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Die Suche nach den Ursachen einer Allergie ist für Experten in Dresden wie „Detektivarbeit“

Fit&Gesund Die Suche nach den Ursachen einer Allergie ist für Experten in Dresden wie „Detektivarbeit“

Häufig lässt sich nur schwer erkennen, wodurch eine Allergie ausgelöst wird. Im Interview erklärt Dr. med. André Koch, Leitender Oberarzt in der Klinik für Dermatologie und Allergologie, Städtisches Klinikum Dresden, Standort Friedrichstadt, worauf es dabei ankommt.

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Dr. André Koch spritzt dem Patienten Wolfgang Meier Wespengift für eine Hyposensibilisierung gegen Insektengifte.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  
 

Herr Doktor, was sollten Menschen tun, die bei sich eine Allergie vermuten?

Prinzipiell soll der Hausarzt der erste Ansprechpartner sein. Dieser leitet dann gegebenenfalls an die Fachkollegen weiter, die bei der allergologischen Versorgung in Deutschland verteilt sind auf Dermatologen, HNO-Ärzte, Internisten oder Kinderärzte. Es gibt ja keinen Facharzt für Allergologie.

Gibt es die klassischen Zeichen, die auf eine Allergie hindeuten?

Das kommt ja darauf an, worum es sich handelt. Wenn es eine aerogen bedingte Allergie ist, also Übertragung der Allergene durch die Luft, dann sind die Schleimhäute von Nase oder Lunge oder auch die Augen betroffen, bei Kontakt-Allergien ist es eher die Haut, die mit Juckreiz oder Reizungen reagiert. Dieses Befallsmuster lenkt dann auch zum entsprechenden Facharzt.

Wann kommen Sie ins Spiel?

Wir sind eine Spezialabteilung im Krankenhaus. Wir befassen uns mit Fällen, die im ambulanten Bereich nicht eindeutig abgeklärt werden können, bei denen uns dann der niedergelassene Hautarzt um Hilfe bittet. Wenn man mit schwerwiegenden Verläufen rechnen muss, sollte die nötige Notfallbehandlung im Hintergrund bereitstehen. Das ist hier im Krankenhaus leichter zu realisieren.

Hilfe & Notfall

 Die Arztsuche ist über das Portal der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen möglich. Sie ist zu finden im Internet unter http://www.kvs-sachsen.de/arztsuche/ Einfach bei Zusatzbezeichnung „Allergologie“ eingeben und über Ort bzw. Postleitzahl + Umkreis eingrenzen. Die Auswahl weist bei einem Radius von 10 Kilometern 42 Ärzte in Dresden, Freital und Radebeul aus, die aus Fachrichtungen wie Innere Medizin, Haut- und Geschlechtskrankheiten oder Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) kommen und die Zusatzbezeichnung Allergologie tragen.

 Wenn jemand eine schnelle Beratung braucht, wenn es um den Auslöser einer Allergie (Vergiftung) geht:, dann kann auch ein Anruf beim Gemeinsamen Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen helfen: Helios Klinikum Erfurt, Nordhäuser Straße 74, 99089 Erfurt, Telefonnummer (03 61) 730 730, Internet: http://www.ggiz-erfurt.de

Welche Allergie-Formen behandeln sie?

Alles, was mit der Haut und Allergien zu tun hat, wie Kontakt-Allergien aber auch Insektengiftallergien und Lebensmittelunverträglichkeiten oder Heuschnupfen. Mit Asthma-Problemen würde sich jedoch eher ein Pulmologe, der Lungenfacharzt, befassen. Auch spezielle HNO-Fälle würden von den Spezialisten betreut.

Wenn ein Patient bei Ihnen landet, was geschieht dann?

Das Wichtigste ist immer die Anamnese, die Ermittlung der Krankengeschichte. Das ist das A und O und nimmt auch die meiste Zeit in Anspruch. Da können wir uns hier in einer Spezialabteilung schon ein bisschen mehr mit dem Patienten befassen, als das in einer Praxis möglich ist. Dafür sind wir ja da. Das ist teilweise wirklich Detektivarbeit, zu ermitteln, unter welchen Bedingungen welche Erscheinungen auftreten. Nach der Befragung ergeben sich die Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen, mit denen dann geklärt werden kann, ob eine Allergie vorliegt oder eine andere Erkrankung.

Was passiert dabei mit dem Patienten?

Bei den Allergien ist es ja klar strukturiert, sie haben einen Auslöser, meist ein Protein, das beispielsweise in den Pollen steckt. Dann gibt es entsprechende Hautests, sogenannte Pricktest und Epicutantest, und auch Provokationstestungen und Laboruntersuchungen auf Antikörper, die zur Klärung beitragen. Anhand der Diagnostik lässt sich sagen, auf welche Allergene ein Patient sensibilisiert ist.

Wie läuft das ab?

Mit einem Pricktest an der Haut können sie auf sogenannte Akutreaktionen untersuchen. Es lässt sich so eine mögliche Sensibilisierung aufzeigen. Dabei werden verschiedene Substanzen auf den Unterarm getropft und mit einer kleinen Nadel in die obere Hautschicht eingebracht. Bei einer bestehenden Empfindlichkeit zeigen sich lokale Quaddeln und Rötungen.

