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Mitteldeutschland Anti-Rassismus-Konzert mobilisiert 65.000 - die Probleme von Chemnitz bleiben
Region Mitteldeutschland Anti-Rassismus-Konzert mobilisiert 65.000 - die Probleme von Chemnitz bleiben
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23:27 03.09.2018
65.000 Menschen sind laut der Stadt Chemnitz zum Konzert von Die Toten Hosen, Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet & Co. unte rdem Motto "Wirsindmehr" gekommen. Quelle: Dirk Knofe
Chemnitz

Plötzlich ist alles ganz anders in Chemnitz: Attraktive, gut gekleidete junge Menschen in unterschiedlichen Hautfarben lächeln glücklich auf der Straße der Nationen jedem entgegen, der in Richtung Neumarkt will. Von Wut und Hass keine Spur. Doch es ist nur die Schaufensterwerbung des Modegeschäftes H&M im Einkaufszentrum. Die Realität sieht anders aus.

Irina (24) und Sergej (25), die in Freiberg studieren und eigentlich aus Omsk stammen, kommen diesem Idealbild aber zumindest nah. „Das Konzert wird ober-affen-geil“, müht sich Sergej stolz und schielt zu Irina, deren Schwangerschaft unübersehbar ist. „Es wird ein Junge“, ist sie sich sicher, obwohl erst im vierten Monat. „Und heute geht er auf sein erstes Konzert!“ Wladimir soll der Junge heißen, falls es denn einer wird. Man will gar nicht fragen, warum ...

Zum Nachlesen

Alle Ereignisse des Abends zum Nachlesen im Liveticker

Nur fotografieren lässt sich Irina nicht. Das brächte Unglück während der Schwangerschaft, meinte ihre Großmutter. Immerhin: „Wir sind mehr“ - das Motto des Großkonzerts habe für sie beide nun plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Von der ahnen die Veranstalter des Festivals verständlicherweise wenig. Mit ihnen sind Mitglieder der auftretenden Bands in die Stadthalle gekommen, um die Fragen der Journalisten zu beantworten.

Geschichte schreiben

Marteria erklärt, man werde heute wohl auch einen „Teil Musikgeschichte“ schreiben und Monchi von Feine Sahne Fischfilet hofft auf ein „geschichtsträchtiges Ereignis“. Trotzig sagt er: „Ich würde mich schämen, heute nicht dabei zu sein.“ Dass der Tod von Daniel H. Massen auf die Straße gebracht hat, bezeichnet er als „schlechten Witz“. Der rechte Mob habe nur auf so eine Gelegenheit gewartet.

Dagegen lässt Campino aus Düsseldorf, der Partnerstadt von Chemnitz, einen Blick auf sein Innenleben zu und erzählt, dass man schon ein dickes Fell haben müsse, wenn man sich als Band gegen Rechtsextremismus engagiere. „Regierungskapelle von Frau Merkel“ sei noch einer der harmlosen Begriffe. Der Alltag sehe krasser aus. Grinsend sagt Campino: „Wir haben uns gefreut, dass wir als alte Cowboys kurz vor der Rente noch gefragt wurden, ob wir mitkommen.“

Chemnitz sieht am Montag anders aus als in den Tagen zuvor. Gruppen von Kids und Jugendlichen mit T-Shirts, auf denen „Kein Mensch ist illegal“ steht, beherrschen das Stadtbild. Nur der Mann mit dem Hund vor dem Blumen-Gedenkort für Daniel H., blafft in Richtung eines einzelnen Kameramanns „Lügenpresse“. Sonst erinnert kaum noch etwas daran, was in den vergangenen Tagen in Chemnitz geschehen ist. Auch die geplante Demonstration von Thügida muss ausfallen. Beim Bäcker an der Ecke sucht Ronny (31) aus Mittweida verzweifelt nach einer Gegendemonstration und räumt schließlich ein, sich im Tag geirrt zu haben.

„Hass ist krass, Liebe ist krasser“

Am frühen Abend beginnt auf dem Gelände an der Johanniskirche das große Rockkonzert mit einer Schweigeminute. Es ist warm geworden, beinahe schwül. Auf der Bühne werden die erwähnten Punkrocker Tote Hosen und Feine Sahne Fischfilet, die Rapper von K.I.Z., die Chemnitzer Kraftklub sowie Marteria & Casper, Nura (SXTN) und Trettmann erwartet. Sie alle treten kostenlos auf. Der Jubel ist groß, die Masse rasch aus dem Häuschen.

