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Mitteldeutschland Sturz von Anton (10) ist kein Einzelschicksal
Region Mitteldeutschland Sturz von Anton (10) ist kein Einzelschicksal
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09:59 26.11.2018
Anton Lieb (10) zu Hause im Schlaf – vor dem Unfall am 20. Juni 2016. Quelle: privat
Leipzig

Der Tag beginnt ganz leise. „Guten Morgen, Sonnenschein, weck mich auf und komm herein“, sanft singend, dann summend tritt Kathrin Gerlach an das Pflegebett heran, das direkt neben dem Ehebett steht. Thomas Lieb, ihr Mann, ist vor ein paar Minuten aufgebrochen zu seiner Arbeit in die Redaktion der Leipziger Volkszeitung. Vorher hatte er Anton gewindelt, hatte den Beutel mit der künstlichen Nahrung an die Ernährungspumpe angeschlossen, ihm seine Medikamente gegeben.

Wie jeden Morgen fährt Kathrin Gerlach an diesem 20. Juni 2016 mit der Hand durch Antons blondes Haar, legt dann ihr Gesicht für einen Moment an seines, in die Kuhle zwischen Wange und Schulter. Pustet ihre warme Atemluft an seinen Hals. Antons glucksendes Lachen. Das ist seine Antwort. Anton ist damals zehn Jahre alt; seit er als Baby krank wurde, ist er schwerbehindert. Kathrin Gerlach legt ein großes Tuch unter ihren Sohn, das an allen vier Ecken eine Schlaufe hat, hängt die Schlaufen in ein Metallgestell ein. Der Transport vom Bett zum Rollstuhl mit einer Art Kran, einem Lifter. Anton ist schwer, 50 Kilo wiegt er. Mit der Fernbedienung fährt sie den Lifterarm hoch. Plötzlich ein dumpfer Knall. Später wird Kathrin Gerlach erzählen, dass sie eine Schlaufe des Liftertuchs wohl nicht richtig eingehängt hatte. Und dass Anton aus 1,20 Meter Höhe fiel – mit dem Kopf voran.

Mehr als ein tragisches Einzelschicksal

Kathrin Gerlach eilt zum Telefon, ruft Antons Kinderarzt an. Wie sie wohnt er in Döbeln, einer kleinen Stadt zwischen Dresden und Leipzig. Seit Antons Geburt betreut er die Familie. „Ecki, Anton ist gefallen.“ „Ruf einen Notarzt, ihr müsst ins Krankenhaus!“

Alles, was an jenem Junitag und danach passierte, ist mehr als ein tragisches Einzelschicksal. Es handelt sich um mehr als den Sturz eines Kindes, auf den ein weiteres Unglück folgte. Es ist mehr als das Versehen einer Mutter, auf das andere Fehler anderer Menschen folgten. Denn hinter dem Einzelschicksal des zehnjährigen Anton Lieb steht etwas Grundsätzliches. Deshalb soll das, was Anton widerfahren ist, hier nacherzählt werden – anhand von Erinnerungen der Eltern, von Gedächtnisprotokollen, die sie gleich in den Tagen danach geschrieben haben, anhand von Akten und einem ärztlichen Gutachten.

Antons Geschichte wirft die Fragen auf, die so oder zumindest so ähnlich für jeden gelten, der ins Krankenhaus kommt: Kann man mich dort adäquat behandeln? Sind die Ärzte erfahren? Gibt es genug Personal, eine gute Ausstattung? Oder schlicht: Sollte mir ein Unglück geschehen – kann das Krankenhaus, in das der Rettungswagen mich bringt, mein Leben retten?

