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Mitteldeutschland Barmer-Pflegereport: Jung, männlich, behindert sucht Wohngemeinschaft
Region Mitteldeutschland Barmer-Pflegereport: Jung, männlich, behindert sucht Wohngemeinschaft
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09:00 05.01.2018
Auch junge Menschen können pflegebedürftig werden. Die Unterschiede zur Altenpflege sind jedoch gravierend. Quelle: Barmer

Von „Stiefkindern der Pflegeversicherung“ spricht Sachsens Barmer-Landesgeschäftsführer Fabian Magerl. Gemeint ist das relativ breite Spektrum der 15- bis 60-Jährigen, die hilfsbedürftig sind und für die es kaum adäquate Angebote gibt. Das geht aus dem aktuellen Pflegereport der Krankenkasse hervor.

Wie viele Menschen betrifft es?

Waren es vor der Jahrtausendwende noch rund 14 500 Betroffene in Sachsen, so hat sich ihre Zahl mittlerweile auf 15 600 im Jahr 2015 erhöht. Experten gehen von einem weiteren Anstieg aus. Bei knapp 167 000 Pflegebedürftigen insgesamt ist das fast jeder Zehnte. Für diese Gruppe gibt es faktisch keine oder nur wenige adäquate Angebote. „Besonders die jüngeren Pflegebedürftigen werden oft vergessen“, kritisiert Magerl.

Was unterscheidet die jungen Pflegebedürftigen von den älteren?

Zunächst die Zusammensetzung: Während nämlich bei den Pflegebedürftigen insgesamt rund 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer sind, ist das Verhältnis bei den jüngeren Pflegebedürftigen umgekehrt. Dazu kommen die Ursachen der Pflegebedürftigkeit. Bei den Älteren spielen häufig Demenz oder die Folgen eines Schlaganfalls eine Rolle, Jüngere hingegen leiden an Lähmungen, an Intelligenzminderungen, an Epilepsie oder auch am Down-Syndrom.

Spielen auch soziale Probleme eine Rolle?

David Eckardt, Landesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Sachsen, bejaht das. So machten die Folgen von Drogen- und Alkoholkonsum (36 Prozent) und des Korsakow-Syndroms (häufig eine Folge von Alkoholkrankheit, 8 Prozent) durchaus einen Anteil bei den Ursachen der Pflegebedürftigkeit von Jüngeren in stationären Awo-Pflegeeinrichtungen aus. Weitere Ursachen: Multiple Krankheitsbilder sowie psychische Erkrankungen und Depressionen. Dabei waren allerdings Mehrfachnennungen möglich.

Wie wollen junge Pflegebedürftige wohnen?

Sie wollen am liebsten allein (93 Prozent), mit dem Partner (91) oder in einer betreuten Wohngemeinschaft (WG, 84) leben. Mit 63 Prozent am wenigsten zufriedenstellend beurteilten die Betroffenen die Unterbringung im Pflegeheim. Auch das Wohnen mit Geschwistern (69 Prozent) oder Eltern (73) stieß auf weniger Zustimmung. Jeder Zweite aber scheitert sowohl bei der Suche nach einer WG als auch nach einem adäquaten Platz in einem Pflege- oder Behindertenheim.

Wer kümmert sich um diese Gruppe?

Rund 60 Prozent der jüngeren Pflegebedürftigen erhalten in Sachsen Pflegegeld und werden von ihren Angehörigen – ohne externe Unterstützung – betreut. Weitere 16 Prozent werden ambulant versorgt und nur 12 Prozent leben in einem Pflegeheim. Zum Vergleich: Im Gesamtkontext aller Pflegebedürftigen lebt im Freistaat jeder Dritte in einem Heim.

Wie ist das Kurzzeitpflegeangebot?

Nicht einmal jeder zehnte junge Pflegebedürftige kann es derzeit nutzen. Tatsächlich aber würden gern knapp 20 Prozent darauf zugreifen. Mit der Ausweitung des anspruchsberechtigten Personenkreises durch das Pflegestärkungsgesetz II dürfte sich der Bedarf weiter erhöhen.

Welche Lösungen bieten sich an?

Magerl fordert, dass sich Landespolitik, Bauwirtschaft, Pflegekassen und Leistungserbringer an einen Tisch setzen, um auf Landesebene die Voraussetzungen für mehr altersgerechtes Wohnen und auf kommunaler Ebene die Voraussetzungen für mehr WG-Räume zu schaffen.

Fehlen die Fachkräfte?

Ja. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Sachsen ist zwischen 1999 und 2015 von 118 124 um 41 Prozent auf 166 792 angestiegen. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Stellen in der ambulanten Pflege zwischen 2001 und 2015 von 12 050 auf 24 201 Personen. In der stationären Pflege wuchs die Anzahl der Beschäftigten von 20 732 auf 38 504. Das reicht aber nicht aus. So sind in knapp der Hälfte der 53 stationären Awo-Pflegeeinrichtungen in Sachsen Stellen unbesetzt. Drei Viertel davon Fachkräfte. Um eine solche Stelle wieder zu besetzen, dauert es bei der Awo Sachsen im Schnitt 106 Tage. Bundesweit sind es sogar 167 Tage.

Bildet Sachsen zu wenig aus?

Eckardt verneint. Der Freistaat liege bei der Ausbildung bundesweit sogar an der Spitze. „Aber nach drei Jahren ist von diesen Leuten weniger als die Hälfte noch im Beruf oder in Sachsen“, so der Awo-Landesgeschäftsführer. Das liege einerseits an der Schwere des Berufs (Altenpfleger sind mit 32,2 Arbeitsunfähigkeitstagen öfter krankgeschrieben als Angehörige anderer Berufsgruppen), aber andererseits auch daran, dass in westlichen Bundesländern bis zu einem Drittel mehr Lohn gezahlt werde.

Was kostet stationäre Pflege?

Da gibt es auf Länderebene massive Unterschiede. So reicht der Gesamteigenanteil für Heimbewohner von 1107 Euro monatlich in Sachsen-Anhalt bis hin zu 2252 Euro in Nordrhein-Westfalen (Sachsen 1131 Euro). Das ist einerseits die Folge des jahrelangen Preisdumpings – aber andererseits eben auch eine Ursache für die anhaltende Abwanderung von Fachkräften.

Von Roland Herold

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