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Mitteldeutschland Flüchtlinge, Pflege, Löhne: So lief der Phoenix-Bürgerdialog in Leipzig
Region Mitteldeutschland Flüchtlinge, Pflege, Löhne: So lief der Phoenix-Bürgerdialog in Leipzig
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08:54 06.12.2018
Aufzeichnung der Sendung " PHOENIX Wir müssen Reden " mit dem Thema "Zerstrittene Parteien , ratlose Politiker- Was wollen die Bürger " im Eventpalast auf der Alte Messe in Leipzig. Die Moderatoren Christina Ungern-Sternberg und Alfred Schier Foto: Andre Kempner Quelle: Kempner
Leipzig

„Wir müssen reden!“ – so nennt sich ein neues Talkformat mit Bürgerbeteiligung des TV-Senders Phoenix, das am Mittwochabend in Leipzig Premiere feierte. Und geredet wurde bei der Aufzeichnung im Eventpalast auf der Alten Messe tatsächlich viel: Über die anhaltenden Unterschiede zwischen Ost und West, über Flüchtlinge und die Probleme in der Pflege – so hatten es die Moderatoren als Themenfeld vorgegeben und dazu drei prominente Politiker sowie LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer eingeladen. Geredet wurde aber auch über die Nöte und Ängste der Bürger, von denen 60 im Studio mitdiskutieren konnten.

Im Gegensatz zu anderen Talksendungen sitzen beim Phoenix-Bürgertalk alle zusammen, hier gibt es keine Bühne und kein Publikum, man begegnet sich am Tisch in einer Kneipe, im Ostflügel des Eventpalastes. Das lässt Barrieren zwischen Politik und Bürgern verschwinden – und heizt die Diskussion schnell an.

Die gesamte Sendung im Video:

Zu Beginn geht es um Ungerechtigkeit, um die immer noch existierenden Lohnunterschiede in alten und neuen Bundesländern. Die erste Bürgerfrage geht an Christian Hartmann, Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag. Er soll erklären, warum ein ostdeutscher Arbeitnehmer auch nach 30 Jahren immer noch weniger verdient als ein westdeutscher. Hartmann holt aus, steht zur Verantwortung seiner Regierungspartei. Allerdings seien die Voraussetzungen nach 1989 schwierig gewesen, auch der Raub des Know-Hows durch die sowjetischen Besatzer habe tiefe Spuren hinterlassen. „Noch heute gibt es keinen deutschen Konzern, der seinen Stammsitz im Osten hat. Das kommt doch nicht von ungefähr“, sagte Hartmann. Zudem sei es nicht die Politik, die Arbeitsplätze schaffe. „Wir können nur die Rahmenbedingungen dafür vorgeben, dass Arbeitsplätze geschaffen werden können.“

Stefan Nagel, Student aus Leipzig, verweist auf die großen Potenziale, die in Sachsens Hochschulen zu finden sind. „Wir müssen doch alles dafür tun, dass die Absolventen gehalten werden, dass sie anfangen, sich hier etwas aufzubauen“, sagte er. Antje Hermenau, früher Fraktionsvorsitzende bei den Grünen und heute parteilos, steigt mit markigen Worten in die Diskussion ein. Sie spricht von einem teilbesetzten Land und meint die fehlende Gestaltungsmöglichkeiten der Bürger. Man sei betrogen worden: „Wir wollten die harte DM und haben den windelweichen Euro bekommen“, sagt sie und erhält Applaus. Zudem treibt sie die Migrationsfrage um, die 2015 eskaliert sei. Es gebe in Europa viele andere Länder, in denen heute darüber offen diskutiert werden könne. „Auch bei uns ist eine solche Diskussion nötig, damit der Rechtsstaat und der Sozialstaat wieder funktionieren.“ Wieder Applaus.

LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer berichtet von Lesern, die ihren Unmut jeden Tag gegenüber der LVZ mitteilen. Es gebe einen regelrechten Gefühlsstau, wie ihn der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschrieben habe. „Die Emotionen sind in den vergangenen 30 Jahren viel zu kurz gekommen“, so Emendörfer. Nun müssten viele Dinge einfach raus – auch wenn sich die Debatte dabei häufig als einfache Neiddebatte entpuppe. Der LVZ-Chefredakteur forderte die Politik danach auf, mehr in den Osten zu investieren. „Alle Welt redet über Digitalisierung – man könnte doch viel Geld nehmen und den Osten einfach zum Silicon Valley Deutschlands machen“, schlägt er vor.

Wieder geht es um Flüchtlinge, das Publikum wird unruhiger, Arme schnellen nach oben, wollen das Wort. Elisabeth Hoppe erzählt, sie betreue eine arabische Großfamilie, habe aber auch schon schlechte Erfahrungen mit Migranten gemacht. Allerdings: „Es zählt immer noch die Menschlichkeit, wir müssen trotz alledem menschlich miteinander umgehen“, sagt sie.

Darauf folgt Gegenrede. Ein Lehrer fragt sich laut, ob denn Integration überhaupt zu schaffen sei, wenn es an Grundschulen nicht mal genug Lehrer gebe. Gesine Schwan (SPD), Politikwissenschaftlerin und frühere Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, nimmt den Ball auf und erzählt von einer Studie, die zweifelsfrei belege, dass sich die Aufnahme von Migranten langfristig rechnen werde. „Das wird uns erhebliche Gewinne bringen“, fügt sie. Erstmals gibt es Buhrufe im Saal und die Antwort auf den Fuß: „Dieser Prozess dauert viel zu lange. Die Flüchtlinge arbeiten doch meist im Niedriglohnsektor. Das unterschätzt die Politik.“ Schwan stimmt zu, dass es länger dauern wird: „Allerdings können wir das nur schaffen, wenn wir jetzt schnell investieren und die Leute zu uns nehmen.“

Die beiden Moderatoren Christina von Ungern-Sternberg und Alfred Schier haben etwas Mühe, den Dialog konstruktiv zu halten. Es geht thematisch noch kurz hinüber zur Pflegeproblematik. Mehr als eine Beschreibung der für Betroffene schwierigen Situation ist aber nicht drin: Die Sendezeit ist um. Diskutiert wird aber auch danach noch weiter, obwohl die Kameras schon aus sind.

Von Matthias Puppe

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