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Die Angst vor dem Superkeim

Antibiotikaverseuchung Die Angst vor dem Superkeim

In Indien leiten Pharmafirmen hochkonzentrierte Antibiotika- und Pilzmittel-Rückstände ungeklärt ins Abwasser. Experten warnen: Die Schlamperei fördert die Ausbreitung multiresistenter Keime – und bedroht Menschenleben auf der ganzen Welt.


Quelle: iStockphoto

Berlin. Es ist dieser Geruch. Christoph Lübbert schüttelt sich heute noch, wenn er daran zurückdenkt. Fäulnis, Fäkalien, Chemie – eine bestialische Mischung. Und dann erst dieses Wasser. Eine bräunlich-graue Brühe mit einem fettig glänzenden Schaumfilm an der Oberfläche. „Man merkt sofort, dass hier eine Riesenverschmutzung läuft“, sagt Lübbert.

„Hier“, damit meint der Infektionsmediziner des Universitätsklinikums Leipzig die indische Metropole Hyderabad, eine Industriestadt im Herzen des Subkontinents. Sieben Millionen Einwohner, riesige Gewerbegebiete, zahllose Fabriken. Medikamente werden in ihnen hergestellt. Rohstoffe für den Weltmarkt. Nahezu alle namhaften Pharmakonzerne kaufen hier ein. Darunter auch viele deutsche.

Im November war Lübbert dort. Indische Umweltaktivisten hatten kurz zuvor heimlich Wasserproben genommen – und Alarm geschlagen. Journalisten des Recherchenetzwerks von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ sind daraufhin mit Lübbert losgereist. Sie suchten Antworten. Auf Fragen, die das Potenzial haben, das Schicksal der Menschheit zu verändern. Die Art, wie wir leben. Und wie wir sterben.

Was kommt auf uns zu?

Woher stammen tödliche Keime, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können? Wie entstehen sie? Und was kommt da im schlimmsten Fall noch auf uns zu?

Der Feind ist unsichtbar – und er ist überall. Mikroorganismen sind die wahren Herrscher der Welt. Es gibt vermutlich Milliarden Arten und Varianten. Viren gehören zu diesen Kleinstlebewesen, Pilze, Algen – und Bakterien. Forscher schätzen, dass die Mikroben in ihrer Gesamtheit 100 Millionen Mal schwerer sind als alle Menschen der Erde. Jeder von uns trägt Zigtausende mit sich herum. Zehn Keime sollen auf jede Zelle eines Menschen kommen, allein im Darm leben mehr als 4000 Arten.

Die gute Nachricht ist: Viele dieser Keime sind harmlos, manche sogar ausgesprochen nützlich. Und gegen die schädlichen kann ein gesunder Körper sich wehren. Wenn ein Organismus allerdings geschwächt ist, etwa nach einer Krankheit oder einer Operation, kann es zu einer Infektion kommen. Ein allzu großes Problem war das in der modernen Medizin bis vor ein paar Jahren nicht. Antibiotika halfen schnell und unkompliziert.

Doch inzwischen gibt es immer mehr Keime, gegen die die gängigen Antibiotika nicht mehr wirken. Multiresistent werden solche Erreger genannt. Und sie befinden sich weltweit auf dem Vormarsch. Forscher wie Lübbert warnen deshalb vor einem Horrorszenario: dem postantibiotischen Zeitalter.

Sterben wie im 19. Jahrhundert

Es wäre das Ende der Medizin, wie wir sie kennen. Die Menschheit würde zurückgeworfen in das 19. Jahrhundert. Eine Zeit, in der es Penicillin und Co. noch nicht gab. In der Patienten an simpelsten Erkrankungen starben. Oder kleinsten Verletzungen. An einer Mandelentzündung, einer Harnweginfektion oder einer nicht verheilten Narbe. Noch sei es nicht so weit, sagt Lübbert. Aber er fürchtet, dass diese Zeit zurückkommen könne. Und er glaubt, den Grund dafür gefunden zu haben. In Indien.

Wissenschaftler haben Wasserproben entnommen. Aus Flüssen, Teichen und Gruben. Alle in der Nähe der Pharmafabriken. Praktisch ungeklärt leiten die Medikamentenhersteller ihre Abwässer dort hinein. Was nicht verdunstet, versickert in der Umwelt. Das ist zwar auch in Indien verboten, aber es gibt niemanden, der es kontrolliert.

Im Labor haben sie das Wasser untersuchen lassen. Auf Medikamentenrückstände – und auf Keime. Das Ergebnis war erschreckend. Nahezu in allen Proben fanden sich Reste von Antibiotika und Pilzbekämpfungsmitteln. Ihre Konzentration war hundert- oder gar tausendfach höher, als deutsche Grenzwerte es vorsehen.

Lübbert und seine Forscherkollegen gehen davon aus, dass solche Kloaken wesentlich zur Entstehung multiresistenter Bakterien beitragen. Weil die Erreger im Wasser Abwehrmechanismen gegen Antibiotika entwickeln können. Der Mediziner spricht von einem „Bioreaktor unter freiem Himmel“.

Besonders fatal: Wo das Team aus Deutschland mit Schutzhandschuhen und Desinfektionsmitteln unterwegs war, leben Menschen – ungeschützt. Sie essen die Früchte naher Bäume und Felder, tränken am Wasser ihr Vieh, waschen mit dem Wasser ihre Kinder.

Wenn nichts mehr hilft

Das hat dramatische Folgen. Schon heute. Immer häufiger werden in den Krankenhäusern in Hyderabad Patienten behandelt, die sich mit einem multiresistenten Erreger infiziert haben. Sie stellen die Ärzte vor große Herausforderungen, denn die meisten modernen Antibiotika sind wirkungslos. Es gibt noch ein paar alte Wirkstoffe, die wegen ihrer Nebenwirkungen nicht mehr häufig verwendet werden und deshalb helfen können. Wenn auch sie nicht anschlagen, hilft nur noch beten.

