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18:02 09.06.2018
Von 100 Nutzpflanzenarten (90 Prozent der weltweiten Nahrung) werden 71 von Bienen bestäubt. Ohne sie sieht es in den Supermarktregalen bald leer aus. Quelle: Montage: RND/NABU
Hannover

Es war ein ganz normaler Tag, Mitte Mai. Eigentlich. Nicht jedoch für die Kunden des Penny-Marktes in Hannover-Langenhagen. Denn diese standen an diesem Tag vor leeren Regalen. Es gab weder Äpfel, Birnen und Kiwis noch Auberginen. Die Süßigkeitenregale waren verwaist, ebenso viele Tiefkühltruhen und auch wer Kaffee brauchte, ging leer aus. Insgesamt fehlten 60 Prozent des Sortiments. Mit dieser Aktion wollte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zeigen, welche wichtige Rolle Bienen und andere Insekten bei der Erzeugung unserer Lebensmittel spielen.

„Bienen sind nach Rindern und Schweinen das drittwichtigste Nutztier des Menschen“, heißt es dazu beim Nabu. Weltweit seien über 85 Prozent der Wild- und Kulturpflanzen auf die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten angewiesen.

Insekten sorgen für gute Ernteerträge

Bienen, Fliegen, Wespen, Schmetterlinge und viele weitere Insekten sichern und erhöhen die Ernteerträge. Das gilt beispielsweise für Obstarten wie Äpfel, Kirschen, Pflaumen oder Beeren, für Gemüsearten wie Gurken, Melonen, Kürbisse oder Erbsen, für alle Ölsaaten wie Raps oder Distel – Öl steckt häufig in Fertigprodukten – und für Kakao, der oftmals in Süßigkeiten enthalten ist. Die Botschaft hinter der Aktion: Geht das Insektensterben so weiter, gibt es diese Produkte bald nicht mehr.

Discounter Penny und der Nabu haben die Regale ausgeräumt. Quelle: NABU/Till-David Schade

Imker sichern das Überleben der Honigbienen

Wenn es um Bestäubung geht, denkt man zuerst an Honigbienen. Seit Jahren ist vom Bienensterben die Rede. Fragt man bei Dr. Werner von der Ohe nach, dem Leiter des Instituts für Bienenkunde beim Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Celle, hört man dagegen: „Unseren Bienen geht es sehr gut“. Auch beim Braunschweiger Julius-Kühn-Institut, das seit zwei Jahren ein eigenes Fachinstitut für Bienenschutz hat, heißt es, die Zahl der Bienenvölker in Deutschland steige wieder – von 682.000 in 2006 auf 792.000 in 2017. Schadfälle und Überwinterungsverluste seien niedrig.

Also keine Spur mehr vom Bienensterben? Und was ist mit den Folgen der Pestizide? Von der Ohe macht klar, dass zwischen Honig- und Wildbienen unterschieden werden müsse: Bei den Honigbienen habe es immer wieder Verluste über den Winter gegeben. Das Hauptproblem dabei ist aus seiner Sicht die Varroamilbe, ein Parasit, der weltweit als größter Bienenschädling gilt. Bei guter Ernährungslage – wie in diesem Winter – seien die Bienen deutlich robuster, auch gegenüber Schädlingen. Für den Bienenexperten ist klar: „Die Honigbiene stirbt nicht aus, solange wir fürsorgliche Imker haben.“ Das sieht man beim Julius-Kühn-Institut ähnlich: Die Bienen würden dorthin gefahren, wo es für sie genug zu fressen gebe. Zur Not werde zugefüttert.

60 Prozent der Wildbienen sind bedroht

Ein Luxus, den ihre wild lebenden Artgenossen nicht haben: „Den Wildbienen geht es seit Jahrzehnten nicht gut, die Populationen gehen zurück. Von den ursprünglich 560 Arten sind über 60 Prozent bedroht, verschollen oder ausgestorben“, sagt von der Ohe. Wie eine Studie aus Krefeld 2017 ergeben hat, ist die Masse der Fluginsekten in der Zeit von 1989 bis 2015 um 75 Prozent zurückgegangen.

Manche Pflanzen brauchen bei der Bestäubungsspezialisten

Dabei leisten Wildbienen und andere Insekten wichtige Bestäubungsarbeit – nämlich überall dort, wo keine Honigbienen stehen. Und das kontinuierlich: „Hummeln fliegen schon im März aus und damit früher als Honigbienen“, erklärt Till-David Schade, Referent für biologische Vielfalt beim Nabu und an der Discounter-Aktion beteiligt. Die Honigbiene kann nicht alles, für manche Pflanzen braucht es bei der Bestäubung Spezialisten, die beispielsweise mit komplizierten oder besonders kleinen Blütenformen zurechtkommen. Wildbienen leisten zudem oft bessere Arbeit als ihre domestizierten Artgenossen: Sie wechseln häufiger von einem Baum zum nächsten, sorgen damit für mehr Austausch der Pollen – und so für eine bessere genetische Vielfalt. Die Leistung der Insekten ist also unbestritten. Nur, woran leiden sie? Das Hauptproblem sieht Bienenexperte von der Ohe im Verlust der Lebensräume: Wohngebiete werden ausgedehnt, Flächen versiegelt, die Äcker haben keine Seitenstreifen mehr, in denen Bienen siedeln und Nahrung finden können. Er erklärt, dass es Wildbienen gebe, die von nur einer Pflanzenart abhängig seien: „Wird an der Stelle, an der genau diese Pflanzen wachsen, ein Supermarkt angelegt, fällt die Nahrung für die Bienen weg.“

Für Obstbaumplantagen ist die Bestäubung durch Bienen und Co. existenziell. Quelle: dpa

Pestizide schwächen die Insekten

Aber nicht nur die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Suche nach Nahrung und Lebensräumen schwächen die Tiere, sondern auch der Einsatz von Pestiziden – und der trifft auch die Honigbienen. Die Rolle der Pestizide ist umstritten: Viele Imker, Naturschutz- und Umweltverbände sind überzeugt, dass vor allem die Insektizide den Bienen massiv schadeten. Auf der anderen Seite schreiben Bienenfachleute wie von der Ohe den Pestiziden eine „deutlich nachgelagerte“ Rolle zu. Dabei muss man wissen: Von der Ohes Institut ist Partner des seit 14 Jahren bestehenden Forschungsprojekts „Deutsches Bienenmonitoring“, das eigentlich klären soll, warum Bienenvölker sterben. Dieses steht in der Kritik, da jahrelang vier Pestizidhersteller zur Projektleitung gehörten und dieses auch finanziell unterstützten. Unabhängige Forschung sieht anders aus.

Jeder Einzelne kann zum Schutz der Bienen beitragen: Indem man bienenfreundliche Pflanzen aussät und auf jegliche Art von Insektiziden verzichtet. Hat eine Pflanze Blattläuse, ist es besser, diese zu entsorgen – statt mit der Chemiekeule auf sie loszugehen.

Die Politik schreitet ein

Die EU hat im April ein Zeichen gesetzt und drei Neonicotinoide verboten. Bei den Neonicotinoiden handelt es sich um hochwirksame Insektizide, die für Insekten wie ein Nervengift wirken. Sie dürfen im Freiland nicht mehr eingesetzt werden. Naturschützer wie Till-David Schade vom Nabu fordern, dass dieses Verbot auf alle Neonicotinoide ausgeweitet wird.

Von Monika Herbst/RND

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