Transparente „Hass ist krass, Liebe ist krasser“ und „Unser Schlachtruf heißt retten“ werden hochgehalten. Die Veranstalter rufen: „Wir geben keinen Platz hier für Menschenjagden, wir geben keinen Platz für Rassismus. Wir sind mehr!“ und die Menge skandiert „Nazis raus“. Bevor die Schweigeminute für Daniel H. beginnt, mault ein schwarz gekleideter Chemnitzer mit blonden Stoppelschnitt: „Was soll‘n das. Das war ein Kanake.“ Eine Frau zieht ihn rasch zurück.

Während dessen werden die Fans von Spendensammlern um Geld gebeten, dass zur Hälfte an die Familie des Opfers und zur Hälfte an Organisationen gehen soll, die sich um Opfer von Rassismus kümmern. Den gebe es nicht nur in Chemnitz, sagt die Sozialarbeiterin Rola Saleh (40) und fügt hinzu: „Ich hoffe, dass die Politiker einen Plan haben, wie man dagegen vorgehen kann.“ Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) und seiner Regierung wird das jedenfalls nicht zugetraut und auch nicht der sächsischen Polizei, wie verschiedene Redner aus der linken Szene wissen lassen. Das Bündnis "Chemnitz Nazifrei" habe keinerlei Unterstützung von der Stadt erhalten.

Trettmann eröffnet musikalisch

Nach der Schweigeminute für den getöteten 35-Jährigen startet Trettmann musikalisch - passend mit „Grauer Beton“. Da heißt es: „Seelenschleicher schleichen um den Block und machen Geschäfte mit der Hoffnung.“ Dann singen Feine Sahne Fischfilet: „Wir sind zurück in unserer Stadt. Mit zwei Promille durch die Innenstadt. Und scheißen vor eure Burschenschaft.“ Die Band hatte angekündigt, es „dem Rassistenmob“ zu zeigen. Diese Kategorisierung stieß allerdings bei vielen Chemnitzern, die sich Sorgen um ihre Stadt machen und nicht in die rechte politische Ecke verorten lassen wollen, auf Empörung.

Die Rapper von K.I.Z. singen dann über den „Urlaub fürs Gehirn“, bevor die Chemnitzer Band Kraftklub zum Heimspiel antritt. „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, Original Ostler.“ Die Toten Hosen sorgen schließlich für Begeisterung - nicht nur mit Songs wie "Sascha" und "You'll never walk alone", sondern auch durch ihre prominente Unterstützung: Für den Ärzte-Klassiker "Schrei nach Liebe" kommen zu Campino & Co. auch Rodrigo Rod Gonzales von den Ärzten und Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks auf die Bühne - das gesamte Publikum singt mit ihnen die Textzeilen, bis in die allerletzte Reihe.

Die Veranstalter hofften nach eigenen Abgaben auf 20.000 Teilnehmer. Laut der Stadt Chemnitz waren es am Ende mehr als 65.000. Auch die Chefin der Linkspartei, Katja Kipping, ist darunter. Die Stimmung ist ausgelassen, aber nicht aggressiv. Ricke (17) und Olli (19) aus Chemnitz-Glösa finden das „einfach nur mega“.

Es geht weiter

Dabei hatte es im Vorfeld Wirbel um Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gegeben, weil der für das Konzert auf seiner Facebook-Seite warb. Die Kritik zielte auf Feine Sahne Fischfilet, deren Texten gelegentlich der Boden des Grundgesetzes unter den Füßen wegrutscht. Es sei krass zu sehen, „wie Medien auf solche Scheißgeschichten aufspringen“, empört sich Monchi und umschifft damit nur knapp den Begriff „Lügenpresse“. Er gebe jedenfalls „einen Fick drauf“.

Bis zum Abend blieb es weitgehend friedlich. Ob all das in der Stadt Chemnitz etwas grundlegend verändern wird, darf bezweifelt werden. Am Hochhaus schräg gegenüber mahnt noch immer ein Plakat: „Die Würde des Menschen ist antastbar.“ Am Freitag geht es aber weiter: Die Theater Chemnitz laden zu einem Gratis-Konzert auf den Theaterplatz ein.

„Es ist klar, dass man mit einem Konzert nicht die Welt rettet. Aber es hilft, dass man nicht allein gelassen wird“, sagt Felix von Kraftklub trotzig. Als Chemnitzer muss er es wissen.

Roland Herold

Zehntausende Besucher sind nach Chemnitz gekommen, um Flagge gegen Rechts zu zeigen. Nach einer Schweigeminute für den getöteten 35-Jährigen begann Trettmann, die anderen Acts legten musikalisch nach. LVZ.de berichtet im Liveticker.

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