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17:05 21.02.2018
Alzheimer-Patienten brauchen spezielle Pflege und Fürsorge: Für die Angehörigen gibt es eine ganze Reihe von Hilfsangeboten. Quelle: iStock
Hannover

Ihre 70-jährige Mutter füllt den Einkaufswagen im Supermarkt unangemessen voll. Sie bestellt Bücher, die niemand lesen will. Sie macht ihrer Tochter Vorwürfe: „Nie lässt du dich blicken.“ Dabei besucht Erika Poller* sie dreimal am Tag.

„Vielleicht hätte ich es da ahnen können“, sagt die Leipzigerin heute. In ihrer Familie sind zwei Tanten dement gewesen, aber über den Umgang damit ist kaum ein offenes Wort gefallen. Und von der Alzheimer-Krankheit und ihren Symptomen hatte Erika Poller bis Mitte der 1990er-Jahre nichts gehört. Erst, als nach dem zweiten Schlaganfall ihrer Mutter die Diagnose kam – „Demenz vom Alzheimer-Typ“ –, machte Erika Poller sich vertraut mit dem, was sie erwartete. Sie las Fachbücher, durchsuchte das Internet, erfuhr: Die Mutter wird zunächst vergesslicher werden, hilfsbedürftiger, bis sie irgendwann nichts mehr allein regeln können wird. „Das war keine Schockstarre, sondern vielmehr ein Funktionieren. Wie bei einer Maschine.“

Frühzeitig professionelle Hilfe suchen

Trotzdem gab Erika Poller sich anfänglich Illusionen hin. Betreuung, klar: Die früh zur Witwe gewordene Mutter überallhin mitgenommen, das habe sie doch schon immer. „Kein Urlaub ohne sie. Auch, als sie noch gesund, aber eben alleine war.“ Dass ihre Mutter zum Kind werden würde, das habe sie sich damals vielleicht nicht eingestehen wollen. Fast 80 Prozent aller Demenz-Betroffenen werden von Partnern, Kindern, Enkeln, anderen Familienmitgliedern oder Freunden versorgt. „Für die meisten Angehörigen ist die Diagnose eine Nachricht mit Katastrophencharakter. Sie handeln in totaler Hilflosigkeit, weil sie damit nicht gerechnet haben, weil sie sich damit nicht auskennen“, sagt Dr. Josef Hille, Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Leipzig und Mitbegründer der Alzheimer-Angehörigen-Initiative in der Messestadt. „Deshalb ist es so wichtig, dass Angehörige sich so schnell wie möglich professionell beraten lassen. Viele kommen erst dann, wenn der Leidensdruck sie förmlich überwältigt.“

Weiterführende Informationen

Zum Umgang mit Demenz-Betroffenen:
www.deutsche-alzheimer.de/angehoerige/umgang-und-beschaeftigung.html

Erfahrung von Angehörigen:
www.deutsche-alzheimer.de/angehoerige/erfahrungen-von-angehoerigen.html

alzheimertagebuch.wordpress.com/

gegendasvergessenblog.wordpress.com/

Selbsthilfegruppen:
www.deutsche-alzheimer.de/unser-service/alzheimer-gesellschaften-und-anlaufstellen.html

Je früher die Diagnose Alzheimer kommt, umso positiver nehmen Angehörige sie auf. „Bei unseren Studien haben wir bemerkt, dass das Wissen für die Angehörigen entlastend sein kann“, erklärt Professor Wolfgang Hoffmann von der Universitätsmedizin Greifswald. Endlich gebe es eine Erklärung dafür, warum der geliebte Mensch sich mit einem Mal so verändert, gelegentlich auch aggressiv wird.

Einsamkeit als Folge der Krankheit

Die Demenz bei Erika Pollers Mutter schritt voran. Die einst resolute Frau wurde immer unselbstständiger, verlor ihre eigene Geschichte. „Ihr Beruf hat sie doch ausgemacht! Ich bin entsetzt gewesen, dass sie sogar das vergessen hatte.“ Erika Poller empfand zuweilen Ungerechtigkeit. „Wir haben alles für sie getan und sie war nicht einmal dankbar.“ Weil die Alzheimer-Betroffene sich gar nicht erinnern konnte, dass es ihr Haus ist, das geputzt und hergerichtet wird. Weil sie irgendwann nicht einmal mehr wusste, dass Erika Poller ihre Tochter ist. „Und meine Schwägerin hat dann aus der Ferne gesagt: ‚Ach, deine Mutter, die ist doch nicht dement.‘ Da habe ich sie mal mit ihr alleine an den Kaffeetisch gesetzt. Als sie dann merkte, dass sie innerhalb einer Stunde 14-mal die gleiche Frage stellte, hat sie nichts mehr gesagt.“

Wenig hilfreich seien die häufig gut gemeinten, aber wenig nützlichen Ratschläge von weit entfernt wohnenden Verwandten. Belastend der Rückzug von Freunden und Bekannten, die nicht wissen, wie sie mit der ungewohnten Situation umgehen sollen. Einsamkeit ist oft Folge der Alzheimer-Krankheit für die pflegenden Angehörigen, erläutert Josef Hille. Seit 2008 berät er das soziale Umfeld von Betroffenen. Seiner Erfahrung nach müssen viele ihren Beruf oder ihre Hobbys aufgeben. Andere leiden körperlich unter den Anstrengungen der Pflege. „Was Alzheimer bedeutet, das ist in unserer Gesellschaft bei Weitem noch nicht angekommen.“

Den Kranken annehmen, wie er ist

Aber es gibt Hilfe für die Angehörigen: rechtlich und finanziell, Tagespflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, ehrenamtlich Helfende, Selbsthilfegruppen. „Oftmals werden professionell Pflegende erst spät, zu spät dazugeholt“, hat Wolfgang Hoffmann beobachtet. „Dann sind die Angehörigen bereits am Ende ihrer Kräfte.“ Manche wollten alles allein regeln, empfänden Scham, wenn der Betroffene ins Heim müsse. Aber viele Alzheimer-Kranke haben Begleiterkrankungen wie einen Diabetes. Das erschwere die Pflege zusätzlich, weiß der Professor. Außerdem hätten Profis oft ganz andere Möglichkeiten, auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen. „Und nicht zwangsläufig muss ein Betroffener sofort ins Pflegeheim. Es gibt auch Zwischenstufen wie das betreute Wohnen.“

Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft rät pflegenden Angehörigen für „die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, die sich meist über Jahre hinzieht“, den Kranken so anzunehmen, wie er ist. Der Alzheimer-Patient kann sich nicht mehr ändern, nichts mehr dazulernen. Das müssten die Pflegenden verstehen und akzeptieren. Als ersten Schritt.

*Name geändert

Von Insa van den Berg/RND

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