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Und immer nur ich

Psychologie: Narzissmus Und immer nur ich

In der Welt der Likes und Selfies scheint der Narzissmus zu wachsen: Ein Problem? Nicht unbedingt: Richtig dosiert dient die Eigenliebe sogar der psychischen Gesundheit.

Richtig dosiert muss die Eigenliebe gar nicht krankhaft werden.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Eine kleine Szene aus dem Beziehungsalltag: Ein Student erzählt seiner Freundin, dass er sich an einer renommierten Universität bewerben will. Sie streichelt ihm über den Rücken und versetzt ihm mit warmer Stimme einen kalten Stich: „Schatz, meinst du nicht, dass es schwierig ist, dort genommen zu werden. Die haben ja doch sehr strenge Auswahlkriterien.“

Es gibt Menschen, die mit Vorliebe die Hoffnungen ihres Gegenübers zerdeppern. Sie bremsen deren Tatendrang, streuen Selbstzweifel, vergiften zwischenmenschliche Beziehungen. Sie sind fest davon überzeugt, dass sie besser sind als alle anderen. Vielleicht trieb so ein Überlegenheitsgefühl die Freundin dazu, die Hoffnungen ihres Partners zu zerstören.

Fragiles Selbstwertgefühl

Die Rede ist von Narzissten. Nach dem DSM-5, dem Diagnosekatalog der American Psychiatric Association, beruht das Selbstwertgefühl krankhafter Narzissten stark auf der Wertschätzung anderer, entsprechend fragil ist es. Sie stecken sich unvernünftig hohe Ziele, um als außergewöhnlich zu gelten. Im zwischenmenschlichen Umgang sind sie kaum in der Lage, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Im Normalfall hören sie nicht zu, beachten, verstehen und unterstützen ihre Nächsten nicht.

Dennoch gelingt es ihnen oft erstaunlich gut, andere Menschen zu lesen. Am liebsten umgeben sie sich mit Menschen, die ihr Bedürfnis nach Bewunderung zufriedenstellen. Aufmerksamkeit bewirken sie erst durch Charme, später durch Drohungen. Bleibt die ersehnte Aufmerksamkeit aus, schrecken sie nicht davor zurück, Druck auszuüben, gezielt Schuldgefühle beim Gegenüber hervorzurufen und ihn zu manipulieren.

Gesunde Narzissten schauen optimistisch auf ihr Leben

In Zeiten, in denen sich gefühlt alle mit Selfies ihrer Existenz versichern, liegt der Verdacht nahe, dass unsere Gesellschaft mehr Narzissten produziert als je zuvor: Schaut her und liket. Man hat rasch die Lauten, Extrovertierten und Dominanten vor Augen: Silvio Berlusconi, Cristiano Ronaldo, Thomas Middelhoff. Geht unser Selbstverwirklichungswahn also Hand in Hand mit einer ordentlichen Prise Narzissmus? Fördert unsere Leistungsgesellschaft unsere Ich-Zentriertheit?

Auch wenn es keine aktuellen Längsschnittstudien zur Epidemiologie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, geht der Berliner Psychiater und Borderline-Experte Stefan Röpke davon aus, dass es heute mehr Narzissten gibt als früher. Er und sein Team haben etwa 1000 Menschen in Ost- und Westdeutschland im Internet den sogenannten PNI-Fragebogen ausfüllen lassen – das Pathologische Narzissmusinventar.

Fördert die moderne westliche Welt Narzissmus?

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, aber sein erster Eindruck ist: „Es hat sich gezeigt, dass Menschen mit Ost-Sozialisation ein höheres Selbstwertgefühl und niedrigere Narzissmus-Werte aufwiesen als Menschen mit West-Sozialisation. Bei jenen, die während der Wendezeit zwischen sechs und acht Jahren alt waren, gleichen die Narzissmuswerte denen der Westdeutschen. Man könnte daraus also den Schluss ziehen, dass unsere moderne westliche Welt Narzissmus befördert.“

Zahlreiche Forscher machen sich mittlerweile dafür stark, den Narzissmus differenzierter zu sehen. Er könne zwar pathologisch werden, aber auch in einem gesunden Bereich bleiben, der nicht zwangsläufig schädlich und unsozial sein muss. Die entscheidende Frage also lautet: Wo verläuft die Grenze zwischen diesen Formen? Gibt es sie überhaupt, eine scharfe Grenze?

Gesunde Narzissten schauen optimistisch au ihr Leben

Eher nicht, sagt der amerikanische Psychologe Craig Malkin. In seinem vor Kurzem erschienenen Buch „Der Narzissten-Test“ plädiert er dafür, sich Narzissmus auf einer Skala von 0 bis 10 vorzustellen. Dabei siedelt er die gesunden Narzissten bei den mittleren Werten an. Sie sehen optimistisch auf ihr Leben, besitzen ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl und können emotionale Unterstützung gut geben und annehmen. Sie verfolgen Ziele in ihrem Leben und können mit vertrauten Personen trotzdem über ihre Zweifel und Unsicherheiten sprechen. Sie sind ehrgeizig, aber nicht auf Kosten ihrer Beziehungen. Gesunde Narzissten besitzen nicht nur ein positives Bild von sich selbst, sondern auch von ihren Lieben.

Dosiert kann ein Narzisst ein Team beflügeln und Gruppen mitreißen. Außerdem hält Malkin den Drang, sich besonders zu fühlen, schlicht für menschlich. Er folgt dem österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker Heinz Kohut, dem zufolge Narzissmus dem Bedürfnis entspringt, sich selbst zu schützen. Gerade Jugendliche müssten während der Pubertät überzeugt davon sein, Großes vollbringen zu können. Das treibe sie an.

Echoisten als Gegenentwurf

Am linken Ende von Craig Malkins Spektrum liegen die sogenannten Echoisten. So nennt der Psychologe Menschen, die unter einem Narzissmusdefizit leiden und ihre eigenen Bedürfnisse hinter die anderer Menschen zurückstellen. Sie haben stets das Gefühl, keine eigenen Ansprüche stellen zu dürfen, und können emotionale Unterstützung durch andere Menschen nur schwer annehmen.

Wirklich problematisch für ihr Umfeld und sich selbst sind jene Menschen, die zwischen 9 und 10 Punkten auf der Malkin-Skala erreichen. Es sind jene, die tatsächlich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gemäß dem psychiatrischen Diagnosekatalog leiden. Sie kennen keinerlei Mitgefühl, sabotieren andere und leiden unter Größenwahn. Etwa ein Prozent der Bevölkerung fällt unter diese Kategorie, schätzt der amerikanische Psychologe Joseph Burgo in seinem Buch „The narcissist you know“.

Therapie erst wenn das Leben in Scherben liegt

Diese Betroffenen bräuchten eigentlich dringend eine Psychotherapie, landen dort aber meist erst, wenn ihr Leben in Scherben liegt. Wenn der Partner sich trennt oder es Probleme am Arbeitsplatz gibt. Auch Alkoholismus, Spielsucht, Drogenmissbrauch sind bei ihnen verbreitet. „Sie empfinden es schon als Kränkung, dass sie Hilfe brauchen. Das lassen sie den Therapeuten auch spüren“, sagt der Berliner Psychiater Stefan Röpke aus eigener Erfahrung. Oft brechen sie die Therapie ab, stellen die Kompetenz des Therapeuten infrage oder beleidigen ihn. „Es handelt sich um eine der am schwersten zu behandelnden Persönlichkeitsstörungen“, sagt Röpke.

Der Psychologe Michael Marwitz hat zusammen mit dem Psychiater Claas-Hinrich Lammers eine Therapie speziell für Narzissten entwickelt. Dabei gelte es zunächst den Narzissten für seine Flucht in das Überlegenheitsdenken zu sensibilisieren. Gleichzeitig versucht der Therapeut, gemeinsam mit dem Patienten einen Perspektivenwechsel einzuleiten, der den Narzissten befähigt, sich in die andere Person hineinzuversetzen. Wie erfolgreich eine Therapie verlaufe, hänge davon ab, ob der Narzisst bereit ist, sein Gefühl der Überlegenheit zu relativieren und andere Menschen an sich heranzulassen.

