Startseite DNN
Volltextsuche über das Angebot:

Google+
Wie ein Dresdner mit einer ganz besonderen Allergie umgeht

Fit&Gesund Wie ein Dresdner mit einer ganz besonderen Allergie umgeht

Reimar Unger musste viel Geduld haben, bevor klar war, woran er leidet. Inzwischen hat der Dresdner den Umgang mit einer speziellen Form der Weizenallergie in den Griff bekommen.

Voriger Artikel
„Bewegung ist für mich Lebensqualität“ – Heike Drechsler im Interview
Nächster Artikel
Die Suche nach den Ursachen einer Allergie ist für Experten in Dresden wie „Detektivarbeit“

Reimar Unger
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  „Sie müssen erstmal ein Müsli finden, in dem kein Gluten drin ist und Nüsse auch nicht.“ Als Allergiker hat Reimar Unger allerlei Probleme im Alltag. Inzwischen weiß der 37-Jährige wenigstens, woran es liegt. Lange waren die Unklarheiten groß, und die Schwierigkeiten waren es bisweilen auch.

Im Sommer 2009 ist er mit seiner Familie im Urlaub an der Ostsee. Bei einem Bäcker haben sich die Ungers ein schönes Frühstück gegönnt – dann ging es los.

Dem Familienvater wird unwohl, warm, der Körper scheint anzuschwellen, richtig einordnen kann er nicht, was da mit ihm passiert. „Ich habe zunächst gedacht, ich muss vielleicht mal kalt duschen, dann wird es schon wieder.“ Doch soweit kommt er gar nicht mehr. Auf halbem Weg schafft er es gerade noch bis zur Rezeption eines Hotels: „Können Sie bitte einen Krankenwagen rufen?“

Reimar Unger hat einen allergischen Schock, kommt in eine Rostocker Klinik und erhält Cortison. „Wir wussten erstmal nicht, was es ist, Nüsse vielleicht.“

Schon als Kind hatte er gelegentlich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, er auf Pollen reagiert, zu bestimmten Blütezeiten seine Nase verstopft ist. „Ich war dann manchmal richtig zugequollen, in der Schulzeit wurde dann eine Hyposensibilisierung gemacht.“ Vorfälle wie an der Ostsee hatte es aber zuvor noch nie gegeben. Zurück in der Heimat geht Reimar Unger ins Friedrichstädter Krankenhaus. Dort gehören die Allergie-Probleme zum Hautarztbereich. In der Klinik für Dermatologie und Allergologie kommt er zu Doktor André Koch.

„Damals war noch sehr viel unklar“, erzählt der Leitende Oberarzt und Leiter des Allergielabors heute. Die Forschung wird erst Jahre später die Diagnose der tatsächlichen Krankheit ermöglichen. 2010 bekommt Unger wieder eine Hyposensibilisierung für Pollen. Die Allergie-Impfung könnte auch die Lebensmittelprobleme lösen, weil es sich da häufig um Kreuzallergien handelt.

Der Patient erhält ein Gegenmittel für Notfälle. Weil sein Blutdruck dabei ins Bodenlose fiel, hat er seither auch einen Auto-Injektor dabei, um sich ein Kreislaufmittel spritzen zu können. Er denkt weiter, es könnte von Nüssen kommen und verordnet sich eine strenge Nuss-Diät.

Trotzdem kommt es wieder zu einer massiven Attacke. Es beginnt mit Quaddeln, an den Handgelenken und Armen kann er es sehen. Andere konnten es bei ihm im Gesicht beobachten.

Beim Schuhkauf für seine Tochter isst er Pizza. Auf dem Weg zwischen den Geschäften ruft er den Notarzt, im Krankenwagen geht es richtig los. Ein anderes Mal wird ihm wieder nach der Pizza unwohl, er will es noch zum Hausarzt schaffen und sackt zusammen. „Das fühlt sich an wie kurz vor einer Ohnmacht. Da kamen dann Leute vorbei, die meinten, da liege wieder ein Besoffener.“ Unger muss wieder mit dem Krankenwagen in die Klinik. Daraufhin werden nochmals Test gemacht.

2014 wird endlich klar: Es handelt sich um eine spezielle Form der Weizenallergie, die „weizenabhängige anstrengungsinduzierte Anaphylaxie“ - abgekürzt WDEIA nach dem englischen „Wheat Dependent Excercise Induced Anaphylaxis“. In Ungers Blut werden Antikörper gefunden gegen das Protein Omega-5-Gliadin. Es ist Bestandteil der Gluten-Fraktion. Die Klebeeiweiße sind wichtig fürs Brotbacken, der Mensch kann darunter aber mächtig leiden. Bei WDEIA kommt hinzu, dass die allergische Reaktion durch die Kombination mit körperlicher Anstrengung auf Hochtouren läuft. „Ich weiß jetzt, wenn es soweit ist: am besten nicht mehr bewegen, einfach still sitzen bleiben, jede Anstrengung ist aussichtslos.“ Zwei Stunden nach dem Essen sollte er sich nicht besonders anstrengen.

Seit 2009 trinkt Unger keine Alkohol mehr, weil der allgemein Allergie-Probleme verstärken kann. „Da gibt es auch manchmal Akzeptanzprobleme, wenn ich irgendwo sage, ich trinke nichts.“ Ihm bereitet der Verzicht keine Schwierigkeiten. Zum Frühstück hat er nach längerer Suche ein passendes Müsli gefunden. Am Wochenende ist auch mal ein Brötchen drin, wenn er sich danach nicht anstrengt. Beim Sport hält er sich immer schon zurück, die Wanderungen mit den drei, sieben und zehn Jahre alten Kindern sind auch noch nicht besonders lang. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden in der Fakultät Maschinenwesen geht er in die Bio-Mensa essen. „Das geht alles, wenn ich danach keinen Dauerlauf mache. Ich lasse mich nicht mehr hetzen.“

Von Ingolf Pleil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fit & Gesund Dresden
  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr