Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
20 Jahre nach Einführung des Religionsunterrichts in Sachsen noch immer löchrige Grundversorgung

20 Jahre nach Einführung des Religionsunterrichts in Sachsen noch immer löchrige Grundversorgung

20 Jahre nach seiner Einführung hat sich der Religionsunterricht vor allem an Sachsens Gymnasien und Grundschulen etabliert. Doch die vorgeschriebenen zwei Wochenstunden dafür sind noch immer nicht flächendeckend eingeführt.

Absolventen: Lehramtsanwärter mit zweiter Staatsprüfung 2009 im Fach Evangelische Religion 35, Katholische Religion fünf, im Fach Ethik 79 (Quelle: Statistisches Landesamt)

Studenten: an der TU Dresden 22 Lehramt Ethik; neun Evangelische Religion; zehn Katholische Religion; an der Universität Leipzig 28 Ethik; 24 Evangelische Religion; keiner Katholische Religion (Quelle: Statistisches Landesamt)

Lehrkräfte: Evangelische Religion 404 staatliche Lehrer und Referendare, Katholische Religion 89; Evangelische Religion 649 kirchliche Lehrkräfte, Katholische Religion 129; davon jeweils rund ein Drittel Pfarrer (Angaben Kultusministerium)

Eingestellte Lehrer: 2010 Ethik 36; Evangelische Religion 20; Katholische Religion drei

Gesetz: Sachsen einziges ostdeutsches Bundesland, in dem Religionsunterricht in Verfassung verankert; Ethik sowie Evangelische und Katholische Religion sind Wahlpflichtfächer, ausgewiesen mit je zwei Wochenstunden

Treffen: Jahrestagung katholischer Religionslehrer mit Referat und Workshops am 5. November, Evangelische Jugendbildungsstätte "Weißer Hirsch" in Dresden, Thema "Fremde Heimat Kirche"; evangelische Religionslehrer am 9. November beim Sächsischen Religionslehrertag auf dem Campus der Universität in Leipzig; angekündigt ist Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (parteilos); Thema "Wurzeln und Flügel - Religionsunterricht und Lebensorientierung"

Zu dieser Einschätzung kommt Gabriele Mendt, Bildungsreferentin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens. An einigen Stellen sieht sie sogar die Gefahr, dass sich Erreichtes zurückentwickeln könnte. "Vereinzelt gibt es wieder Schulen, in denen kein Religionsunterricht angeboten wird", sagt sie. In Berufsbildenden Schulen erhielten nur etwa drei Prozent der Schüler Religionsunterricht.

An den allgemeinbildenden Schulen würden Lerngruppen teilweise jahrgangsübergreifend oder aus mehreren Klassen mit 28 Schülern und mehr gebildet und in die Randstunden gedrängt. "Wie sollen so der Lehrplan erfüllt und die Schüler auf die Prüfung vorbereitet werden?", kritisiert die Bildungsreferentin.

Im Schnitt besuchen 17 Prozent der sächsischen Schüler evangelischen, drei Prozent katholischen Religionsunterricht, wie Kultusministeriumssprecherin Susann Meerheim sagt. 80 Prozent entscheiden sich für das Fach Ethik.

Dafür, dass Religion an einer Schule nicht unterrichtet wird, nennt die Sprecherin mehrere Gründe. Mitunter kämen nicht genügend Schüler zusammen. Mindestens acht müssen es für eine Unterrichtsgruppe sein. Hier spiegele sich die Minderheitensituation der Kirchen wider. Besonders an einigen berufsbildenden Schulen fehle es zudem an Fachlehrern. Die würden benötigt, um den Unterricht an den allgemeinbildenden Schulen, vor allem an den Gymnasien zu sichern.

Etwas mehr als 400 staatliche Lehrer und Referendare erteilen evangelische, fast 90 katholische Religion. Die Mehrheit der Lehrkräfte indes sind bei den Kirchen angestellt: fast 650 bei evangelischer, rund 130 bei katholischer Religion. Etwa ein Drittel davon sind Pfarrer. Nach Zuwächsen sieht es gegenwärtig nicht aus. Gleichwohl versichert die Sprecherin, das Kultusministerium sei bestrebt, "trotz der auch bei den Fächern Evangelische Religion und Katholische Religion schwieriger werdenden Personalsituation gemeinsam mit den Kirchen den Religionsunterricht zufriedenstellend abzusichern".

Roland Biewald, als Professor am Institut für Evangelische Theologie der TU Dresden Ausbilder für Religionslehrer, sieht noch einen weiteren Grund für die großen Lücken beim Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen: Mangel an politischem Willen. Vor zwei Jahren habe die evangelische Landeskirche eine Initiative entwickelt, Gemeindepädagogen und Jugendwarte als kirchliche Lehrkräfte für diesen Bereich zu qualifizieren. Bislang jedoch sei es bei der Konzeption auf dem Papier geblieben. "Hier würde ich mir noch einmal einen deutlichen Impuls wünschen", sagt er.

Was die Religionslehrerstudenten betrifft, so sei deren Zahl seit Einführung der Bachelor-Master-Studiengänge gesunken, so Professor Biewald. "In diesem Semester, nach Einführung der durchgängigen Studiengänge mit Staatsprüfung, verzeichnen wir wieder einen Anstieg der Studierendenzahlen." Das "Bildungspaket" der Regierung habe Verbesserungen gebracht, so sei die Grundschullehrerausbildung an der TU Dresden wieder aufgebaut worden. Dies werde die Ausbildung von Religionslehrern in Dresden wie in Leipzig verbessern, meint er.

Bislang jedenfalls sehe es mit Stellen für die Absolventen eher schlecht aus, sagt Bildungsreferentin Gabriele Mendt. "Gut ausgebildete Lehramtsanwärter wandern in die alten Bundesländer ab, weil sie in Sachsen keine Anstellung erhalten, oder andere Bundesländer schneller sind bei der Vorbereitung von Dienstverträgen." Aushilfe durch kirchliche Angestellte hält sie nicht gerade für die ideale Lösung. Denn für die bedeute dies nicht selten Überbelastung: "Vormittags Schule, nachmittags und am Abend Veranstaltungen in den Gemeinden, dazu Dienste am Wochenende und in den Ferien". Manche fühlten sich ständig hin- und hergezerrt zwischen den Ansprüchen ihrer unterschiedlichen Dienststellen. "Einige arbeitgebende Kirchgemeinden haben immer noch wenig Verständnis für den Bereich Schule."

Als ein Zeichen für die zunehmende Attraktivität des Religionsunterrichts vermerkt Gabriele Mendt die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Schüler keiner Kirche angehören. Religionsunterricht sei keine evangelistisch-missionarische Aktion, sondern Teil schulischer Bildung, betont sie. Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.11.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mitteldeutschland
  • Digital Abo

    "DNN Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, das Sie überall und rund um die Uhr nutzen können -... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr