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Zuschendorf ist ab März wieder im Blütenrausch

Botanischer Schatz in romantischem Seidewitztal Zuschendorf ist ab März wieder im Blütenrausch

Zuschendorf bei Pirna ist ab März wieder im Kamelienblütenrausch. Die Pflanzensammlungen, die nicht nur Kamelien umfassen, haben viele Superlative zu bieten. Und dass es sie überhaupt gibt, ist zu einem großen Teil traditionsbewussten Gärtnern und Gartenbegeisterten zu danken.

Kamelie im Schauhaus in Zuschendorf.
 

Quelle: Botanische Sammlungen der TU Dresden

Pirna.  Die Botanischen Sammlungen am Landschloss Pirna-Zuschendorf sind ein Schatz. Von diesem profitieren die Besucher, die alljährlich vor allem im Frühling zur Kamelienblüte und im Sommer zur Hortensienblüte in das Tal der Seidewitz pilgern und sich an einer berauschenden Blütenfülle und Vielfalt freuen. Anfang März ist es wieder so weit. „Der Knospenansatz ist vielverprechend“, so Matthias Riedel, der Leiter der Botanischen Sammlungen. Er gibt gegenüber DNN über die Besonderheiten der Pflanzensammlungen, Neuzugänge und Pläne Auskunft.

Was macht die Sammlungen so einzigartig?

Matthias Riedel: Kamelien, Azaleen und Rhododendron stehen unter Denkmalschutz und sind meines Wissens die einzigen Pflanzensammlungen Deutschlands, die diesen Status genießen. Azaleen, Rhododendron und Hortensien sind zudem Bestandteil der Deutschen Genbank Zierpflanzen.

Mit der Kameliensammlung verfügen wir über das einzige originale Zeugnis der Kamelienproduktion von Weltgeltung der vor allem im Dresdner Raum wirkenden Gärtnerei T.J.Seidel. Wir haben die größte Hortensiensammlung in Deutschland. Unsere Obstorangerien im Scherben sind die einzige größere Sammlung dieser Art in Deutschland, vermutlich auch europa- und weltweit.

Bei den Azaleen (Rh.simsii-Hybriden) können wir die zweitgrößte Sammlung Deutschlands und zweit- oder drittgrößte Europas vorweisen. Darunter ist viel Originalmaterial als Zeugnis der Produktion im Leipzig-Dresdner Anbaugebiet. Bei den Rhododendren konzentrieren wir uns auf die großblumigen Seidelschen Hybriden. Denn sie sind das Ergebnis der ersten winterharten Rhododendronzüchtung. Die Sorten sind noch heute die, die Frost am besten trotzen. Diese Sammlung ist ebenfalls die größte ihrer Art in Deutschland.

Wie groß ist der aktuelle Pflanzenbestand der Botanischen Sammlungen in Zuschendorf - aufgeteilt auf die verschiedenen Sammlungsgebiete?

Ich sag es mal in Arten und Sorten: 343 Kamelien, 369 Azaleen, 221 großblumige Rhododendronhybriden, 482 Hortensien, 234 Efeu und 138 Sorten in 1000 Exemplaren bei den Obstorangerien. Die Bonsai hat keiner gezählt, es werden aber einige Tausend sein. Alle Arten und Sorten sind in mindestens zwei Exemplaren vorhanden. Besonders wertvolle in drei oder mehr Pflanzen. Dazu bemühen wir uns, die Sorten und Arten von so vielen Herkünften wie möglich zu erhalten.

Kommen noch Pflanzen hinzu? Wenn ja, woher?

Da wir feste Sammlungsziele, meist mit historisch zeitlicher Eingrenzung, festgelegt haben, kommen zunehmend weniger neue Arten und Sorten hinzu. Aber einzelne interessante Pflanzen finden sich immer wieder.

Wie denn?

Mit Hilfe historischer Kenntnisse und der internationalen Vernetzung der Gärtnerwelt kann man manchen Schatz aufspüren, man muss nur Zeit dafür haben. Bei Kamelien z.B. schauen wir uns die Lieferorte der Firma T. J. Seidel an und suchen dort, wo sie klimatisch oder aus anderen Gründen überlebt haben könnten. In einem Villengarten im schweizerischen Locarno zum Beispiel fanden wir Kamelien, von denen uns die Besitzerin sogar noch die Rechnung der Firma T. J. Seidel, Dresden vorlegen konnte.

