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Mitteldeutschland Bombenentschärfer Thomas Lange denkt als Rentner nicht an Ruhestand
Region Mitteldeutschland Bombenentschärfer Thomas Lange denkt als Rentner nicht an Ruhestand
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11:48 08.12.2016
Thomas Lange, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen, hält am 08.12.2016 eine Sprenggranatpatrone in seinem Büro in Dresden (Sachsen). Lange hat in den zurückliegenden Jahrzehnten unzählige Bomben in ganz Sachsen entschärft und wird nun in den Ruhestand verabschiedet. Quelle: dpa
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Mit dem Wort „Rentner“ kann Sachsens bekanntester Bombenentschärfer nichts anfangen. Wenn er ab 1. Januar offiziell im Ruhestand ist, will Thomas Lange erst mal 14 Tage „Urlaub“ machen - um das Wohnzimmer zu renovieren. Das hat er seiner Frau versprochen. „Ich habe verschiedene Angebote, in der Branche als Berater tätig zu bleiben“, sagt der 66-Jährige, der weitaus jünger wirkt. „Sprengen hält jung“, hat er früher einmal gesagt. Nur eines will er künftig nicht mehr: Jeden Morgen eine Viertelstunde nach 4 Uhr aufstehen.

Ein früher Tagesbeginn hat Langes Arbeitsleben geprägt. Bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarette der Marke f6 hat er gewöhnlich darüber nachgedacht, wie er den jeweils vorliegenden Fall lösen kann. „Nein, mit Nervenkitzel hat das nichts zu tun“, sagt der Sprengmeister. An der Entschärfung von Munition aus den beiden Weltkriegen habe ihn eher die technische Seite interessiert: „Wie man damals versucht hat, Wirkmechanismen umzusetzen. Dass die Granate genau zu einem bestimmten Zeitpunkt detoniert.“ Diese Technik zu überlisten, hält Lange für das eigentlich Reizvolle an seinem Job.

Der Dresdner kam über die Kfz-Elektrik und Transportpolizei in seinen Beruf. Nebenbei hat er Maschinenbau studiert. Dann lernte er an der Sprengschule seinen Beruf von der Pike auf. In dieser Zeit hat er auch Häuser gesprengt. Dann kamen die wirklich scharfen Sachen. Das erste Mal wird Lange nie vergessen. Das war Ende 1989 in Markkleeberg. Eine amerikanische Fliegerbombe, 75 Kilogramm.

„Die Aufregung war riesengroß. Ich war schon fix und fertig, als ich ankam. Weniger wegen der Bombe, sondern wegen der Umstände“, erinnert er sich. Denn in solch einem Augenblick müsse man einem Schema folgen, dürfe man in der Abfolge der Schritte bis hin zur Evakuierung nichts vergessen. Mit der Zeit kenne man zwar sämtlich Typen von Bomben, dennoch sei jeder Fall verschieden: „Die Umgebung ist immer eine andere. Auch der Zustand der Munition.“ Manche Granaten seien aufgrund der Verwitterung als solche gar nicht mehr erkennbar.

Wie viele Bomben er entschärft hat, weiß Lange nicht. Bis zur Nummer 45 hat er mitgezählt. Dann wurden es plötzlich zu viele. 60 Prozent seines Berufes hält der Experte für Handwerk, den Rest für Intuition und Erfahrung. Die Entschärfung einer Bombe bedeute nichts anderes, als den Zünder zu eliminieren. „Wir müssen praktisch die Transportsicherheit der Bombe herstellen.“ Das umfasse auch einen möglichen Unfall auf dem Weg zu der Stelle, wo der Sprengstoff unschädlich gemacht wird. Notfalls gelte es, am Fundort zu sprengen.

Auch brenzlige Situationen hat Lange erlebt. Beispielsweise beim Richtfest zur Leipziger Messe. Da sei ein Bagger mit Schiebeschild an einer Bombe hängengeblieben: „Sie hatte einen Langzeitzünder mit Ausbausperre.“ Eigentlich hätte man sie vor Ort sprengen müssen. Dann wäre aber die ganze Halle mit eingefallen. „Also habe ich es versucht. Als der Zünder gerade draußen war, hat er angesprochen. Wenn das ein bissel früher passiert wäre, wär's das gewesen.“

Thomas Lange 2013 mit entschärften englischen Fliegerbomben. Quelle: Dietrich Flechtner

Manchmal ist der Fundort das Problem. Lange berichtet von einer Entschärfung im Dresdner Universitätsklinikum. Dort konnte nicht vor Ort gesprengt werden, weil sich in unmittelbarer Nähe eine Gebäude befand, in dem Patienten an Maschinen angeschlossen waren und das deshalb nicht evakuiert werden konnte: „Da steht man unter dem Zugzwang des Erfolges. Da gibt es keine zweite Option.“

Kritisch wird es auch, wenn die Entschärfer auf Exoten treffen - Bomben, die sie an dieser Stelle nicht erwarten. In Dresden war das einmal eine maritime Bombe, die eigentlich für Seeziele bestimmt war. In Ostsachsen findet man gelegentlich Munition, die aus unterschiedlichen Kampfmitteln zusammengebaut wurde. Da der Frontverlauf rasch wechselte, waren die Streitkräfte mitunter zum Improvisieren gezwungen. Da wurde die „Schwere deutsche Straßenmine“ mit 250 Kilogramm TNT mit einem anderen Zünder versehen. Selbst Bomben deutscher Produktion mit einem russischen Zünder gibt es.

Lange geht davon aus, dass der Job seiner Kollegen auch in Zukunft bombensicher ist. Denn keiner wisse genau, was heute noch alles im Boden liege: „Ich gehe davon aus, dass das Munitionsaufkommen in zehn Jahren noch das Gleiche ist.“ In Sachsen würden noch heute jedes Jahr bis zu 950 Zufallsfunde gemeldet. Wenn Lange die Nachrichten aus aktuellen Kriegsgebieten verfolgt, weiß er ohnehin, dass sein Berufsstand nie einen Ruhestand erleben wird.

Von Jörg Schurig, dpa

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