Die Begeisterung anderer wird zerstört

Ein besonderes Problem sind auch die sogenannten introvertierten Narzissten, schon weil kaum jemand von ihrer Existenz weiß. Sie wurden als Kinder oft kleingehalten, haben ein stark schwankendes Selbstwertgefühl. Auch wenn sie sehr selbstsicher wirken, fühlen sie sich oft wertlos. Verletzt den latenten Narzissten jemand, sagt er nicht: „Das macht mich traurig, du tust mir weh.“ Er zieht sich zurück. Oder er bestraft indirekt mit Liebesentzug und stilisiert sich als Opfer. Auch Brüllen und Schreien gehören zu seinem Repertoire.

Es geht aber auch subtiler. So können Narzissten zu einer Leistung ihres Gegenübers beiläufig und in durchaus freundlichem Ton sagen: „Nicht schlecht, aber mach dir keine falschen Hoffnungen.“ Spürt das Gegenüber Wut in sich aufsteigen und konfrontiert den Narzissten mit der Frage, warum es sich keine falschen Hoffnungen machen soll, winkt dieser ab. Und kontert mit: „Du bist heute aber dünnhäutig.“ Latente oder verdeckte Narzissten verstehen es, auf subtile Art und Weise die Begeisterung anderer Personen zu zerstören.

Schuld sind immer die anderen

Gerade am Arbeitsplatz hat das mitunter üble Folgen. Während Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl zugeben können, dass sie einen Fehler gemacht haben, fühlen sich Narzissten als ganze Person angegriffen. Stoßen sie auf Einwände oder Widerstände, schieben sie anderen Menschen die Schuld zu, stellen die Fähigkeiten der Kollegen infrage, beleidigen ihr Gegenüber, schmälern dessen Leistungen, schließen es aus oder verkaufen fremde Ideen als eigene.

Was also tun, wenn die Chefin eine Narzisstin oder der Kollege ein Narzisst ist? Craig Malkin schlägt verschiedene Strategien vor. Erstens: Jede Beleidigung dokumentieren. Zweitens: Immer zum Sachthema zurückkehren. Drittens: Intrigante Winkelzüge abwehren. Wenn Kollegen oder der Chef plötzlich Entscheidungen kritisieren, die zuvor alle begrüßt haben, Gegenfrage stellen: Warum kommen Ihnen jetzt diese Bedenken? Viertens: Positives Verhalten loben.

Es gibt Momente, in denen sich sogar Narzissten sozial verhalten

Schließlich gibt es auch Momente, in denen sich Narzissten sozialer verhalten. Diese Augenblicke gilt es würdigend hervorzuheben und gleichzeitig mit dem Erfolg des Narzissten zu verknüpfen. „Danke für das Feedback. Wenn Sie mir sagen, dass ich etwas gut gemacht habe, motiviert mich das und ich arbeite effizienter.“ Handelt es sich beim Chef jedoch um einen Narzissten im Neuner- oder Zehnerspektrum, werden auch diese Strategien wenig nützen.

Bevor man jedoch eine Beschwerde bei einem Unternehmen einreicht, sollte man abschätzen, wie stark die Firmenkultur selbst von Narzissmus geprägt ist. Die Chancen, angehört oder geschützt zu werden in einem Umfeld, in dem hochgradiger Narzissmus belohnt wird, sind sehr gering. Die Münchner Psychologin Bärbel Wardetzki, die das Buch „Vom klugen Umgang mit narzisstischen Chefs, Kollegen und Mitarbeitern“ herausgebracht hat, sagt: „Manchmal kann es klüger sein, selbst zu gehen.“

Von Nadine Zeller

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