Bei unserer Azaleensammlung stehen wir im Austausch mit der Kollektion im Rhododendronpark Bremen. Die dortige Sammlung wurde von den beiden Sachsen Dr. Lothar Heft und Hellmut Vogel begründet. Aber auch aus den kaiserlichen Reservegärten von Wien-Schönbrunn erhielten wir einige sehr frühe Dresdner Züchtungen, die in unseren Sammlungen nicht mehr vorhanden waren.

Mit unseren Efeu kooperieren wir eng mit dem Botanischen Garten Breslau, der die größte Sammlung dieser Gattung in Europa beherbergt. Am stärksten wächst die Sammlung der Hortensien.

Warum?

Weil diese in Produktion und Züchtung eine wichtige Rolle einnehmen und es deshalb auch entsprechenden Bedarf in der Forschung gibt. Gleiches gilt auch für das züchterische Ausgangsmaterial. Dafür stellen wir Pflanzenmaterial zur Verfügung. Hinzu kommt, dass unsere Sammlung eine Leitfunktion für diese Gattung innerhalb der Deutschen Genbank Zierpflanzen hat. Der Direktor unseres Gartens, Prof. Dr. Christoph Neinhuis, ist Koordinator für diesen Teil der Genbank, der in den nächsten Jahren aufgebaut wird. Im begrenzten Maße sammeln wir auch neue Hortensiensorten. Historische Sorten tauschen wir u.a. mit der Kollektion im französischen Arboretum Shamrock.

Vor einigen Jahren ist in der Nähe des Landschlosses ein neuer Rhododendronpark entstanden, um die genetische Vielfalt sächsischer Rhododendronzüchtungen und u.a. das erste winterharte Rhododendronsortiment Deutschlands von T.J. Seidel zu erhalten. Denn der Park in Wachwitz kann diese Funktion nicht mehr erfüllen. Ab wann ist die neue Anlage in Zuschendorf öffentlich zugänglich?

Die Pflanzen müssen erst mal wachsen. Um Besucher einlassen zu können, sind bauliche Voraussetzungen wie ein Eingangsbereich nötig. Da ist die Finanzierung noch offen. Unsere Führerin Magret Scheerer bietet aber ab kommender Saison schon auf Vorbestellung Führungen an.

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Zuschendorf ist ab März wieder im Kamelienblütenrausch. Doch die Sammlungen haben noch mehr zu bieten.

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Welche größeren Investitionen sind nötig und eventuell in Sicht?

Wichtige Investitionen der nächsten Jahre sind die Neuinstallation der Computersteuerung in den Gewächshäusern und die Verbesserung der Wasserversorgung. Dazu kommen ja ständige Arbeiten an den Gebäuden, vor allem am Schloss.

In Verlängerung des großen Schlossflügels soll in den nächsten Jahren der ehemalige Bullenstall wieder instand gesetzt werden. Durch herausgerissene Gewölbe ist die Statik des Gebäudes mangelhaft; Dach und Dachstuhl sind desolat. Nach Fertigstellung wollen wir dort unser Ausstellungsdepot für große Sammlungsstücke, wie Kutschen und Schlitten unterbringen. Dazu das sächsische Moorbeetpflanzenarchiv, die Gartenverwaltung und auch die Sozialräume für die Mitarbeiter. Das wiederum ist Voraussetzung dafür, dass dann im Park ein behindertengerechter Toilettenzugang geschaffen werden kann. Da werden aber noch viele Jahre vergehen.

Wer finanziert überhaupt die Botanischen Sammlungen?

Das ist kompliziert. Da wir vor dem politischen Umbruch nicht zur Universität gehörten, sondern zum Volkseigenen Gut (VEG) Saatzucht Zierpflanzen Dresden, welches liquidiert wurde, war später eine Vollfinanzierung – wie bei den Gärten in Tharandt und Dresden – nicht mehr möglich. Daher müssen wir im Gegensatz zu den beiden anderen Gärten auch Eintritt einfordern.

Die ersten Jahre nach dem Umbruch existierten wir über Förderungen des Arbeitsamtes (vor allem ABM) und jährlich befristete Zuweisungen durch das Landwirtschaftsministerium. Später kam die Kulturraumförderung hinzu. Dies war nur durch die Gründung des Fördervereins Landschloß Pirna-Zuschendorf e.V. als neuen Träger möglich. Dieser stellte das geförderte Personal ein, erwarb die Immobilie von der Treuhand, kaufte weitere Grundstücke (anfangs 1 ha, heute 6,5 ha) zu und organisierte den Aufbau von Schloss, Park und Sammlungen.

