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09:00 13.01.2018
Christian Hemschemeier ist Paartherapeut und schildert an dieser Stelle regelmäßig Fälle aus seiner Praxis. Der Autor ist zu erreichen unter www.liebeschip.de. Quelle: gpt
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Hannover

Angesichts der spannenden und andauernden Koalitionsverhandlungen in Berlin ist mir aufgefallen, wie sehr dieser Prozess auch auf Beziehungen anwendbar ist. Dieses ganze Hin und Her sowie die unzähligen On-und-off-Phasen haben mich an viele Situationen in meiner Praxis erinnert.

Zum Hauptkonzept meiner Arbeit mit Paaren gehören Standards und K.-o.-Kriterien. Standards sind all die Dinge, die wir gerne in einer Beziehung hätten. Etwa wie oft man sich sieht, wie viel Kommunikation es gibt, wie die Sexualität ist, wie gestritten wird und so weiter. All diese Dinge sind verhandelbar. Niemand von uns verliebt sich in jemanden, der exakt so wie man selber ist. Es braucht die Polarität, und damit gehen automatisch unterschiedliche Wünsche einher. Vielleicht will der eine sich im Schnitt viermal die Woche sehen, der andere nur zweimal, und letztlich trifft man sich irgendwie in der Mitte. Das wäre noch eine relativ einfache Lösung.

Für sich einstehen, macht attraktiv

Viele Wünsche lassen sich aber nicht so einfach verhandeln. Was ist zum Beispiel, wenn sie in Hamburg leben möchte und er in München? Oder er ein Kind möchte und sie aber erst – wenn überhaupt – in fünf Jahren? Dann helfen keine einfachen Kuhhandel (es bringt nichts, nach Köln zu ziehen, in die Mitte) und auch kein „unter den Teppich kehren“. Dann braucht es komplexere Lösungen, und das kann ein Prozess sein, der ähnlich langwierig ist wie die zuvor angesprochenen Koalitionsverhandlungen. Der Gewinn allerdings ist hoch, da man durch intensive (aber faire) Auseinandersetzungen die besten Lösungen erreicht – dieser Prozess kann auch viel Nähe bedeuten. Ein Partner, der liebevoll für sich einstehen kann, ist höchst attraktiv.

Ich würde mir auch wünschen, dass Menschen sich schon beim Dating Zeit lassen und prüfen, ob genügend Standards miteinander „kompatibel“ sind. Wir lassen uns oft mehr Zeit mit der Auswahl eines Autos oder Handys als damit zu prüfen, ob unsere neue Verabredung wirklich zu uns passt. Hier verlassen wir uns gerne nur auf das Gefühl, weil das so „romantisch“ ist.

Drum prüfe, wer sich bindet

Wenn wir aufgrund von schwierigen Verhältnissen in unserer Entwicklung einen etwas falsch programmierten „Liebeschip“ haben, kann es vorkommen, dass wir uns impulsiv immer wieder in die falschen Partner verlieben. In so einem Fall kann einem das wache Auge des Verstandes schon ganz schön helfen! Ich empfehle daher meinen Klienten immer, das Gegenüber wirklich zu prüfen und auch nach allem zu fragen, was einen interessiert.

Leider gibt es wie im politischen Berlin aber auch die K.-o.-Kriterien – und im Beziehungsleben zumindest wäre es auch gut, wenn diese vorhanden sind. Ein K.-o.-Kriterium ist ein Standard, der eben nicht verhandelbar ist, bei dem man einfach gehen darf und oft auch sollte. Dies kann (muss aber nicht) Fremdgehen sein, aber auch ganz andere, unter Umständen höchst persönliche Dinge, die man bei einem Partner einfach nicht vertragen kann. In den meisten sehr unglücklichen (oder, wie ich sie nenne, toxischen Beziehungen) hat mindestens ein Partner „vergessen“, welche Standards er hat, und geht nur noch nach seinem Gefühl.

Wer auch immer uns politisch regieren wird, ich finde es gut, wenn man auch im Liebesleben prüft, ob man den gleichen Weg geht. Und auch weiß, wann es genug ist und Zeit zu gehen (beziehungsweise beim Kennenlernen zu wissen, dieser Mensch ist nicht der Richtige für mich). Das kann zwar in dem Moment sehr schmerzhaft sein – ist aber zugleich auch der kürzeste Weg zum „Richtigen“.

Von Christian Hemschemeier/RND

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