Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Wissen Wie bleibe ich authentisch?
Nachrichten Wissen Wie bleibe ich authentisch?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:33 01.06.2017
Christian Hemschemeier ist Paartherapeut und schildert an dieser Stelle regelmäßig Fälle aus seiner Praxis. Quelle: gpt
Hamburg

Wenn ich einen Rat geben soll, was eine einfache Möglichkeit ist, seine Beziehungssituation zu verbessern, dann ist es ehrlich oder „authentisch“ zu sein. Allein an diesem Vorhaben kann man die ganze Geschichte von einem selbst oder seinem Gegenüber ablesen.

Was hindert uns eigentlich daran, einfach authentisch zu sein (was natürlich erstmal überhaupt nicht einfach ist)? Wenn man tief in sich hereinschaut, ist es wohl der Irrglaube, nicht gut genug zu sein. Es ist die Annahme, man müsse Strategien anwenden und vielleicht sogar manipulieren, um andere von sich überzeugen zu können. Natürlich versucht jeder, einen guten Eindruck von sich zu vermitteln, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Problematisch wird es aber, wenn man Dinge nicht sagt, nicht fragt, sich nicht wünscht, nur um keinen Ärger zu produzieren oder verlassen zu werden.

Karin* kommt mal wieder zu mir. Sie sucht nach einer toxischen Beziehung einen neuen Partner, und versucht sich „gesünder“ zu verabreden. Sie berichtet von einem Mann, den sie bereits das dritte Mal getroffen. Schon am Anfang hatte sie die Erfahrung gemacht, dass die Fotos des Mannes auf seinem Online-Dating-Profil offenbar sehr alt waren. Auf dem jetzigen Treffen erfährt sie nun, dass er nicht nur bei seinem Alter nicht ganz ehrlich war: Plötzlich hat er auch einen Sohn, von dem bisher nie die Rede war. Karin merkte, dass sie das sehr irritiert.

Die alte Karin hätte das heruntergeschluckt. Sie hätte sich eingeredet, dass er bestimmt gute Gründe hat dies und jenes zu tun und hätte wohl geschwiegen. Die neue Katrin aber spricht ihre Sorgen aus und fragt einfach nach, warum ihr Gegenüber erst nach und nach mit der Wahrheit rausrückt. Sie weiß inzwischen, dass unter vier Milliarden Männern bestimmt auch welche dabei sind, die die eigenen Standards erfüllen. Sie weiß, dass es ausreicht, wenn sie ein komisches Gefühl hat, und es keinen weiteren Grund braucht, eine Irritation anzusprechen.

Ihr Date versucht zuerst, sich zu erklären. Dann reagiert er aber unangenehm. Der Mann sagt ihr scharf, sie sei völlig unentspannt und „wisse wohl nicht wie es heutzutage läuft beim Dating“. Beleidigt verlässt er recht schnell das Abendessen. Karin ist zunächst etwas gestresst von dieser Reaktion, scheinbar ist es genau das, was sie befürchtet hat. Gemeinsam finden wir aber schnell heraus, dass sie durch Authentizität schnell bemerkt hat, dass dieser Mann für sie ein hochproblematischer, kontrollierender Partner geworden wäre.

Im weiteren Verlaufe merkt sie, wie sie auch in anderen Alltagssituationen zum Beispiel mit Freunden, mit ihrem Vermieter oder auch am Arbeitsplatz vermieden hat, einfach klar zu sagen, wenn etwas ihre Grenzen überschreitet oder sie etwas braucht. Sie bemerkt, dass dahinter die alte Angst aus der Kindheit steckt: Zurückgewiesen oder bestraft zu werden, wenn sie ihre Bedürfnisse äußert.

Das Gleiche gilt für Authentizität in bestehenden Beziehungen. Vielleicht geht es darum, den obligatorischen Abend auf der Couch nicht mehr mitmachen zu wollen. Oder dem Partner zu sagen, dass die Beziehung so schlecht läuft, dass man auf dem besten Weg ist, sich in jemand anderen zu verlieben. Oder seiner Freundin zu sagen, dass man ihr Parfüm überhaupt nicht mag.

All das geht nur, wenn man vorher an dem eigenen Stand gearbeitet hat, eine echte Unabhängigkeit findet, die automatisch attraktiv macht, weil sie zeigt, wie viel Wert man sich selber beimisst. Die Menschen, die sich in diesem Prozess distanzieren oder die man sogar verliert, haben sowieso nicht gepasst. Der Weg zum Gipfel ist nie überfüllt!

Echte Authentizität hat übrigens immer auch mit Mitgefühl zu tun. Es bedeutet nicht, dass man dem Anderen in aggressiver Weise ein Feedback um die Ohren haut, nur um „die Wahrheit“ zu sagen.

Der Autor ist zu erreichen unter http://www.eheberatung.info/

* Namen sind geändert.

Von Christian Hemschemeier/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Wissen Auf der Couch – Der Expertentipp - Depression – nicht noch einmal

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Schätzungen zufolge sind weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen betroffen. Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen laut Weltgesundheitsorganisation die zweithäufigste Volkskrankheit sein.

01.06.2017
Wissen „Parker Solar Probe“ - Nasa schickt erstmals Sonde zur Sonne

Zu allen Planeten unseres Sonnensystems hat die Nasa schon Sonden geschickt, auf dem Mond sind Astronauten gelandet - aber zur Sonne ist noch nie eine Mission geschickt worden. Das soll sich im kommenden Jahr ändern

01.06.2017
Wissen Verschwunden geglaubtes Tier - Forscher entdecken „Fisch ohne Gesicht“

Knapp 150 Jahre galt der „Fisch ohne Gesicht“ als verschwunden. Jetzt haben Tiefseeforscher das längst totgeglaubte Tier vor Australien entdeckt.

01.06.2017