Als Kathrin Gerlach die 112 wählt, ist es 8.45 Uhr. Nur wenige Minuten vergehen, bis der Notarzt kommt. „Wir müssen in die Uni-Klinik nach Leipzig“, sagt die Mutter. Anton hat eine Beule am Kopf, leicht bläulich verfärbt. Die Uni-Klinik Leipzig ist 60 Kilometer entfernt. Dort sind sie in den vergangenen Jahren oft mit Anton gewesen, wegen der Lungenentzündung, der Gallensteine, wenn er neu auf Medikamente eingestellt werden musste. Jeder Notarzt entscheidet selbst, in welches Krankenhaus er fährt. Die Uni-Klinik Leipzig ist nicht das nächste Krankenhaus. Es gibt fünf Kliniken im Umkreis von Döbeln: Leisnig, Meißen, Riesa, Freiberg und Mittweida. Alle ähnlich weit entfernt, alle keine reinen Kinderkrankenhäuser, aber mit einer Fachabteilung für Kinder. Die Uni-Klinik ist zu weit weg, wir fahren nach Leisnig, entscheidet der Notarzt. Ein kleines Krankenhaus, 20 Kilometer von Döbeln entfernt.

Anton ist schwerbehindert, aber er hat überlebt

Es ist nicht das erste Mal, dass Anton im Klinikum Leisnig ist. Dort begann am 3. Februar 2006 sein Leben. Eine normale Geburt, ein gesundes Kind. Wunschkind. Die Mutter hatte schon eine Tochter, für den Vater war es das erste Baby.

An einem Morgen, Anton war dreieinhalb Wochen alt, schrie er so sehr, dass Kathrin Gerlach zum Kinderarzt ging. Im Februar 2006 war vieles so ähnlich wie zehn Jahre später, nach dem Sturz am 20. Juni 2016. Der Mann, der schon zur Arbeit gefahren war. Der Notarzt, der den Rettungswagen nach Leisnig dirigierte, in die nächstgelegene Klinik. Dort stellte sich heraus: Anton hatte eine durch B-Streptokokken ausgelöste Blutvergiftung, die zu einer Hirnhaut- und Gehirnentzündung geführt hatte. Eine Infektion, die das Gehirn und andere Organe zerstört und die, nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, oft zum Tod führt. Die Ärzte in Leisnig handelten sofort. Schnell riefen sie den Helikopter, der den Säugling in die Uni-Klinik brachte. 48 Stunden bangten die Eltern dort um sein Leben, acht Wochen blieb das Baby im Krankenhaus.

Seitdem ist ein Teil von Antons Gehirn abgestorben. Seitdem ist Anton blind und leidet unter Epilepsie. Seitdem wissen die Eltern, dass ihr Kind nie laufen und nie richtig sprechen können wird. Anton ist schwerbehindert, aber er hat überlebt. Weil die Ärzte in Leisnig sich eingestanden, dass die Behandlung dieses Patienten sie überforderte, retteten sie sein Leben.

Zu Hause in Döbeln packt Thomas Lieb am Morgen des 20. Juni 2016 Windeln ein, Antiepileptika, Cortison, Schmerzmittel, Sondennahrung, Salben, Kleidung. Er war auf der Raststätte Muldental zwischen Döbeln und Leipzig, wo er sich wie jeden Morgen seinen Kaffee holte, als er den verpassten Anruf sah. Eine Nachricht seiner Frau. „Anton ist aus dem Lifter gefallen, komm zurück.“ Ihre Stimme war anders als sonst, Thomas Lieb registrierte die Panik. Die gleiche Panik wie vor zehn Jahren, als Anton krank geworden war. Thomas Lieb kehrte um, raste nach Hause. Der Krankenwagen war schon fort.

Als er alles gepackt hat, fährt er nach Leisnig. Um 10.30 Uhr erreicht er die Klinik, so wird er es Tage später in seinem Gedächtnisprotokoll aufschreiben. So wie vieles anderes, woran er sich noch ganz genau erinnern wird, Szene für Szene, Wort für Wort. Thomas Lieb geht in das Gebäude gegenüber dem Haupteingang, ein paar Treppen hoch, drei oder vier, dann links die Klingel. Er kennt sich ja aus hier.

Anton ist noch beim CT, der Computertomografie. Eine Schwester zeigt dem Vater das Zimmer, das sie für seinen Sohn vorbereitet haben: zwei Betten, eins für Anton, eins für die Eltern. Es ist das Zimmer direkt neben dem Bereitschaftsraum von Schwestern und Ärzten: das sogenannte Intensivzimmer der Kinderklinik. Eine richtige Kinder-Intensivstation gibt es in Leisnig nicht. Die gibt es in Leipzig, in der Uni-Klinik.

