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Ärzte-Engpass: Jetzt soll Patienten-App helfen

Krankheitsmanagement Ärzte-Engpass: Jetzt soll Patienten-App helfen

Über fünf Millionen Menschen in Deutschland erkranken jährlich an Depressionen. Oft müssen sie lange auf medizinischen Beistand warten. In Leipzig wird daher an einem Projekt geforscht, um per Smartphone-App Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Ulrich Hegerl, Chef der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uni-Klinikum, erklärt, wie das gehen soll.

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Ulrich Hegerl (64) ist Chef der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Leipzig. 

Quelle: Uniklinik Leipzig

Leipzig . Über fünf Millionen Menschen in Deutschland erkranken jährlich an Depressionen. Oft müssen sie lange auf medizinischen Beistand warten. In Leipzig wird daher an einem Projekt geforscht, um per Smartphone-App Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Ulrich Hegerl, Chef der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uni-Klinikum, erklärt, wie das gehen soll.

Die Versorgungssituation für Menschen mit Depressionen auch in Sachsen ist sehr angespannt. Wie gehen Sie damit um?

Der Engpass ist dramatisch. Es gibt zwar nicht mehr Menschen mit Depressionen, doch es gibt immer mehr Patienten, die Mut fassen und sich Hilfe holen wollen. Auch die Ärzte erkennen Depressionen immer besser. Andererseits gibt es aber nicht mehr Ärzte, Psychiater oder Psychologische Psychotherapeuten. Trotzdem muss alles getan werden, um Hilfe anzubieten. Die Stärkung des Selbstmanagements ist ein Baustein dabei. Eigentlich bräuchten wir mehr Psychiater und Psychotherapeuten.

Mit Professor Galina Ivanova vom Institut für Angewandte Informatik der Uni Leipzig sind Sie federführend bei dem neuen Projekt STEADY. Worum geht es dabei?

Das ist ein ganz aufregendes Projekt. STEADY steht für Sensorbasiertes System zur Therapieunterstützung und Management von Depressionen und wurde im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. Bis Ende 2019 soll eine digitale Lösung erarbeitet werden, um depressiv veranlagten Patienten ein besseres Selbstmanagement ihrer Krankheit zu ermöglichen. Dafür werden bei zunächst 20 Patienten Daten gemessen und erfasst.

Gibt es schon erste Ergebnisse?

Nein, dafür ist es noch zu früh. Jetzt geht es erst einmal um Praktikabilität und die Lösung technischer Probleme bei Sammeln der Daten, später kommen dann Fragen der Nutzung dieser Daten durch den Patienten hinzu. Andere Menschen bemerken an Mimik, Stimme, Verhalten oft eher, wenn sich eine Depression bessert, als der Patient selbst. Auch ein Gerät kann diese Veränderungen registrieren und erkennen, ob es aufwärts geht oder eine Verschlechterung droht. Die Messwerte können deshalb für den Patienten wichtige Informationen liefern, die er nutzen kann, um mit der Erkrankung besser umzugehen.

Welche Daten werden erfasst?

Einerseits gesundheitsrelevante Daten wie Herzfrequenz, Schlafdauer, Stimmlage, Schrittfrequenz und -geschwindigkeit, andererseits aber auch beispielsweise die Nutzung des Handys selbst.

Was hat der Patient davon?

Bisher werden all die unzähligen Daten, die Patienten bereits jetzt mit ihrem Smartphone oder Fitnessarmband generieren, noch nicht systematisch und über lange Zeit gesammelt und so zusammengeführt, dass der Patient sie für sein Selbstmanagement nutzen kann. Durch Abbildungen kann der Verlauf seiner Herzfrequenz oder seines Schlafes übersichtlich dokumentiert werden und im nächsten Schritt untersucht werden, wie diese mit der Stimmung zusammenhängen. Weiter kann dann nach Kombinationen von bestimmten Messwerten gesucht werden, die zum Beispiel einer Verbesserung oder Verschlechterung der Stimmung vorausgehen und diese Stimmungsänderungen vielleicht sogar verursachen, das heißt, es kann nach tiefer liegenden Zusammenhängen gesucht werden.

Zum Beispiel?