Im Blut lassen sich dagegen evtl. spezifische Antikörper gegen die vermuteten Allergene finden. Wenn alle Testergebnisse dann zu den Erkenntnissen aus der Anamnese passen – zu den Symptomen, die der Patient beschreibt – dann liegt wahrscheinlich eine Allergie vor.

Es gibt viele Menschen, bei denen eine Sensibilisierung auf diverse Allergene nachweisbar ist, die aber bislang stumm geblieben ist. Erst wenn eine passende klinische Symptomatik auftritt, kann man auch von einer Allergie sprechen. Wer sensibilisiert ist, bringt also die Voraussetzungen mit, eventuell einmal eine Allergie zu entwickeln.

Welche Allergien lassen sich mit dem Pricktest nachweisen?

Das sind die sogenannten Typ-1-Allergien – die akuten Fälle wie Heuschnupfen, Asthma, Medikamenten- und Insektengiftallergien. Gerade bei den Insektengiftallergien – Biene, Wespe, Hornisse, Hummel – kann es sehr gefährlich werden, weshalb eine Abklärung erfolgen sollte. Beim Pricktest gibt es zur Beurteilung der Testergebnisse eine Negativ-Kontrolle mit einem Wassertropfen und eine Positiv-Kontrolle mit Histamin. Nur so lässt sich das Ergebnis der Allergentestungen richtig einschätzen.

Gibt es noch andere Tests?

Ein andere Variante zum Nachweis von Typ-4-Allergien – Spättypreaktionen – sind die Epikutantestungen oder auch Patch-Testungen genannt. Hier werden mit definierten Testsubstanzen bestückte Pflaster auf den Rücken oder auf die Oberarme geklebt. Leider gibt es aber mittlerweile immer größere Probleme die Testsubstanzen zu bekommen. Hersteller ziehen sich zurück, weil die medizin-politischen Rahmenbedingungen nicht passen. Das schränkt uns in unserer Arbeit schon stark ein.

Wenn ich nach einem Wespenstich an der Stichstelle dicke Beulen bekomme, ist es noch keine Allergie, aber wenn dann noch Atemnot dazukommt, ist es eine?

Dann haben Sie die entsprechende Symptomatik und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie eine Allergie haben. Eine lokale Reaktion auf einen Stich ist normal, Bienen und Wespen bringen uns im Normalfall aber nicht um. Umschriebene Lokalreaktionen sind auch kein Grund für eine Allergie-Behandlung. Es existiert ja immer noch viel Aberglauben in der Bevölkerung. So heißt es ja: „7 Stiche töten ein Pferd, 3 Stiche einen Menschen“. Das stimmt natürlich nicht. Hornissengift ist auch nicht giftiger als Wespengift. Ansonsten ähnelt sich das Gift von Bienen und Hummeln, so dass bei einer Bienengiftallergie auch auf Hummelstiche geachtet werden sollte. Allergische Reaktionen können nicht nur akut auftreten, sondern sich auch langsam aufbauen. Wenn die Reaktionen von Stich zu Stich immer dramatischer werden, dann sollte man hellhörig werden.

Kann ich denn vorbeugend etwas gegen Allergien tun?

Längeres Stillen kann helfen, die Mutter überträgt dann einen gewissen Schutz auf das Kind. An der sogenannten Umwelthypothese ist auf jeden Fall etwas dran. Zwischenzeitlich herrschte die Theorie vor, Kinder so lange wie möglich vor Schmutz und anderen Umgebungseinflüssen zu schützen, alles steril zu halten. Inzwischen sind wir wieder dazu zurückgekehrt, eher möglichst früh den Kontakt zu unserer Umwelt zu suchen. Zu DDR-Zeiten gab es ja weniger Allergien, da hatten wir eher andere Probleme mit der starken Luftverschmutzung.

Lässt sich in höherem Alter noch etwas tun?

Eine normale, gesunde Lebensweise ist grundsätzlich gut. Inwieweit genetisch veränderte Lebensmittel Auswirkungen haben, weiß man noch nicht so genau. Daher ist es aus meiner Sicht sicher nicht verkehrt, genetisch veränderten Lebensmitteln mit Distanz zu begegnen. Aberviel mehr können Sie nicht tun. DieAllergie-Impfung, die Hyposensibilisierung, ist dann die einzige Behandlungsform. Bei luftübertragenen Allergenen wie Birken-, Gräserpollen, Milben- oder Schimmelpilzallergenen ist in der Regel eine dreijährige Therapie mit Spritzenzielführend. Dadurch soll wieder eineToleranz gegenüber dem Allergen entwickelt werden. Die Hyposensibilisierung muss jedoch regelmäßig durchgeführt werden, um ein Ansprechen erreichen zu können.

Womit haben Sie hier im Labor am meisten zu tun?

Die Insektengifte nehmen bei uns eine besondere Stelle ein. Dazu kommen die Kontaktallergien, die hier in der Dermatologie natürlich häufig vertreten sind, wo es vielfach auch um beruflich bedingte Allergien geht. Wir testen aber auch für die Internisten unseres Klinikums, um bei der Abklärung von Lungen-Problemen zu helfen.

Gibt es auch kuriose Situationen im Laboralltag?

Ein Patient mit einer vermuteten Lebensmittelallergie sollte einmal Shrimps zur Hauttestung mitbringen, da hatten wir dann drei Kilo Shrimps hier liegen – ein halbes Gramm hätte uns schon gereicht.

Von Ingolf Pleil

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