Aber es war ein Leben von der Hand in den Mund. Erst durch den Anschluss der Sammlungen an den Botanischen Garten Dresden und damit an die Direktion des Botanikprofessors der TU Dresden im Jahre 1998 gibt es Kontinuität.

Die Pflanzensammlungen sind Eigentum des Freistaates Sachsen und somit unter der Obhut des sächsischen Landwirtschaftsministeriums. Dieses hat die TU Dresden mit der Betreuung beauftragt. Um das zu realisieren, gibt es einen gemeinsamen Vertrag zwischen dem Ministerium, der Universität und dem Förderverein mit dem Ziel, die Sammlungen zu erhalten und zu entwickeln. Der Beitrag der TU und des Landwirtschaftsministeriums umfasst die Finanzierung von fünf Stellen: technischer Leiter, Betriebshandwerker, drei Gärtner.

Welche Rolle spielt der Förderverein?

Schloss und damit auch die Galerie liegen, neben der Teilhabe an der Erhaltung der Pflanzensammlungen und des Gartens, allein in seiner Verantwortung. Den Vorsitz des Fördervereines hat Wolfgang Friebel, ehemals Gartenmeister in Pillnitz, inne. Die Aufgaben des Fördervereines werden durch die Kulturraumförderung unterstützt. Dieses Finanzierungsmodell hat Nach- aber auch Vorteile. Auf jeden Fall sind wir zur Eigeninitiative angehalten.

Es wird in Deutschland nicht viele Gärten geben, die selbst so viele eigene Mittel zur Finanzierung beitragen. Anders gesagt, jeder Besucher der Eintritt zahlt oder jeder Garten- oder Denkmalfreund der spendet, kann sich sicher sein, dass sein Geld tatsächlich vor Ort verwendet wird. Bei 40 000 Gästen jährlich können wir die Sammlungen finanzieren. Kommen mehr, kann investiert werden.

Wie viele Besucher hatten Sie 2016 und wie viele ein Jahr zuvor?

Die Leute gehen nicht mehr einfach so in den Garten, sondern kommen nur zu Events. Das heißt, die Zahlen hängen von der Anzahl der Sonderschauen ab. In Jahren, wo wir zu den drei Blumenschauen noch eine Weihnachtsschau haben (z.B. 1015 = 50 269 Besucher) sieht es gut aus. Haben wir nur drei Schauen und es gibt die Blumenschau im Palais im Großen Garten, schaffen wir unsere Ziele gerade so (z.B. 2016 = 40 917 Besucher). Personell sind wir aber eigentlich nur zu drei Schauen im Jahr in der Lage. Sonst leiden die pflanzenbaulichen Arbeiten stark.

Manche Zuschendorfbesucher sind enttäuscht vom Zustand der Gewächshäuser. Und für die einen ist der Park „idyllisch“, für die anderen „verwildert“. Wie sehen Sie das?

Da kommen auch der deutsche Ordnungssinn und die zum Teil fehlende Bildung in Fragen der Natur zum Tragen. Für viele ist die Vorstellung von Park begrenzt auf den barocken Park. Landschaftsgärten, die ja natürlich sein sollen, sind Wildnis. Bei uns sollen die Wiesen auch wachsen und die Blumen sollen darauf blühen. Das Laub erfüllt einen wichtige ökologische Funktion und wird nicht unter den Sträuchern entfernt. So könnte man das fortführen.

Dazu kommt, dass das Wachstum in der Natur nicht gleichmäßig über das Jahr verteilt ist. Damit häufen sich auch die pflanzenbaulichen Termine. Die Erhaltung der Sammlungen hat immer Priorität vor der Schönheitspflege. Das heißt, wenn z.B. im Mai die Azaleen gestutzt und umgetopft werden müssen, sind alle Gärtner darauf konzentriert. Da muss alles andere liegen bleiben. Daher machen wir im Mai/Juni auch nie Reklame, um Besucher anzulocken. Meine Gärtner arbeiten sehr hart und schonen ihre Gesundheit nicht. Mehr ist aber personell nicht möglich. Anders gesagt, mehr Schönheitspflege braucht mehr Personal und mehr Personal, führt zu höheren Eintritten.

Von Catrin Steinbach

Pirna, am Landschloss 6 50.93362 13.91508
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