Ärzte in Indien fürchten, dass das erst der Anfang sein könnte. Sie warnen vor einer Epidemie. Die hätte Folgen – auch für Europa. Denn Keime interessieren sich nicht für Grenzen. In weniger als zehn Flugstunden erreichen sie mit einem Touristen oder Geschäftsmann jede Stadt in Deutschland. Die Globalisierung macht Krankheiten zu einem weltweiten Problem.

Der Leipziger Mediziner Lübbert und seine Kollegen am Universitätsklinikum haben schon vor Jahren eine Studie erstellt. Sie haben gesunde Reisende vor und nach ihrem Indien-Aufenthalt untersucht. Ganz normale Touristen, die sich die Sehenswürdigkeiten des Landes angeschaut hatten. 70 Prozent von ihnen trugen antibiotikaresistente Keime am oder im Körper.

Für einen gesunden Menschen ist das kein Problem, aber sobald eine Krankheit oder eine schwere Verletzung hinzukommen, ist das Risiko potenziell tödlich.

Warum die Keime gerade in Indien so weit verbreitet sind, darauf liefern die Recherchen der Journalisten und Mediziner in Hyderabad nun einen Antwortversuch. Wohlgemerkt: Einen endgültigen Beweis, dass die Keime in den Abwässern entstehen, haben sie nicht. Wohl aber eine durch viele Indizien untermauerte Theorie.

Die Politik ist aufgewacht

Anfang Mai gingen sie mit ihren Rechercheergebnissen an die Öffentlichkeit. Es gab eine 45-minütige TV-Dokumentation, Kurzbeiträge in den politischen Sendungen der ARD und eine Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift. Ein erster Erfolg: Die Politik ist endlich aufgewacht. Zumindest zum Teil.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der seit Längerem für einen maßvolleren Einsatz von Antibiotika in Medizin und Tiermast wirbt, hat jetzt auch die Herstellung der Medikamente im Blick. Generell müsse gelten, dass Unternehmen Wasser nicht mit gefährlichen Stoffen verunreinigen dürften, teilte der Minister mit: „Es ist unerlässlich, dass Pharmaunternehmen ihre Abwässer entsprechend aufbereiten, und zwar überall, auch in Schwellenländern.“

Forderungen, die deutschen Hersteller in die Haftung für ihre Zulieferer nehmen, will der Minister allerdings bis auf Weiteres nicht nachgehen. Stattdessen verweist er auf „internationale Gremien im Wirtschafts- und Umweltbereich“, die darauf hinwirken müssten, dass Standards erarbeitet und dann vor Ort kontrolliert würden.

Ein solches Gremium könnte die G 20 sein, die Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt. Das Thema Antibiotikaresistenzen steht auf der Tagesordnung, wenn sich die Gesundheitsminister der G 20 jetzt in Berlin treffen. Allerdings hat Minister Gröhe dabei eher die Themen Krankenhaushygiene, Veterinärmedizin sowie die Förderung der Entwicklung neuer Wirkstoffe im Sinn. Die Produktionsbedingungen der Medikamente und die Entsorgung der Abwässer spielen bislang keine Rolle.

44 000 Euro hat das Gesundheitsministerium für ein Projekt bereitgestellt, das die Wirksamkeit von Techniken zur Abwasseraufbereitung untersuchen soll. Gemessen an der potenziellen Größe des Problems ist der Betrag ziemlich klein.

Gröhes Problem: Formell ist er gar nicht zuständig. Als Gesundheitsminister muss er sich zwar um die Qualität von Arzneimitteln kümmern, nicht aber um die Entsorgung von Abfällen, die bei deren Produktion anfallen. Das Thema Müll fällt in den Zuständigkeitsbereich von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Und die hat bislang kein besonderes Interesse an dem Thema erkennen lassen. Immerhin hat ihr Ministerium jetzt zugesagt, in Zukunft auch an der Interministeriellen Arbeitsgruppe zu Antibiotikasresistenzen mitzuwirken.

Ein Job für Krankenkassen

Eine wichtige Rolle könnten nach Vorstellung von Gröhe auch die Krankenkassen spielen. Die drängen die Hersteller von Antibiotika für den Massenmarkt zu niedrigen Preisen – was nicht gerade zu einer Verbesserung der Produktionsbedingungen führt. Auch schließen die Kassen Rabattverträge mit Unternehmen ab, die ihren Sitz im Ausland haben. Ein Umdenken müsste hier erfolgen, strengere Kontrollen und Sanktionen, wenn Unternehmen gegen Umweltstandards verstoßen. Die Kassen müssten eigentlich ein Interesse daran haben. Zwar würden Medikamente dadurch womöglich leicht teurer. Eine Epidemie mit resistenten Keimen wäre aber mit Sicherheit um ein Vielfaches teurer.

Es tut sich also was. Doch die Frage bleibt, ob die Verantwortlichen des Gesundheitssystems schnell genug handeln. Dass das Problem von den Behörden in Indien gelöst werden könnte, ist eher frommer Wunsch. Zwar haben auch die Offiziellen dort auf die Recherchen des deutschen Teams reagiert, aber nicht so, wie Infektionsforscher Lübbert sich das gewünscht hätte. Einige der untersuchten Wasserläufe wurden zugeschüttet. Die Abwässer werden nun an anderer Stelle abgeleitet. Ungeklärt, versteht sich.

Von Andreas Niesmann und Anton Zirk

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