natur präsentiert uns immer eine Rechnung - manchmal sofort und direkt, oft auch erst nach längerer Zeit, in der die Besteller schon längst zu ihr in die Erde zurückgekehrt sind, wie es auch in "Die Natur. Fragment" geschrieben steht. Ein Werk das man oft Goethe zuschreibt, obwohl es wahrscheinlich nicht stimmt. Inhaltlich findet man diese Vorstellung jedenfalls in seinen gesammelten Werken wieder: "Sie (die Natur) scheint alles auf Individualität ausgelegt zu haben und macht sich nichts aus Individuen." Das finde ich sehr treffend.

Wir leben in einer Welt, in der Maßlosigkeit, Zynismus und Vereinzelung zu großen Verwerfungen führen, die ein Leben in Würde für viele behindern. Die Verantwortung des Individuums für das Ganze ist im Verhältnis zu seinen individuellen Wünschen aus dem Lot geraten. Eine neue Balance zwischen Verantwortung, Individualität und Würde kann jeder für sich finden, auch, wenn er zum Beispiel der Natur wieder mit Respekt begegnet.

Ich empfehle jedem, der sich in sich selbst unbehaust fühlt, wieder hautnah in die Natur zu gehen und sie neu zu begreifen. Er hat gute Chancen, seine Heimat wieder zu finden. Mich haben meine Erfahrungen mit der Natur, die beglückenden wie die grausamen, Ehrfurcht und damit Demut gelehrt. Hans Schomburgk wird die Sentenz in den Mund gelegt, die Betrachtung der Natur sei ein Ereignis, dass Schweigen lehre. Aus einer fast romantischen jugendlichen Schwärmerei wurde eine handfeste Überzeugung, die nicht nur durch meinen Verstand geprägt wird, sondern auch durch Glauben und Zuversicht. Oder, wie es wieder in "Die Natur. Fragment" heißt: "Wir leben mitten in ihr und sind ihr Fremde. Sie spricht unaufhörlich zu uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie."

Ich versuche, so viel wie möglich über die Natur zu verstehen, von Quantenteilchen bis zu Klimaprozessen. Was ich nicht verstehe, ergänze ich durch Glauben, bis ich es, vielleicht, verstehe. Ich verkläre die Natur nicht ins Romantische, genieße aber ihre vielfältige Schönheit. Ich fürchte sie angemessen. Und verspüre bei ehrfürchtiger Annäherung ihren Trost. Einmal sah ich im Morgennebel der Masai Mara eine einzelne Schirmakazie hervorragen - und ich fühlte mich angesprochen. Manche werden das für Kitsch oder Esoterik halten, aber für mich ist sie, da einzeln im Morgennebel, bis heute vor meinem inneren Auge allumfassende Heimat. Savanne ist wohl unsere Urprägung. Wir alle haben Afrika als Ursprung in unseren Genen. Das kann man wissenschaftlich nachweisen. Mir reicht die Erfahrung mit der Schirmakazie völlig.

Die Natur ist mit heilig, weil ich sie liebe. Die Natur ist mir aber auch heilig, weil ich sie fürchte. Wie im Umgang mit Menschen machen Respekt und Augenmaß im Umgang mit ihr den wesentlichen Unterschied. Was einem heilig ist, respektiert man.

Antje Hermenau

Fraktionschefin Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.12.2011

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