Wie kann man als Patient wissen, ob ein Krankenhaus geeignet ist?

Thomas Lieb geht ins Gebäude gegenüber, er folgt den Schildern mit der Aufschrift „Röntgen“, dann weist ihm Antons Weinen den Weg. Geschlossene Tür, kurzes Warten. Anton weint doch sonst nie, denkt er.

Ein paar Minuten später blicken Eltern und Ärzte auf einen Monitor, auf dem die CT-Bilder angezeigt werden. Die Ärzte erklären, dass Anton einen Schädelbruch hat. Es gebe ein Hämatom im Inneren des Schädels. Aber das sei bei Anton nicht so schlimm. Die Blutung sei genau dort, wo das Gehirn wegen Antons Grunderkrankung ohnehin abgestorben sei. Keine akute Gefahr. Sie hätten noch einmal Glück gehabt. Machen müsse man jetzt nichts, außer Schmerztherapie und Ruhe. Die Blutung werde zurückgehen, der Bruch heilen.

Später werden andere Ärzte in einem Gutachten über Anton und seine Behandlung in Leisnig schreiben, es sei allgemeines medizinisches Wissen, dass derartige Hämatome sich sehr schnell vergrößern können. Sie werden schreiben, dass es deshalb wichtig ist, drei, mindestens aber sechs Stunden später ein Kontroll-CT zu machen. Sie werden schreiben, dass der Patient, sollte es nötig werden, schnellstmöglich operiert werden muss. Von einem Neurochirurgen.

Aber einen Neurochirurgen gibt es in der Klinik in Leisnig auch nicht. Später werden sämtliche Ärzte, mit denen die ZEIT spricht, sagen, dass dieses Krankenhaus nicht unbedingt der geeignete Ort für diesen Notfall war. Nicht für ein Kind, das so schwer behindert ist.

Wie kann man als Patient wissen, ob ein Krankenhaus geeignet ist? Woher weiß man, ob man an den Ort gelangt, an dem man am besten aufgehoben ist? Ob es dort den Spezialisten und die Behandlung gibt, die man braucht?

Spricht man mit Thomas Mansky, Leiter der Abteilung Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, und stellt ihm diese Fragen, redet man über ein Thema, von dem, wie er sagt, keiner etwas hören will, weil es unbequem ist. Weil die meisten Menschen dächten: Es wäre doch schlimm, wenn wir unser kleines Krankenhaus in der Nähe verlieren.

Es mangelt oft an Erfahrung

Mansky redet nicht von den kleinen, hoch spezialisierten Fachkliniken. Er meint die „Grundversorger“, von denen es in Deutschland 1151 gibt – das sind Krankenhäuser, die mindestens über eine Chirurgie und eine Abteilung für innere Medizin verfügen. Vergleicht man Deutschland mit Dänemark, Finnland oder den Niederlanden, fällt auf, dass Deutschland sehr viele Krankenhäuser hat. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob es in Deutschland zu viele kleine Krankenhäuser gibt. Die einen wollen das Krankenhaus vor Ort behalten. Weil sie fürchten, ansonsten seien die Wege für die Patienten zu weit. Wenn die kleinen Krankenhäuser geschlossen würden, sei die medizinische Grundversorgung nicht mehr garantiert.

Die anderen sagen: Wir müssen kleine Krankenhäuser schließen. Auch sie argumentieren mit der medizinischen Versorgung. Zu ihnen gehört Thomas Mansky.

Nicht weil es dort schlechte Ärzte gebe, sagt Mansky. Allerdings mangele es ihnen, weil sie weniger Fälle ein und derselben Erkrankung behandeln, an Erfahrung. Erfahrung, die man als Arzt genauso braucht wie als Pilot. Der kann eine plötzliche Turbulenz auch besser meistern, wenn er so etwas oft übt. Im Krankenhaus spielt laut Mansky zudem nicht nur die Routine des Operateurs eine Rolle, sondern die Erfahrung aller im Team. Und ob die richtigen Strukturen und die richtige Technik vorhanden sind: für Diagnostik, Therapie und Nachsorge.

