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13:27 12.06.2017
Erst schöne Augen machen und dann einfach abhauen: Während der eine auf mehr hofft, verschwindet der andere ohne Vorwarnung. Quelle: istock
Hannover

„Wenn ich es mir recht überlege, ist mir das gleich drei Mal hintereinander passiert!“, erzählt Kirsten und nippt stirnrunzelnd an ihrem Cocktail. „Kein Witz! Ich bin Serienopfer. Und dabei habe ich mich am Anfang gar nicht für die Typen interessiert. Ne – die waren es, die sich um mich bemüht haben. Und als ich mir dann dachte: Vielleicht ist er ja doch der Richtige – bums, da war Funkstille.“

Das kann nach drei Dates passieren, aber auch nach drei Jahren Beziehung. Laut dem britischen Meinungsforschungsinstitut YouGov haben 13 Prozent der Befragten ähnliche Geschichten wie Kirsten erlebt. Die meisten von ihnen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren. Und es werden ständig mehr.

Jede Form des Konflikts soll vermieden werden

Kirsten kann über ihre drei Geister rückblickend lachen, Johanna traf es weitaus härter und nachhaltiger. Während eines Jobs in Kanada verliebte sie sich unsterblich in einen Kollegen aus Toronto. Die beiden kamen zusammen, besuchten sich abwechselnd in Kanada und in Deutschland. Für Johanna lief alles wirklich wunderbar – zwei Jahre lang. Dann verabschiedete er sich am Flughafen Schönefeld mit warmen Liebesschwüren, etwas geliehenem Geld und einem zärtlichen Abschiedskuss – und flog auf Nimmer-Wiedersehen aus ihrem Leben. Als Johanna von ihm tagelang nichts hörte, machte sie sich große Sorgen. Alle Anrufe liefen ins Leere. Daraufhin kontaktierte Johanna seine Eltern. Die sagten, alles sei mit ihm okay. Er melde sich. Das tat er nie wieder.

„Abtauchen nach mehrjähriger Beziehung ist sicherlich die seltenste Form des Ghosting und die Motive können variieren“, erklärt Psychotherapeut Ulrich Schmitz aus Köln. „In allen Fällen ist es eine Vermeidung von Konfrontation und Stress. Manchmal ist es sicherlich auch ein Schutz vor unberechenbarem Verhalten.“ Jede Form des Konflikts oder der Eskalation soll vermieden werden, mit Trauer und Wut will sich der Ghostende erst gar nicht konfrontieren. Das reicht so weit, dass sogar eine knapp getippte Nachricht auf dem Smartphone zu viel ist. Es handelt sich um Menschen, die das Verführen weitaus besser verstehen als den eleganten Abgang.

Ghosting kann Bindungsängste erzeugen

Für Johanna war der ultimative Abgang ihres Partners ein unfassbarer Schlag. Sie bekam schwere Depressionen. Mit dem Liebeskummer klar zu kommen war die eine große Herausforderung. Zusätzlich spukten immer die gleichen fiesen Fragen nach dem „Warum“ durch Johannas Kopf? Warum hat er so plötzlich Schluss gemacht, warum hat er nie etwas angedeutet, warum hat er sich einfach aus dem Staub gemacht? Und dann noch die Angst, dass sich so etwas bei der nächsten Beziehung wiederholen könnte. Für Eric Hegmann, Paarberater aus Hamburg und Coach bei der Online-Partnervermittlung Parship, ein traumatischer Vertrauensverlust: „Ghosting hat das Potenzial, Bindungsängste und Bindungsstörungen zu erzeugen oder zu verstärken, wenn diese bereits vorhanden sind.“ Häufig sei professionelle Hilfe notwendig, um sich irgendwann wieder auf einen neuen Partner einlassen zu können.

„Wenn ich so drüber nachdenke, ging es denen nur darum, mich zu gewinnen“, erklärt sich Kirsten rückblickend die Gemeinsamkeit ihrer drei Ghosting-Vorfälle. „Wie charmant die waren. Deshalb bin ich überhaupt erst weich geworden. Was haben die nicht für tolle Komplimente gemacht. – Ich kam mir so umgarnt und begehrt vor, weil ich jeden einzelnen von ihnen anfangs ja gar nicht so toll fand. Aber irgendwie war ich doch empfänglich für das Geturtle. Und dann falle ich drei Mal hintereinander auf so einen selbstverliebten Gockel rein – oh man. Was war ich naiv!“

„Die persönliche Autonomie ist viel bedeutender geworden“

Dass Frauen eher Opfer von Ghosting werden, sieht Psychotherapeut Ulrich Schmitz nicht: „Da werden beidseitig schöne Augen gemacht, unausgesprochene Erwartungen geschürt, um dann unerklärt wegzubrechen.“ Für Männer wie Frauen seien die Rollenverpflichtungen heute deutlich geringer, ergänzt Schmitz: „Die Betonung der persönlichen Autonomie ist dagegen viel bedeutender geworden.“

Selbstbestimmtheit für den Preis der Verbindlichkeit – bis hin zum sang- und klanglosen Verschwinden. Aber auch wenn der Begriff Ghosting nach einem neuen Trend klingt, ist das Phänomen grundsätzlich altbewährt. Schon Udo Jürgens spielte in seinem Schlager „Ich war noch niemals in New York“ (1982) mit dem Gedanken: Wenn aus dem abendlichen Weg zum Zigarettenautomat ein Abschied für immer wird! „Jede Generation hat Wege gefunden, möglichst konfliktvermeidend eine Beziehung oder eine Affäre zu beenden“, schildert Eric Hegmann seine Erkenntnisse aus der Praxis. „Früher haben Menschen auf den Anrufbeantworter gesprochen, wenn sie wussten, dass die Person sicher nicht zuhause ist. Heute schreiben sie eine Textnachricht oder ändern den Beziehungsstatus bei Facebook.“

Was mit einem Wisch beginnt, endet auch so

„Allerdings tritt das Phänomen heute intensiver auf, da ja auch die Kontaktanbahnungen über die diversen Portale in ihrer Grundqualität unverbindlicher sind“, gibt Ulrich Schmitz zu Bedenken. Einst mussten Liebeshungrige noch ihren ganzen Mut zusammen nehmen, um den Typen an der Bar oder die Schönheit auf der Tanzfläche nach der Nummer zu fragen. Heute kann man Menschen neben den traditionellen Methoden auf relativ sicherem Terrain mittels digitaler Möglichkeiten kennenlernen. Partnerschaftsportale, Flirt-Apps, soziale Netze, spezielle Internetforen – es gibt unzählige Wege, um mit mehr oder weniger verbindlichen Absichten aufeinander zuzugehen. Unter Umständen reicht ein Bild in Boxershorts, das mit einem Wisch auf dem Handydisplay verworfen oder bestätigt wird.

Für Ulrich Schmitz sind Kontaktanbahnungen viel, viel spielerischer geworden und „dadurch auch unverbindlicher und risikoreicher. Das bietet zwar den Raum für Lebenserfahrung, aber auch mehr Risiko für Verletzungen. In diesem Sinne ist Ghosting auch eine verstärkte logische Konsequenz vom sich verändernden sozialen Miteinander.“ Eine Einschätzung, der Eric Hegmann größtenteils zustimmt: „Hier lässt sich durchaus feststellen, dass was mit einem Wisch beginnt auch mit einem Wisch beendet wird. Am Ende ist es aber weniger eine Frage der Technik, sondern vor allem eine Charakterfrage.“

Von Andrea Mayer-Halm/RND

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