Es gibt mittlerweile immer mehr lernfähige Algorithmen, um aus Daten, wie sie das Smartphone oder Fitnessarmbänder liefern, relevante Informationen zu ziehen. Verschlechtert sich beispielsweise bei frühem Ins-Bett-gehen und wenig Sport in den folgenden Tagen die Stimmung, dann kann man prüfen, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt und daraus Konsequenzen ableiten.

Das lässt sich aber nicht verallgemeinern?

Nein, das ist personalisierte Medizin. Wir suchen bei jedem einzelnen Patienten nach solchen Zusammenhängen. Die Daten werden dabei um so wertvoller, je länger man sie sammelt, da man so im Verlauf Zusammenhänge auch überprüfen kann.

Dieses Datensammeln ist jedoch ein sensibles Thema?

Der Patient ist Produzent und Eigner dieser Informationen. Auch das Produkt, das am Ende herauskommen soll, soll dem Patienten gehören. Er kann die gesammelten Daten mit dem Arzt oder einer Forschungseinrichtung teilen, muss es aber nicht.

Wenn er eine fundierte Diagnose haben will, aber letztendlich ja doch?

Für eine Interpretation von Messwerten wie die der Herzaktivität oder des Schlafes oder für tiefer gehende Analysen kann es sinnvoll sein, mit dem Fachmann zu sprechen. Natürlich hilft es auch dem Arzt, wenn er anhand von Daten über mehrere Jahre hinweg sehen kann, wie sich beispielsweise das Schlafverhalten verändert hat. Oft weiß es der Patient ja selbst nicht mehr, wie dieser vor einigen Monaten gewesen ist.

Heißt das, der Patient von morgen läuft vollverkabelt durch die Welt?

Nein, es reichen Smartphone, Smartwatch oder ein Fitnesstracker, der beispielsweise Bewegung, Herzrate, Stimme oder auch Luftdruck und Licht misst und auch die Erfassung der Intensität und Art der Smartphonenutzung selbst. Damit kommt man schon ziemlich weit.

Mit diesem Thema beschäftigen Sie sich schon geraume Weile?

Es passt zu einem anderen Schwerpunkt der Stiftung Depressionshilfe: Wie man mit digitalen Angeboten Patienten helfen kann. An einer Studie zu einer Schlaf-App beispielsweise haben bisher 150 Personen teilgenommen. Konkrete Ergebnisse erwarten wir 2018. Außerdem gibt es das iFightDepression-Tool – das Online-Therapieprogramm für Menschen mit leichten Depressionen. Das unterstützt Patienten beim Selbstmanagement. Dort gibt es gewisse Parallelen. Gegenwärtig haben 74 Ärzte sich für das Programm zertifiziert und 535 Patienten teilgenommen. Es ist kostenfrei für Praxen und Patienten und seit Oktober 2016 verfügbar.

Was lernt man beim iFightDepression-Tool?

Tagesstrukturierung beispielsweise. Oder, dass man Entspannung und Erfreulichem neben den ganzen Pflichten Raum lassen muss. Den Umgang mit negativen Gedanken und wie Schlaf und Stimmung zusammenhängen. Das Ganze muss aber vom Arzt, vom Psychotherapeuten oder vom Psychiater begleitet werden, da es nur eine Ergänzung und kein Ersatz einer regulären Behandlung ist.

Könnte dies letztendlich auch die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern?

Auf jeden Fall. Hausärzte auf dem Land können das jetzt schon kostenfrei ihren Patienten anbieten. Allerdings müssen sie sich zuvor über ein Onlinetraining mit dem iFightDepression-Tool vertraut machen, damit sie den Patienten bei der Nutzung begleiten können, d.h. beim nächsten Termin nachfragen, ob der Patient damit gut zurechtkommt und alles verstanden hat.

Am 26. und 27. August findet der 4. Deutsche Patientenkongress Depression in Leipzig statt, bei dem es auch um digitale Unterstützung geht. Kommt der Entertainer Harald Schmidt wieder?

Ja, er kommt. Er ist ja Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Und er unterbricht dafür sogar extra seinen Urlaub. Das ist nicht selbstverständlich. An den zwei Tagen gibt es dann auch Workshops für Patienten, die sich für digitale Hilfen und viele andere Aspekte rund um die Depression interessieren. Denn es ist ja ein Kongress für die Betroffenen und nicht für die Fachleute.

Interview: Roland Herold

www.deutsche-depressionshilfe.de

Von R. Herold

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