Die Ärzte und Schwestern, sagt Mansky, reden nicht darüber, weil sie ihren Arbeitsplatz behalten wollen. Der Bürgermeister redet nicht darüber, weil er wiedergewählt werden will. Und jemand wie Mansky wird selten gefragt. Wer will schon hören: Anderswo können sie es besser. „Viele kleine Kliniken“, sagt Mansky, „nehmen Patienten auf, die sie nicht adäquat behandeln können. Weil sie sich überschätzen.“ Er schweigt kurz. Dann sagt er: „Und sicher manchmal auch, weil sie die Betten vollkriegen müssen.“

Es ist kurz nach elf am Vormittag des 20. Juni 2016, als eine Schwester Anton vom CT zurück auf das Intensivzimmer bringt. Die erste vorsichtige Erleichterung. Antons Eltern wissen jetzt, dass ihr Sohn einen Schädelbruch hat, und sie glauben zu wissen, dass dieser Bruch nicht so schlimm ist. Dass Anton nur Ruhe braucht. Sie haben etwas, woran sie sich festhalten können. Die Diagnose. Und sie wissen, was jetzt für sie zu tun ist. Dass sie über Antons Nasensonde mehr Hydrocortison geben müssen als sonst, wie immer, wenn ihr Sohn in einer Stresssituation ist. Wegen seiner Behinderung kann sein Körper das Stresshormon nicht selber bilden. Die Eltern wissen auch: Sie müssen Antons Wasserhaushalt bilanzieren.

Um 14 Uhr fährt Kathrin Gerlach für ein paar Stunden nach Hause. Anton soll jetzt sowieso nur schlafen. Die beiden schalten auf Notfallmodus, wie schon so oft. Planen die nächsten Wochen. Wann kannst du? Wann ich? Ich kann im Job die erste Woche fehlen, wann meldest du dich krank?

„Wann kommen denn nun die Ärzte?“

Gegen halb drei betritt eine Schwester das Intensivzimmer, kündigt an, die Ärzte würden gleich kommen, sie wollten andere Verletzungen ausschließen. Ach, das ist gut, denkt Thomas Lieb. Und wartet. Starrt auf den Monitor, auf die Werte seines Sohnes. Wie damals, als Anton krank wurde. Da haben seine Frau und er auch stundenlang die Kurven und Zahlen auf den Monitoren studiert, die Sauerstoffsättigung, die Herzfrequenz. Es war klar, dass Anton nicht mehr würde, wie er war. Aber das war ihnen unwichtig. Wichtig war, dass Anton lebte. Und es war wichtig, ihm dieses Leben so schön und angenehm wie möglich zu machen.

Eine Stunde vergeht.

Durch Anton haben Kathrin Gerlach und Thomas Lieb gelernt, das Wesentliche im Leben zu erkennen. Worüber sie sich früher einen Kopf gemacht haben, worüber sie sich gestritten haben, erscheint ihnen nun kurios. Schöne Tage – das sind jetzt solche, an denen Anton beschwerdefrei ist. Wenn er lacht, weil man ihn kitzelt, weil man bestimmte Geräusche macht. Sorgenfreie Tage.

Zwei Stunden vergehen.

Durch Anton lernten sie, wie ein Körper funktioniert, sie begannen medizinische Zusammenhänge zu verstehen. Sie lernten zu erkennen, wenn etwas nicht stimmt, es Anton nicht gut geht, ohne dass er es sagen muss. Weil er es nicht sagen kann. Anton wird kalt. Anton pinkelt nicht. Die Windel ist trocken. Immer wenn das Infusionsgerät piept, kommt eine Schwester herein. Sie prüft den Zugang an der verbundenen Hand des Kindes, indem sie ihn mit Kochsalzlösung durchspült. So stellt sie sicher, dass der Zugang frei ist. Das verstehe sie nicht, sagt sie und macht den Alarm aus. Bis es wieder piept.

Später wird in dem ärztlichen Gutachten stehen, dass bei einer Hirnblutung und einem schlechten Venenstatus, wie Anton ihn hat, ein Zentralvenenkatheter gelegt werden muss statt ein einfacher Zugang an der Hand. Eine Flexüle an der Hand ist in so einem Fall kein sicherer Zugang, weil sie verrutschen kann. Dann läuft die Flüssigkeit ins Gewebe anstatt in die Vene.

