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13:20 02.02.2017
Yogis – das waren zur Zeit der Kolonialherrschaft der Briten in Indien oft Vagabunden – Gebildete distanzierten sich von ihnen. Heue sieht das gänzlich anders aus. Quelle: Getty Images/iStockphoto
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Hollywoodstars wie Drew Barrymore, Halle Berry oder Orlando Bloom suchen auf der Yogamatte den Ausgleich zu ihrem rastlosen Leben. Beruflich erfolgreiche Großstädterinnen machen es ihnen nach und bringen mit Sonnengruß & Co. ihre Figur in Form und ihren Geist zur Ruhe. Die Yogamatte unter dem Arm ist Symbol für einen gesunden, grünen Lebensstil geworden, zu dem für viele auch vegetarisch-vegane Ernährung, Bio sowie fair gehandelte Produkte gehören. Yoga ist heute ein Musterschüler, gekleidet in sauberes Grün.

Dabei galt Yoga im Ursprungsland Indien vor allem im 18. und 19. Jahrhundert als Schmuddelkind, mit dem man nicht gern gesehen werden wollte. Yogis – das waren zur Zeit der Kolonialherrschaft der Briten oft Vagabunden, die ihr Geld damit verdienten, aus der Hand zu lesen, Träume zu deuten und den Körper zu verrenken. Gebildete Inder distanzierten sich von den Yogis, britische Beamte gruppierten sie bei einer Volkszählung als „verschiedenerlei zwielichtige Landstreicher“ ein.

250 Millionen Yoga-Praktizierende weltweit

Damals ahnte noch niemand, welche Ausmaße der Yoga-Boom im Westen einmal annehmen würde: Heute gibt es geschätzt 250 Millionen Yoga-Praktizierende weltweit, in Deutschland sind es 2,6 Millionen. In nordamerikanischen, australischen und europäischen Städten gehören Yogastudios zum Straßenbild. Die Yoga-Euphorie erfasst inzwischen zunehmend aufstrebende asiatische Städte wie Hongkong und Peking. Gleichzeitig werden die Trends immer abgehobener: so wird Yoga mittlerweile auch auf dem Surfbrett oder in Bäumen hängend angeboten.

Dabei wurde die Praxis des Yoga von seinen Anfängen bis heute quasi auf den Kopf gestellt. Der Fokus der modernen Yoga-Angebote liegt in der Arbeit mit dem Körper, den Asanas. Aus den USA, vor allem aus Kalifornien, sind zahlreiche fitnessorientierte Yoga-Stile, wie Power-Yoga, zu uns gekommen. Gesundheit und Wohlbefinden stehen dabei im Vordergrund. Den alten Indern ging es beim Yoga dagegen vor allem um Reflexion und Meditation. Yoga galt zwar nicht als Religion, aber als philosophisches System, das eng mit dem Hinduismus verbunden war.

Raus aus der Schmuddelecke: Fokus auf Gesundheit und Fitness

Das wiederum hat den christlichen Kirchen bei uns nicht gefallen: „Es gab eine Zeit, in der die Kirchen Schwierigkeiten hatten mit Yoga, da es angeblich zum Hinduismus gehörte und aus unserem Wertekodex herausfiel“, erklärt Angelika Beßler vom Vorstand des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland. In einer Titelgeschichte über Yoga in einem „Spiegel“ von 1975 war von „Wanderpredigern“ und „Seelenfängern aus Indien“ die Rede und von dem „unkalkulierbaren Einfluss“ der östlichen Religiösität. Gerade mal 100.000 Yogis gab es zu dieser Zeit in Deutschland. Seit den 60er Jahren ist Yoga zwar zunehmend populär geworden – es wurde aber vielfach belächelt. In besagtem Spiegel-Artikel lästerte der Autor über das „Mantra-Gemurmel“ und den „Krischna-Singsang“.

Dass uns die vielen positiven Effekte des Yoga heute zugute kommen, verdanken wir dem indischen Nationalisten Jagannath G. Gune. Er gründete 1924 den ersten indischen Ashram, mit dem Ziel, Yoga wissenschaftlich zu erforschen und die Vorteile für Gesundheit und Fitness hervorzuheben. Dort gab es auch die ersten Massenkurse für Yoga. Gunes Handeln war politisch motiviert: Er wollte der ungeliebten britischen Kolonialherrschaft eine eigene nationale Identität entgegensetzen. Die kulturelle und religiöse Blüte des indischen Altertums sollte die Größe und Genialität der Inder beweisen. Dafür war Yoga genau richtig – allerdings durfte es dafür nicht mehr mit ungepflegten Vagabunden in Verbindung gebracht werden. Der Fokus auf Gesundheit und Fitness holte die Yoga-Lehre aus der Schmuddelecke heraus.

Während in Europa der Frauenanteil im Yoga bei rund 80 Prozent liegt, ist die Yogapraxis im patriarchalischen Indien Männern vorbehalten. Ohnehin ist Yoga in Indien, dem Land, in dem seine Wurzeln liegen, nicht so verbreitet: Erst durch den westlichen Einfluss ist das einstige Schmuddelkind bei der Mittelschicht heute wieder populär.

Von RND/Monika Herbst

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