Es piept, die Schwester kommt.

„Wir müssen mit Leipzig telefonieren“, sagt Thomas Lieb.

Das machen die Ärzte schon, sagt die Schwester.

Eine Weile später. Es piept, die Schwester kommt.

„Haben die Ärzte schon mit Leipzig telefoniert?“, fragt Thomas Lieb.

Das wisse sie nicht, sagt die Schwester.

Noch einmal etwa 20 Minuten später. Es piept, die Schwester kommt.

„Wann kommen denn nun die Ärzte?“

Bald, sagt die Schwester.

So werden sich die Eltern später erinnern. Und sie werden sagen, dass sie noch nie zuvor bei einem von Antons Krankenhaus-Aufenthalten so wenige Schwestern und Ärzte gesehen haben. Auf der Intensivstation in Leipzig sei doch ständig eine Krankenschwester bei ihnen gewesen. Warum nicht hier? In dem ärztlichen Gutachten steht: „Es stellt sich die Frage nach dem Personalschlüssel wie auch der Qualifizierung des pflegerischen und ärztlichen Personals. Wie viele Kinderkrankenschwestern und Ärzte haben die Zusatzqualifikation für Kinderintensivtherapie? War eine 1:1 oder zumindest 1:2-Pflege abgesichert?“

In Antons Intensivzimmer ist es still. Thomas Lieb ist gegen 23 Uhr nach Hause gefahren, nach Döbeln. Auch der Chefarzt ist nach Hause gefahren, nach Halle. Mit dem Auto braucht man bis dorthin etwa eine Stunde. Das Licht ist gedämpft. Kathrin Gerlach sitzt auf der rechten Seite des Bettes.

„Hab keine Angst, mein Liebling. Schlaf dich gesund. Mama ist da.“

Kathrin Gerlach schaut auf Antons Herzfrequenz. 150.

Befeuchtet den Mund ihres Kindes mit einem Stäbchen.

Anton schnarcht. Röchelnd. Blubbernd.

Sie nimmt ein Video von Anton auf. „Vielleicht verarbeitet er das Erlebnis im Schlaf, er schläft unruhig“, schreibt sie dazu. Eine Nachricht an ihren Mann.

Die Stunden vergehen. Gegen vier Uhr am Morgen kommt eine Schwester, sie wechselt die Infusion.

Kathrin Gerlach steht neben dem Bett, schaut auf ihren Sohn. Erst auf sein Gesicht. Dann wandert ihr Blick zu seinem Unterarm. Dorthin, wo die Flexüle sitzt. Kathrin Gerlach fällt ein schmetterlingsgroßer Fleck auf. Er ist lila. Sie sieht, dass Antons Hand ganz dick ist. Als hätte er einen mit Wasser gefüllten, viel zu großen Gummihandschuh an.

Ermittlungen gegen die Mutter

„Seine Hand“, sagt sie. „Oh Gott.“

Den ganzen Tag hat gestern das Infusionsgerät gepiept. Immer wieder. Jetzt ist klar: Die Infusion ist nicht in die Vene gelaufen, sondern ins Gewebe. Die Hand ist verätzt. Dunkellila. Das Gewebe tot.

Kathrin Gerlach schreit. Sie schreit die Schwester an, wieso niemand nach der Hand geschaut hat, schreit nach einem Arzt, der kommen soll. Schnell! Sie schreit und schreit.

Um 4.25 Uhr sackt Antons Herzfrequenz von 166 auf 0.

Durch einen unruhigen Traum hindurch nimmt Thomas Lieb ein Handyklingeln wahr. Es ist kurz nach fünf am Morgen des 21. Juni. Eine Nachricht auf seiner Mailbox. „Komm bitte, Anton geht es schlechter.“ Ihre Stimme ist ruhig, denkt er. Er lässt sich Zeit, steigt unter die Dusche, macht sich einen Kaffee, nimmt die Sachen, die er am Abend zuvor gepackt hat. Das Netzkabel für die Ernährungspumpe, Windeln, eine Schmusedecke. Als er um halb sechs an der Kinderklinik klingelt, öffnet eine Schwester die Tür.

Sie nimmt Thomas Liebs Arm und tätschelt ihn kurz. Es tut mir leid, sagt sie.

„Was tut Ihnen denn leid?“

Schweigen.

Er denkt noch, es gibt so vieles, wofür sie sich bei uns entschuldigen könnten. Dann zählt er. Eins, zwei, drei. „Warum zähle ich Schritte?“, fragt er sich. Er wird sich diese Frage nie beantworten können, aber bis heute wissen, es waren 14 Schritte bis zu Antons Tür. Er drückt die Klinke herunter, geht hinein. Sieht Anton, schlafend in seinem Bett. Sieht seine Frau neben Anton, mit dem Rücken zur Tür. Etwas stimmt nicht, denkt er. Erst dann nimmt er wahr, dass nichts mehr piept, die Geräte sind aus, Anton hat keinen Sauerstoffschlauch mehr unter der Nase. Langsam dreht seine Frau sich zu ihm um, schaut ihn an. Thomas Lieb begreift.

Um 5.09 Uhr, nach 30 Minuten Wiederbelebung, so steht es im Totenschein, ist Anton Lieb verstorben.

Irgendwann an diesem Morgen, nachdem sie am Bett ihres Sohnes um ihn geweint haben, nachdem der Chefarzt ihnen gesagt hat, er sei so schnell zur Klinik gekommen wie möglich und es tue ihm leid, stehen zwei Polizeibeamte an Antons Bett. Sie vernehmen Kathrin Gerlach. Sie sagen, sie müssten eine Obduktion veranlassen, weil Anton zu Hause gefallen sei, weil also Fremdverschulden vorliegen könne. Weil ausgeschlossen werden müsse, dass Kathrin Gerlach ihren Sohn fahrlässig getötet habe.

Im Obduktionsbericht wird später unter „Todesursache“ stehen: Schädelbruch mit Epiduralhämatom.

Die Ermittlungen gegen Kathrin Gerlach werden eingestellt.

Monatelang rumort es in Kathrin Gerlach und Thomas Lieb. Sie fragen sich, ob Anton noch leben könnte, wenn der Rettungswagen ihn statt nach Leisnig ins Universitätsklinikum Leipzig gebracht hätte – oder wenn die Leisniger Ärzte ihn dorthin überwiesen hätten. Wenn Anton in einem Krankenhaus gelandet wäre, in dem es einen Neurochirurgen gibt, eine Kinder-Intensivstation. Wenn der Chefarzt nicht so lange bis in die Klinik gebraucht hätte. Und immer wieder stellt Kathrin Gerlach sich auch die quälendste aller Fragen: Könnte mein Sohn noch leben, hätte ich ihn nicht fallen lassen?

Alle Kritikpunkte werden bestätigt und das Verfahren eingestellt

Am 1. September 2016 schreibt Thomas Lieb eine Nachricht von vielen. Es ist eine Nachricht an Anton. Als sie Anton beerdigt haben, hat er ihm dessen iPad mit ins Grab gelegt. Das ist seine Verbindung zu seinem toten Sohn.

Thomas Lieb tippt: „Wir waren heute beim Anwalt. Ich habe ihm nach einer Stunde die Gewissensfrage gestellt, ob er einen Sinn hinter dem erkennt, was wir da anstoßen. Er hat sehr überzeugend ,ja, natürlich‘ gesagt. Ich brauchte diese Antwort für meine Motivation. Natürlich bin ich sicher, erfahren zu wollen, was schiefgelaufen ist, wo versagt wurde, was die Konsequenzen des Versagens genau für Dich bedeutet haben. In mir bleibt die Sorge, dass wir am Ende ,mit leeren Händen‘ dastehen. Ohne Antworten. Wer weiß. Wir versuchen es.“

Thomas Lieb und Kathrin Gerlach erstatten Strafanzeige gegen die behandelnden Ärzte und Schwestern der Kinderklinik Leisnig wegen vermuteter Behandlungsfehler. Die Staatsanwaltschaft gibt ein Gutachten in Auftrag. Monate vergehen. Ein Jahr.

Im März dieses Jahres bekommen die Eltern Post von der Staatsanwaltschaft.

Thomas Lieb schreibt an Anton: „Heute kam der Brief, er traf mich unerwartet, ließ mich kurz erschrecken. (…) In der Wohnung machte ich erst Deine Kerze an, schrieb ein paar SMS, überlegte, woher ich noch Zigaretten bekommen würde. Dann las ich ihn. Und: verstand erst mal gar nichts. Bis ich begriff, dass die gutachtende Ärztin uns in so ziemlich allen Kritikpunkten bestätigte. Dass Du, hätten wir Dich nach Leipzig gebracht, heute mit hoher Wahrscheinlichkeit noch leben würdest.“

Die Staatsanwaltschaft schreibt, dass Anton mit seiner schweren neurologischen Grundschädigung in jedem Fall einer intensivmedizinischen Betreuung bedurft hätte und dass ein Kind auch ohne die vorliegende Grunderkrankung mit einer epiduralen Blutung nicht in einem Krankenhaus ohne neurochirurgische und kinderintensivmedizinische Kompetenz hätte bleiben dürfen.

Dass die Behandlung im Helios-Klinikum Leisnig unzureichend gewesen sei.

Dass die Befunderhebung und Dokumentation unzureichend gewesen seien.

Dass die Befundinterpretation falsch gewesen sei.

Dass die Überwachungsmaßnahmen unzureichend gewesen seien.

Und dass die pflegerische und ärztliche Kompetenz zur Behandlung eines solchen Falles nicht vorhanden gewesen sei.

Trotzdem steht am Ende des Briefes: „Die Ermittlungen werden eingestellt.“ Die Begründung: Antons Tod sei nur „mit hoher Wahrscheinlichkeit vermeidbar“ gewesen.

Hohe Wahrscheinlichkeit – das reicht für eine strafrechtliche Verfolgung nicht aus. Antons Tod hätte, um eine Anklage zu begründen, mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ vermeidbar gewesen sein müssen. So der Fachausdruck.

Thomas Lieb schreibt an Anton: „Mit ein paar Stunden Abstand und ein paar Antworten mehr bin ich mir sicher: Wir können das nicht einfach so stehen lassen.“

„Mir liegt es fern, jemanden bestrafen zu wollen."

Die ärztliche Gutachterin, auf die sich die Staatsanwaltschaft stützt, sagt im Gespräch mit der ZEIT, es gebe in der Medizin keine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit. Und noch etwas sagt sie: Dass sie ihr Gutachten auch deshalb so scharf formuliert habe, weil sich etwas ändern müsse. Sie sagt, dass es zu viele kleine Krankenhäuser gebe, die Fälle behandeln, die sie nicht behandeln sollten.

Spricht man mit Antons Kinderarzt aus Döbeln, sagt er, dass er nur harmlose Fälle in eine der fünf Kinderkliniken rund um Döbeln schickt. Ein einfacher Bruch, ein Kind ist dehydriert – solche Dinge. Alle anderen Fälle schickt er nach Leipzig, Dresden, Chemnitz. In die großen Krankenhäuser. Dort, wo eine Kinderklinik mehr als nur 20 oder 30 Betten hat.

Der Chefarzt, der Anton betreute, äußert sich gegenüber der ZEIT nicht. Stattdessen meldet sich die Klinik und äußert stellvertretend für die behandelnden Kollegen ihr „tiefstes Mitgefühl“ und verweist darauf, dass man von Anfang an eng mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet habe. Man wolle sich zu weiteren Details nicht äußern. Es laufe noch ein Verfahren.

Vor wenigen Tagen haben Antons Eltern eine Zivilklage gegen das Krankenhaus Leisnig eingereicht. Sie sagen, es gehe nicht um Schuld. Sondern darum, dass so etwas nicht wieder geschieht.

Thomas Lieb schreibt an Anton: „Mir liegt es fern, jemanden bestrafen zu wollen. Es würde rein gar nichts ändern. Aber unausgesprochen, unreflektiert darf das nicht bleiben (…). Wenn alles einen Sinn haben soll, dann schaust Du oben zu. Ich wünschte, es wäre so.“

*Unsere Autorin schreibt für die Wochenzeitung „Die ZEIT“, in der dieser Text zuerst erschien. Mit freundlicher Genehmigung wurde er für die DNN gekürzt.

Von Nadine Ahr*

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